Ortsentwicklung Lautlingen: Ortsvorsteher Heiko Peter Melle: „Wir haben wenigstens noch eine Festhalle“
Wie muss es den Menschen in „lutilinga“ (Lautlingen) vor 1230 Jahren wohl ergangen sein? Damals 793 erhielt Graf Berthold das Land als „Leihgabe“ wieder. Eine Urkunde, die dies belegt, findet sich im Stiftsarchiv St. Gallen und zeugt von der Existenz von Lautlingen. Am vergangenen Wochenende feierte der Ort sein Jubiläum mit einem Mittelaltermarkt. Doch es liegt nahe, dass Lautlingen noch viel älter ist: Schon in der Römerzeit führte ein Verkehrsweg vom Neckar zur Donau durch das Eyachtal. An dieser Verbindungslinie befindet sich Lautlingen.
1230 Jahre Lautlingen: Ein atemberaubender Mittelaltermarkt im Schlossgarten
Mit der Gebietsreform 1975 wurde Lautlingen Teil der Stadt Albstadt und hat heute etwa 1800 Einwohner. Was treibt diese Menschen um? Warum lieben sie es, in Lautlingen zu leben und was sollte sich ändern? Darüber hat die SÜDWEST PRESSE mit Ortsvorsteher Heiko Peter Melle gesprochen.
„Für mich ist es ein liebenswerter Ort, der schön gelegen ist.“ Melle komme viel herum und könne daher den Vergleich mit anderen Orten ziehen. „Man sagt: Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Das kann man auf unsere Heimat sehr gut beziehen“, ist der Ortsvorsteher überzeugt. „Ein ganz toller Ort ist natürlich unser Schlosspark.“ Dort bemerke man gar nicht, dass in etwa 50 Meter Entfernung eine Straße liegt, die Lautlingen täglich etwa 25 000 Fahrzeuge beschert: die Bundesstraße 463. „Ich kann in Lautlingen Flecken finden, an denen ich mich erholen kann, und die mit dieser höllischen Straße nichts zu tun haben.“
Wann kommt die Ortsumfahrung?
Die Ortsumfahrung wird seit Jahren diskutiert. Im Februar 2021 überraschte Regierungspräsident Klaus Tappeser mit dem Antrag eines Planfeststellungsverfahrens. „Das Ganze liegt beim Regierungspräsidium zur Prüfung. Was und wie geprüft wird, wird uns nicht mitgeteilt.“ Laut Ortsvorsteher Melle ist das Regierungspräsidium diesbezüglich wenig informativ. Trotzdem sieht er die Prüfung auch positiv: Dadurch herrsche etwas Ruhe im Ort.
Melle hofft allerdings zum Jahresende oder Anfang 2024 auf die ersten Ergebnisse des Planfeststellungsverfahrens. Letztlich aber handelt es sich bei der Ortsumfahrung um ein Problem, das Lautlingen zwar seit Jahren belastet, aber eines, das nicht länger vom Ortschaftsrat gelöst werden kann.
Wesentlich mehr Spielraum haben die Ratsmitglieder, wenn es um kleinere Aufgaben geht, die durch Eigenverfügungsmittel finanziert werden können. Diese Mittel kann der Ortschaftsrat nach eigenem Ermessen nutzen. „Wir haben dadurch gemeinsam mit dem TSV Beleuchtung im unteren Schlossgarten angebracht“, nennt Heiko Peter Melle ein Beispiel. „Das war immer ein dunkles Loch.“
Die Eigenverfügungsmittel sind nach Einwohner gestaffelt. Während der Haushaltssperre können die Ortschaftsräte nicht darauf zugreifen und Melle fragt sich berechtigterweise, ob es diese Mittel in Hinblick auf die finanzielle Lage der Stadt auch in Zukunft geben wird.
Finanzen lassen keine Sanierung der Festhalle zu
Die Finanzen lassen es derzeit auch nicht zu, die Festhalle zu sanieren. Wie berichtet, hat die Stadt Albstadt ein Hallensanierungsprogramm. Das muss angesichts der Haushaltssperre allerdings erneut überarbeitet werden. Welche Projekte in naher Zukunft umgesetzt werden, wird sich erst im neuen Haushaltsplan zeigen.
Von Milliarden Euro Sanierungsstau spricht Melle, der aber nicht vom jetzigen Gemeinderat und der derzeitigen Verwaltung verursacht wurde. „Die schwierigen Zeiten kommen noch“, betont er. In Lautlingen aber könne man zufrieden sein. „Klar haben wir noch ein paar Straßen, die Arbeiten erfordern und bei der Festhalle wären wir gottfroh, wenn wir eine große Sanierung bekommen würden, aber wir sind auch froh, wenn sie die nächsten 20 Jahre funktioniert. Wir haben wenigstens noch eine Festhalle“, fasst es Melle zusammen und ergänzt: „Wir haben jetzt eine neue Lautsprecheranlage in der Halle.“ Damit könne Lautlingen noch einige Jahre gut zurechtkommen. „Wir müssen uns damit arrangieren.“ Die ein oder andere Reparatur werde möglicherweise schon in naher Zukunft durchgeführt werden, hofft er.
Arbeiten an der Blaikenstraße
Das gilt ebenfalls für die Blaikenstraße. „Das sind eigentlich Löcher, die durch Makadam zusammengehalten werden.“ Da es sich allerdings nicht um eine große Durchgangsstraße handelt, werden andere Straßen bevorzugt. „Dafür ist der große Aufreger des vergangenen Jahrs, der Hossinger Weg, so gut wie fertig.“ In naher Zukunft komme noch eine Spritzdecke darauf.
Die Straße wurde zum Problem, weil der Zustand zu Unfällen führte, sie aber auf Privatgrund lag und die Stadt daher nichts tun konnte. „Eineinhalb Jahre haben wir Gespräche mit den Eigentümern geführt“, erklärt Melle, bis man eine Einigung fand. Viele Lösungen erreiche Melle über Gespräche mit Eigentümern, Stadtverwaltung und -mitarbeitern, „und nicht durchs große Brüllen oder Kommentare in den sozialen Netzwerken.“
Viele Bürgerinnen und Bürger suchen das Gespräch mit Ortsvorsteher Heiko Peter Melle. Die Themen: eine kaputte Straßenlaterne, ein klappernder Schaft und illegale Müllablagerung. Ein Ortsvorsteher habe dabei unter anderem die Rolle des Vermittlers zwischen der Stadtverwaltung und der Bürgerschaft und fängt einiges auf. Dafür sind beispielsweise die Bürgersprechstunden da. „Viel wichtiger ist aber der Wochenmarkt und Veranstaltungen, da sprechen mich viele an.“
Vielleicht liegt es auch daran, dass die Hemmschwelle, einen Ortsvorsteher anzusprechen, geringer ist, als einen Oberbürgermeister auf ein Problem aufmerksam zu machen. „Roland Tralmer ist allerdings sehr bemüht, solche Hemmschwellen abzubauen und die Verwaltung niederschwelliger zu gestalten“, hat Melle die Erfahrung gemacht. Das gelte auch für ihn als Ortsvorsteher. „Das kann nur gut sein für unsere Stadt.“
Kein Neid zwischen den Ortsteilen
So lasse sich zudem Neid zwischen den Ortsteilen vermeiden. „Wenn das Oberhaupt gut funktioniert, funktionieren auch die Stadtteile“, ist er überzeugt. Von Lokalpatriotismus sei keine Spur. „Wir haben einen sehr guten Kontakt untereinander“, sagt Melle über seine Ortsvorsteherkollegen. „Der eine hilft dem anderen aus.“ Wichtig ist dabei, die Eigenheiten der einzelnen Orte zu bewahren. „Jeder Stadtteil hat seine Eigenheiten und das ist das Liebenswerte an jedem Ort.“ Die Bewahrung dieser Eigenheiten wurde sogar im Einigungsvertrag in den 1970er-Jahren festgehalten, weiß Melle.
Stellt sich Heiko Peter Melle wieder auf?
Im nächsten Jahr sind Kommunalwahlen, dann wird auch der Ortschaftsrat neu gewählt. Dieser wählt entweder aus den eigenen Reihen einen Vorsteher oder schlägt jemanden aus der Bürgerschaft vor.
Heiko Peter Melle hat noch nicht entschieden, ob er erneut bereit wäre, Ortsvorsteher zu werden. Spätestens zum Jahreswechsel wolle er sich entscheiden.
Erneute Ausgrabungen im Gewerbegebiet Hirnau
Die archäologischen Ausgrabungen im Bereich des geplanten Gewerbegebiets Hirnau wurden kürzlich erneut thematisiert. Das Landesamt für Denkmalpflege hatte im Auftrag der Stadt Albstadt 2022 Sondierungen durchgeführt. Das ist Teil des Bebauungsplanverfahrens. Gefunden worden sind Überreste einer Alamannin von 600 bis 700 nach Christus sowie Anzeichen für weitere Stücke. Doch wie geht es jetzt weiter? Die Bebauungsplanung sollte eigentlich Ende 2024 abgeschlossen sein.
Das Landesamt stellt auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE klar, dass es noch kein Datum für den Beginn der archäologischen Ausgrabungen gibt. „Uns sind keine konkreten Planungen bekannt und ein Antrag auf Grabungsgenehmigung liegt bisher nicht vor“, teilt das Presseamt mit. Man sei im Austausch mit der Stadt, welche die Kosten tragen muss. Es liegen allerdings noch keine Zahlen vor, sagt Bürgermeister Udo Hollauer. Liegen diese vor, wird der Gemeinderat erneut diskutieren müssen, ob die Pläne in der beschlossenen Form umsetzbar sind oder nicht, ergänzt er. „Die Kosten hängen vom Umfang der gefundenen archäologischen Zeugnisse und damit von der Dauer der Ausgrabungen ab“, so das Landesamt.



