Der Gemeinderat wird gespalten, die Grünen opfern ihren Kandidaten“ – in Albstadt rumort es und die Interpretationen des Bündnisses zur Unterstützung des parteilosen OB-Kandidaten Udo Hollauer sind vielfältig. Das merken auch die beiden Bewerber Roland Tralmer und Markus Ringle. Warum aber sorgt eine Unterstützungsbekundung für solche Empörung?
Die Freien Wähler und die SPD haben bei der diesjährigen Wahl zum Oberbürgermeister keine Kandidatin, keinen Kandidaten stellen können. Dementsprechend gab es parteipolitisch zunächst keinen Kandidaten, den es zu unterstützen galt. „Wir als SPD wollten uns erstmal aus dem Wahlkampf raushalten, da unser eigener Kandidat krankheitsbedingt absagte“, erklärt Simon Much, Öffentlichkeitsreferent des SPD-Stadtverbands. „Die Freien Wähler haben sich zurückgehalten, da Hollauer seinen Wahlkampf klar als unabhängiger Kandidat gestartet hat.“ Die Grünen hatten zunächst Markus Ringle unterstützt.
Doch genau darin liegt für viele Albstädter das Problem: Erst nach dem ersten Wahlgang wurde strategisch ein Kandidat gewählt, der vermeintlich die besseren Chancen auf den Chefsessel hat – nach dem Motto: Hauptsache nicht „der schwarze Filz“ des CDU-Kandidaten Roland Tralmer. Zusätzlich setzen einige Grünen-Stadträte nicht einmal mehr auf das eigene Pferd. Das stößt so manchen Bürgerinnen und Bürgern auf. „Politische Überzeugung sieht anders aus“, sagt Ringle gegenüber der SÜDWEST PRESSE. Der nach der Anfrage zu einem Pressegespräch geladen hatte. Mit dabei waren mit die Grünen-Stadträte Martin Kistermann und Friedrich Rau.

„Abkehr der halben Fraktion“

„Die Abkehr der halben Fraktion der Grünen von Ringle kann mit dem massiven Abstand zwischen Ringle und Tralmer erklärt werden“, so Much. „Da gibt es auch ein sehr passendes Zitat von Susanne Feil: ‚Wer Ringle wählt, bekommt Tralmer‘.“ Markus Ringle aber kann dieser Schlussfolgerung nicht folgen. Die etwa 20 Prozent der Stimmen, die sich für ihn entschieden haben, seien im zweiten Wahlgang keine „freie Masse“, wie sie „die Bunten“, wie das Bündnis genannt wird, darstellen. Wer also für Markus Ringle ein Kreuz setzt, setzt dieses eben nicht für Roland Tralmer, aber auch nicht für Udo Hollauer, erklärt der Kandidat. „Meine OB-Kandidatur begründet sich zu wesentlichen Teilen darin, eine Alternative zu den zwei ersten Kandidaten anzubieten.“ Diese selbst ernannte Alternative erhielt ein Fünftel der abgegebenen Stimmen.
„Was mich wirklich beschäftigt, sind die ausgefahrenen Ellbogen und die Polemik der Bunten“, wie Ringle die wahltaktische und parteipolitische Gründung des Bündnisses beschreibt. „Für völlig unangemessen halte ich die bewusste Spaltung des Gemeinderats in zwei Lager.“ Das treibt auch Roland Tralmer um. An seinem Wahlkampf wolle er zwar nichts ändern, doch der bislang sachliche und themenorientierte sei ein parteipolitischer Tralmer-Verhinderungswahlkampf geworden und die Grünen zerlegen sich selbst, erklärt er auf Anfrage. Er gehe davon aus, dass das auch die Bürgerschaft erkennen wird. „Zusammenführen statt Spalten und miteinander zu kommunizieren, das sind die Aufgabe eines Oberbürgermeisters“, ist der CDU-Kandidat überzeugt.

Gibt es einen Graben zwischen den Fraktionen?

Wie groß der Graben innerhalb des Gemeinderats nach der Wahl sein wird, das möchte keiner der beiden spekulieren. Es wird davon abhängen, wie beide Lager im weiteren Verlauf miteinander umgehen, ist Ringle überzeugt. „Es ist eine anstrengende Situation.“
Und was sagt eigentlich Udo Hollauer zu den neugewonnenen Unterstützern? „Ich bin dankbar dafür“, sagt er. Gespräche habe es nach der Wahl einige gegeben. Dabei spielte vor allem die schlechte Wahlbeteiligung eine Rolle. Was innerhalb der Grünen-Fraktion passiert, dazu möchte sich Hollauer nicht äußern. Die Bunten haben indes eine Erklärung wie es zu ihrem Zusammenschluss kam: „Gemeinsame Punkte, die uns alle erst jetzt zu dieser Unterstützung gebracht haben, sind unter anderem die schlechte Wahlbeteiligung“, so Simon Much, „und das gemeinsame Ziel, Roland Tralmer zu verhindern und ein buntes statt nur schwarzes Albstadt zu fördern, was mit vereinten Kräften deutlich besser gelingen kann.“
Ob diese polarisierenden Überlegungen geeignet sind, die Wahlbeteiligung zu steigern, sei ungewiss, entgegnet Markus Ringle. „Ich gehe aber davon aus, dass sich die Wogen wieder glätten werden.“ Schließlich wird innerhalb der Fraktion miteinander gesprochen. Erst am Samstagvormittag hatte er noch ein Telefonat mit Fraktionsvorsitzenden Susanne Feil. So bleibe er der Fraktion und der Partei zugehörig.
Möglich aber, dass sich der Rauch nicht verziehen wird, denn nach der OB-Wahl geht es bald um die Kommunalwahl 2024. „Die OB-Wahl ist ein wichtiges Momentum für die Kommunalwahl“, so Ringle. Allerdings sollten „parteipolitische Färbungen nicht überbetont werden“, sagt er auch im Hinblick auf die OB-Wahl am Sonntag, 19. März. Dafür werben auch Udo Hollauer und Roland Tralmer.

Woran könnte die niedrige Wahlbeteiligung liegen?

Sorgt ein solches Bündnis für eine größere Wahlbeteiligung? Das zumindest ist die Hoffnung der Bunten, wie das Bündnis zur Unterstützung Udo Hollauers genannt wird. Denn bei einer Sache sind sich alle einige: Die Wahlbeteiligung war viel zu niedrig. Alle drei Kandidaten erhielten die Rückmeldung, dass sich einige Bürgerinnen und Bürger gegen eine Abstimmung entschieden haben, weil sie glaubten, es wird sich beim ersten Wahlgang nicht entscheiden. Genau diese Denkweise könnte allerdings überhaupt erst zu einem zweiten Wahlgang geführt haben.
Andere äußerten sich allgemein kritisch zu Wahlen, erklärt Markus Ringle. Er befürchtet, dass genau diese durch ein solches Bündnis und eine mögliche Spaltung des Gemeinderats nicht für den zweiten Wahlgang gewonnen werden können. Er sieht dies als Erbe des amtierenden Oberbürgermeister Klaus Konzelmann. Während seiner Amtszeit habe das Interesse an Politik abgenommen. Diese wollen alle drei Kandidaten wieder wecken.
Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass sich die Inhalte der Wahlprogramme aller drei Kandidaten ähneln. Diese Kritik wird auch beim Bundestag laut. Auch dort gleichen sich viele Parteien an, wer Unterschiede finden möchte, muss teils sehr stark ins Detail gehen. Allerdings lassen sie sich in Albstadt damit erklären, dass alle drei Kandidaten Erfahrungen im Gestalten der Stadt haben und ihre Wahlprogramme Themen beinhalten, die auch viele Bürgerinnen und Bürger und das Land an sich umtreiben.