Manfred Mai sitzt in seinem Schreibzimmer, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und blickt auf ein mannshohes Regal. Rund 150 Bücher bewahrt er darin auf, feinsäuberlich sortiert. Es ist sein ein und alles, sein Lebenswerk. Der Winterlinger Autor, der sich vor allem der Kinderliteratur verschrieben hat, denkt sich seit mehr als 40 Jahren Geschichten aus. Der Ruhestand ist für ihn noch in weiter Ferne. Mai liebt das, was er tut, noch immer. Zwei, drei Bücher möchte der 73-Jährige noch in dieses Regal stellen, mindestens. Auch wenn sich das Geschäft in vier Dekaden stark verändert hat. In vielen Fällen nicht zum Positiven, wie er sagt.

Sehen Sie ihren Berufsstand gefährdet, Herr Mai?

Manfred Mai: Aktuell nicht (lacht). Sollte ich?

Die Konkurrenz scheint übermächtig. So zeigt etwa Netflix zeigt maßgeschneiderte Kinderserien. Auf den Smartphones gibt es unzählige Spiele, die den Kindern ein Leuchten in die Augen treiben.

Das stimmt schon. Die Reize durch flackernde Bildschirme sind stark. Sehr stark sogar. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass das gedruckte Kinderbuch nie aussterben wird. Ich sehe die Eltern in der Pflicht: Das Buch ist eine hervorragende Möglichkeit, den Nachwuchs für Geschichten zu begeistern, die Fantasie anzuregen und die Sprache zu fördern. Das können Handyspiele oder Serien so nicht leisten. Schwieriger wird es, wenn der Nachwuchs älter wird.

Wie meinen Sie das?

Im Kindergarten- und Grundschulalter können die Eltern viel steuern. Wenn das Kind jedoch in die Pubertät kommt, will es natürlich mehr Freiheiten. Dann greift es in vielen Fällen eher zum Smartphone oder zum Videospiel als zum Jugendbuch. Deswegen glaube ich, dass Bücher es in dieser Altersgruppe zunehmend schwerer haben.

An was arbeiten Sie gerade?

Ich habe kürzlich eine Fantasie-Geschichte fertig geschrieben. Eine Hauptfigur ist ein Eichhörnchen. Es kann sprechen, lebt in einem Zauberwald und möchte wissen, was sich dahinter verbirgt. Schließlich kommt es in unserer Welt an und trifft ein Mädchen. Die beiden freunden sich an und erleben eine spannende Zeit zusammen.

Wann kommt das Buch raus?

Vorerst nicht.

Warum nicht?

Ich hatte mit der Leiterin eines großen Verlags Kontakt. Wir kennen uns schon lange. Ich habe ihr von meiner Idee erzählt. Sie fand die Handlung klasse und wollte sich persönlich um das Projekt kümmern. Irgendwann hat sie es zeitlich nicht mehr geschafft und das Projekt an eine junge Lektorin übergeben. Die hat ziemlich viel angestrichen und moniert: zu wenig Action, nicht aktuell genug, sprachlich teilweise nicht ganz zeitgemäß, zu klassisch erzählt. Ich lasse durchaus mit mir reden und habe auch Änderungen eingearbeitet. Als wir schließlich fertig waren und alle zufrieden waren, kam aber die Hammer-Nachricht: Der Vertrieb sagte, die Absatz-Schätzung reichen nicht, um das Buch zu drucken. Da war ich wütend und enttäuscht: Erst arbeitet man gemeinsam an dem Projekt und dann sagt der Verlag kurz vor der Ziellinie alles ab. Sowas hätte es früher nicht gegeben.

Wie hat sich die Arbeit als Kinderbuchautor verändert?

Als ich anfing, lief es so: Ich hatte eine Idee für eine Geschichte, daraufhin habe ich ein Exposé geschrieben und bin damit zu einem Verlag gegangen. Wenn es gut lief, hat der Lektor ja gesagt. Mittlerweile muss die Idee viele Konferenzen überstehen und mit Ergebnissen von Leserumfragen vereinbar sein. Da wird viel analysiert, durchdacht und berechnet. Bis zu einem gewissen Maß kann ich das Procedere verstehen, doch so wird auch das ein oder andere gute Buch verhindert.

Hätten Kinderbuch-Klassiker wie Räuber Hotzenplotz oder Michel aus Lönneberga bei Verlagen überhaupt eine Chance, wenn man sie heute einreichen würde?

Mit Sicherheit nicht (grinst). Die würden beim Verlag lachend vom Stuhl fallen und täten das alles als „viel zu altbacken und viel zu brav“ ab. In den Geschichten kommen Dinge wie Kaffeemühlen vor. Heute müsste man das alles streichen und durch neuere Gegenstände ersetzen. Ich gehe da aber nicht immer mit. Aus meiner Sicht muss die Handlung nicht zwingend im Hier und Jetzt spielen und nach modernen Maßstäben laufen. Auch klassische Erzählungen funktionieren noch und das wird sich nicht ändern, da bin ich sicher.

Fühlen Sie sich in ihrer Freiheit als Autor eingeschränkt?

Das Kreativitäts-Korsett wird enger, ja. Es gibt viel mehr Vorgaben, es wird gekürzt, gestrichen und es wird auch penibel auf Gleichberechtigung geachtet. Wenn ich zum Beispiel ein Fußball-Buch für Jungen schreiben würde, müssten da in der Mannschaft auch immer ein paar Mädchen mitspielen. Zudem ist es inzwischen nahezu unvorstellbar, einem Mädchen eine eher negative Rolle in einer Geschichte zu geben. Vor allem ich als alter weißer Mann kann das nicht tun. Die Verlage fürchten böse Briefe von Leserinnen.

Welche Tipps geben Sie jungen Kollegen mit auf den Weg?

Es gibt Autoren, die schreiben Geschichten nach dem Motto: Was verkauft sich gerade am besten? Diesen Ansatz finde ich nicht gut. Man sollte über Dinge schreiben, die einen bewegen. Dann ist man in der Lage, Begeisterung beim Leser auszulösen. Und darum sollte es gehen.

Warum schreiben Sie noch?

Genau deswegen. Es ist nach wie vor meine Passion. Und ich merke, dass gute Geschichten gefragter denn je sind. Wie Studien zeigen, haben viele Kinder zunehmend Probleme mit dem Lesen. Man muss sie also erstmal erreichen. Am besten mit spannenden Geschichten, die sie packen. So sehr, dass sie weiterblättern wollen. Seite um Seite.

Winterlingen und dem Zollernalbkreis verbunden

Biografie Manfred Mai wurde 1949 in Winterlingen geboren. Der studierte Pädagoge arbeitete zunächst als Lehrer, schrieb zudem nebenher Geschichten und Gedichte. Er wurde schließlich so erfolgreich, dass er sich nur noch dem Schreiben widmete.
Lebenswerk Mai hat rund 150 Bücher veröffentlicht, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Er hielt nicht nur an deutschen Schulen Lesungen, sondern auch in Sibirien und der Türkei. Seine Werke wurden insgesamt mehr als zehn Millionen Mal verkauft.
Lokalpatriot Der 73-Jährige schätzt seine Heimat, den Zollernalbkreis. Er mag die Landschaft und den Fakt, „dass es hier noch einen Winter gibt“. Mit seinen langjährigen Freunden spielt Mai immer noch Fußball und Tennis.