Kunstmuseum Albstadt
: Kunst interaktiv und barrierefrei

Im Ebinger Kunstmuseum baut man bewusst soziale und kulturelle Barrieren ab, damit die gesamte Bevölkerung Kunst mit allen Sinnen wahrnehmen kann und Hemmschwellen abgebaut werden.
Von
Vera Bender
Albstadt
Jetzt in der App anhören
Kunstmuseum Albstadt: Im jungen Kunstraum vermittelt Carina Rosenlehner den Schülern Kunst.

Kunstmuseum Albstadt: Im jungen Kunstraum vermittelt Carina Rosenlehner den Schülern Kunst.

Vera Bender

Die Jungs und Mädchen im Grundschulalter ziehen sich noch schnell warme Socken, Handschuhe und Mützen an, denn heute reisen sie an den Südpol zu den Pinguinen. Und danach wird alles wieder in den Koffer gepackt. Man schnappt sich Sonnenhut, Bikini und Sonnenbrille, denn die sechs Kinder gehen auf ihren nächsten Trip nach Afrika und bestaunen erst mal das „Esodil“.

Nein, das ist kein Märchen, sondern Wirklichkeit. Geschehen an einem Donnerstagvormittag in Albstadt. Genauer gesagt im „jungen kunstraum“ des Kunstmuseums Albstadt. Sechs Schützlinge der Rossentalschule in Truchtelfingen tauchen gemeinsam mit ihren beiden Lehrerinnen Sina Lorch und Anke Zimmermann in die Tiefen des Museums ein und haben unendlich viel Spaß dabei. Für diesen Spaß sorgen Melanie Löckel, die stellvertretende Museumleiterin, und vor allem Museumspädagogin Carina Rosenlehner. Seit zwei Jahren wird bereits am Kunstmuseum an der Konzeption der Barrierefreiheit gearbeitet, wie Melanie Löckel erläutert, seit Mitte April hat man regelmäßig die Kinder der Rossentalschule, eine sonderpädagogische Bildungseinrichtung in Truchtelfingen, zu Gast.

Mit allen Sinnen und viel Spaß

Gast stimmt eigentlich gar nicht. Die Mädchen und Jungs fühlen sich in den Räumen so wohl, als wären sie zu Hause. Sie haben überhaupt keine Berührungsängste, was nicht bedeutet, dass sie alles anfassen. Und doch ist Anfassen in vielen Fällen erlaubt, ja sogar gewünscht. Das Team des Kinder- und Familienmuseums, das im Jahr 2011 den „jungen kunstraum“ geschaffen hat, in dem die Ausstellungen jeweils ein Jahr präsentiert werden und dann erst wechseln, will die Kunstvermittlung nachhaltiger gestalten, erklärt Löckel und berichtet, dass die Ausstellung vor einem Jahr mit dem Titel „Mit allen Sinnen“ den Ausschlag für das neue Konzept gegeben habe. „Kunst mit allen Sinnen wahrnehmen“, so die Kunstexpertin, „das ist unser Ziel“. Dazu hat man sogar eigens ein Ausstellungsbuch aufgelegt und ein Mitmachheft in leichter Sprache gestaltet, welches die Kinder bekommen.

Museumspädagogin Carina Rosenlehner macht mit den Kindern eine Reise um die Welt.

Museumspädagogin Carina Rosenlehner macht mit den Kindern eine Reise um die Welt.

Vera Bender

Und die blühen in den sonst eher ehrwürdigen Räumen der Stille total auf. Manchmal überschlagen sie sich regelrecht. Man hört Gelächter. Und heißt es nicht, dass Kunst im Auge des Betrachters liegt? Ja, die jungen Leute betrachten die Ausstellungsstücke tatsächlich ganz anders. Das wird deutlich. Und davon kann man selbst nur lernen. Dass die Kinder so wertfrei und natürlich mit Kunst umgehen, hat einen Grund. Nicht nur, dass die Schülerinnen und Schüler unbelastet mit dem Thema in Berührung kommen. Sie werden auch ein Stück weit angeleitet. Carina Rosenlehner begrüßt die Schützlinge freudig an der Museumstür, kennt jeden mit Namen und setzt sich zunächst im Kreis mit ihnen auf die Bodenkissen. Man lässt den letzten Museumsbesuch Revue passieren, erinnert sich an besondere Dinge und ist schon ganz gespannt, was es dieses Mal Schönes gibt.

Interaktive Reise durch das Museum

„Eine Reise um die Welt“ heißt die laufende Ausstellung. Das ist dann auch Programm. Wo will der Einzelne einmal unbedingt hinreisen? Jeder darf sich mitteilen. Dann sucht man gemeinsam auf der überdimensionalen Landkarte, wo das betreffende Land liegt und benennt die fünf Kontinente, dazu Nordpol und Südpol. Jeder trägt etwas dazu bei. Und gedanklich ist man schon längst auf der Reise. Wie gut, dass gleich um die Ecke ein alter, geöffneter Koffer steht. Hier gibt es Utensilien wie eine Sandschaufel, ein Fernglas, eine Sonnenbrille und vieles mehr. Daneben steht ein Globus. Ja, man muss sich natürlich auch auf eine Reise vorbereiten. Alles darf angefasst und benutzt werden. Das gehört mit zum barrierefreien Konzept.

In der Druckwerkstatt des Kunstmuseums Albstadt werden Kunstwerke für die Ausstellung gefertigt.

In der Druckwerkstatt des Kunstmuseums Albstadt werden Kunstwerke für die Ausstellung gefertigt.

Vera Bender

Die Bilder hängen hier im „jungen kunstraum“ tiefer als in den anderen Ausstellungsräumen. Dann bekommen die kleinen Besucher auch keine Genickstarre. Oder Menschen im Rollstuhl. Denn bis auf das Dachgeschoss kann man alle Räumlichkeiten auch über einen Aufzug erreichen und so mit dem Rollstuhl das Museum besuchen. Neben einem Druck hängt gleich die dazugehörende Druckplatte mit ihren Vertiefungen. Das ist Kunst für alle Sinne. Wer blind ist, kann quasi die Kunst fühlen. Vereinzelt gibt es schon Piktogramme, mit denen auch die Rossentalschule arbeitet. Diesen Bereich wollen Löckel und Rosenlehner ohnehin noch weiter ausbauen. Letztere sucht sich das Bild einer Stadt aus und fragt die Kinder nacheinander, welche Eindrücke sie haben. „Ist das für dich warm? Welche Farben sind zu sehen? In welchen Raum würdest du dieses Bild hängen? An was denkst du bei diesem Bild?“ Was für das eine Mädchen eine warme Landschaft ist, ist für das andere eher eine kalte. Die Eindrücke sind sehr subjektiv. Und Carina Rosenlehner macht auch immer wieder deutlich: „Es gibt kein richtig und kein falsch.“

Das ist mit ein Schlüssel für Melanie Löckel, weshalb diese besonderen Museumseinheiten bei den Kindern auf großen Zuspruch stoßen: „Hier gibt es keinen Leistungsdruck.“ Im Kunstmuseum Albstadt darf man die Kunst einfach auf sich wirken lassen. An der Hörstation kann man etwas über den Kolonialismus erfahren. Alles in leichter Sprache. Mit allen Sinnen. Das Konzept ist einfach und doch genial. Es werden Barrieren abgebaut – soziale und kulturelle. Auch gesellschaftliche Barrieren. Kinder und Jugendliche, die noch nicht volljährig sind, zahlen hier auch keinen Eintritt. Dazu hat sich das Kunstmuseum auf die Fahnen geschrieben, dass jeder Kindergarten und jede Schule Albstadts einmal im Jahr ins Museum kommt. Wenn man dann noch, wie die Kinder der Rossentalschule, selbst Kunstwerke schaffen darf, indem man in der Druckwerkstatt im Erdgeschoss einen eigenen Linolschnitt anfertigt, der dann gedruckt wird, dann schafft das Bindungen zur Bildungseinrichtung.

Führungen für Demente und Blinde

„Die Themen sind leicht verständlich. Es ist kein Hintergrundwissen nötig“, betont Melanie Löckel. Mit der Kirchgrabenschule und der Schalksburggrundschule hat man ebenfalls Kooperationen und einen festen wöchentlichen Termin. Die beiden Museumsmitarbeiterinnen wollen auch noch an Vereine und Pflegeheime herantreten. Führungen mit demenzkranken Personen sind denkbar. Ob körperlich, geistig oder sehbehindert – für alle sind Führungen und Konzepte möglich. An diesen wird in Ebingen fleißig gearbeitet. Es gilt, die Richtlinien des Deutschen Museumsbundes umzusetzen, sich weiterzubilden und die Theorie in die Praxis umzusetzen. „Gebärden sind wichtig“, betont Carina Rosenlehner und strahlt übers ganze Gesicht, als sie bekennt: „Es macht unglaublich viel Spaß.“ Das merken nicht nur die Kinder, die sich schon auf den nächsten Besuch freuen.

Im jungen kunstraum gilt es, Kunst interaktiv zu entdecken.

Im jungen kunstraum gilt es, Kunst interaktiv zu entdecken.

Vera Bender

Premiere einer besonderen Ausstellung

Eine Ausstellung mit den Werken der Schüler aus der Rossentalschule Truchtelfingen wird es im Kunstmuseum Albstadt vom 12. bis 14. Juli geben. Die kleinen Künstler signieren sogar ihre Exponate, die in der Druckwerkstatt geschaffen wurden. Im Forum und im Landenbergersaal werden die Kunstwerke in den Dialog gestellt mit den Ausstellungsstücken namhafter Künstler. Am Freitag, 12. Juli, um 15 Uhr ist die Ausstellungseröffnung, zu der die Bevölkerung eingeladen ist.