Flüchtlingsunterkünfte Albstadt: Keine Brennpunkte schaffen
Bestuhlt war in der Zollern-Alb-Halle in Tailfingen am Mittwochabend für über 400 Leute – zu Beginn der Informationsveranstaltung waren nicht einmal 100 Plätze belegt, davon rund ein Drittel von Mandatsträgern.
Man wunderte sich, dass zu dieser zweiten Veranstaltung zum Thema Flüchtlingsunterbringung kaum Interessenten gekommen waren. Denn am 24. Oktober platzte das Foyer der Walther-Groz-Schule bei der ersten Veranstaltung aus allen Nähten. Es gab Beschwerden, man habe den Ort absichtlich so gewählt, damit nicht alle teilnehmen könnten. Nun also eine größere Halle. Der Nikolaustag kann es ja wohl schlecht gewesen sein, der die Bürgerinnen und Bürger vom Erscheinen abhielt.
Es fand ein reger Austausch statt. Recht emotional schilderten manche ihre Ängste. Landrat Günther-Martin Pauli bat um gegenseitiges Verständnis. Er nehme die Sorgen der Bürger ernst und versuche, Lösungen zu finden. Aber man müsse auch die Lage verstehen, in der sich – nicht nur – der Zollernalbkreis befände. Am Monatsanfang erhält man im Landratsamt die Meldung vom Land, wie viele Menschen für eine Unterbringung zugeteilt werden, zur Monatsmitte stünden sie dann quasi vor der Tür, so Sozialdezernent Georg Link.
Keiner ist glücklich mit der Situation
„Wir können nicht nein sagen“, verdeutlichte auch nochmals Hausherr Roland Tralmer. Der Albstädter Oberbürgermeister versicherte den Anwesenden: „Weder ich noch der Landrat stehen morgens mit dem Gedanken auf, wie machen wir den Albstädtern das Leben schwer.“ Dass beide Verantwortlichen selbst nicht glücklich mit der Lage sind, wurde mehr als deutlich. Aber „Der Zustrom nach Deutschland kann von den Kommunen oder dem Landkreis nicht gelöst werden. Wir müssen aber mit dem Problem vor Ort umgehen und Geflüchtete unterbringen“, nahm Tralmer klar Stellung.
Bagger zu schnell angerollt
Dennoch unterstellten manche Anwesenden sowohl dem Landrat als auch dem Albstädter Oberbürgermeister, man wolle die Bürger übergehen. Beispielsweise seien nur drei Tage nach Benachrichtigung der Anlieger über das Baugesuch des Landkreises für das Containerdorf neben dem Thalia-Theater in Tailfingen bereits die Bagger angerollt. Andere berichteten, dass das ehemalige Gasthaus „Grüne Au“ in Ebingen bereits ausgeräumt und hergerichtet werde, aber die Nachbarschaft nicht richtig informiert sei, wer, wie viele, wann und aus welchen Herkunftsländern dort einziehen werden.
Keine Grundsatzdiskussion
Landrat Pauli verwies abermals auf die Kürze der Zeit: „Wir werden noch mit vielen Menschen rechnen müssen. Ich kann sie nicht auf die Straße setzen oder Zelte.“ Dass die Belegung von Sporthallen denkbar ungünstig sei, leuchte jedem ein, so der Landrat weiter. Man müsse mit den Gegebenheiten vernünftig umgehen, denn die Situation sei nun mal so. Auch Oberbürgermeister Tralmer wies immer wieder darauf hin, dass hier nicht Ort und Zeit für eine Grundsatzdiskussion in der Flüchtlingspolitik sei. Sie beide können hierbei in praktisch allen Punkten zustimmen, aber in den Kommunen und Landkreisen könne man das Problem eben nicht ändern, sondern müsse irgendwie damit umgehen.
Bitte um Unterstützung
Aber nicht nur irgendwie, sondern gut. Pauli und Tralmer appellierten an die Menschen, kreativ mitzuhelfen und sich einzubringen, damit die Flüchtlinge sich auch integrieren könnten.
Integrationswillen abgesprochen
Den Integrationswillen sprachen derweil einige Anwesenden den Geflüchteten ab. Und eine Frau merkte an, dass sie viele Leute kenne, die sich bei der letzten Flüchtlingswelle in der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten engagiert hätten, die aber überstrapaziert wurden und jetzt von jeglichem Einsatz in der Flüchtlingsarbeit Abstand nehmen würden. Von „Brennpunkten“ sprach ein Mann und führte Sigmaringen als Negativ-Beispiel an, wo man den Massen an Flüchtlingen kaum Herr werde, die Anwohner sich nicht mehr aus dem Haus trauen und es Diebstähle in den Geschäften gebe.
Keine Brennpunkte schaffen
Brennpunkte wolle niemand schaffen, entgegnete Landrat Pauli, deshalb sehe man ja auch von einer Belegung in Hallen ab. Die Containerunterkunft in Tailfingen kann höchstens 100 Personen beherbergen, wobei man nicht an die äußerste Auslastung gehen wolle. In der Grünen Au könnten bis zu 50 Personen unterkommen. Nur in der ehemaligen Jugendherberge in Balingen habe man auf 120 Bewohner „verdichtet“.
Einsatz von Security
Sollte es in einzelnen Unterkünften zu Problemen kommen, werde das Landratsamt schnell eingreifen und Personen verlegen. „Es sind erfahrungsgemäß nur einige wenige, die sich nicht an die Spielregeln halten“, versicherte Pauli. Die Diskussion um den Einsatz einer Security mutete schon fast wie die Überlegung an, ob es zuerst die Henne oder das Ei gab. „Warum brauchen wir dann überhaupt eine Security, wenn die alle so friedlich sind?“, tönte es mehrfach im Saal. Weil sich dann die Bürger sicherer fühlen, lautete die Antwort von Roland Tralmer. Denn ihn würden viele E-Mails erreichen, in denen immer wieder das Wort „Angst“ vorkomme. Im Übrigen müsse man beide Seiten schützen – die Bürger und die Geflüchteten. Denn die Emotionen gehen hoch.
Faire Verteilung im Kreis
Die guten Erfahrungen aus der Landeserstaufnahmestelle in Meßstetten, wo einst 3800 Flüchtlinge untergebracht waren, führte Pauli an, und dass die Caritas sich um die Menschen kümmere. Man müsse den Geflüchteten offen und nicht mit Vorurteilen begegnen. Eine Frau behauptete, in Meßstetten hätten Flüchtlinge Tiere von einem Bauernhof gestohlen, getötet und gegrillt. Hier schritt der Landrat vehement ein, denn er kennt die benannte Landwirtsfamilie persönlich: „Kein einziges Tier, weder vom Bauernhof noch vom Wildgehege, ist zuschanden gekommen.“ Derlei Gerüchte brachten Pauli in Rage.
Und bei einem weiteren Thema waren sich Pauli und Tralmer einig: Es könne nicht sein, dass diejenigen Städte zulasten anderer (beispielsweise Albstadt) keine Zuweisungen bekämen, die solche Veranstaltungen wie in Killer abhalten. Bislang seien nur neun von insgesamt 25 Kommunen im Kreis betroffen. „Wir müssen auch andere Städte und Gemeinden in die Pflicht nehmen“, so Pauli, und versprach, stets ein offenes Ohr zu haben.
Standorte der Flüchtlingsunterbringung
Seit Monaten sind bereits 100 Flüchtlinge in Albstadt untergebracht. Neben dem Thalia-Theater sollen ab Februar bis zu 100 weitere in die Containerunterkunft einziehen können, die gerade entsteht. In die ehemalige Gaststätte „Grüne Au“ können 40 bis 50 Geflüchtete Unterkunft finden. Außerdem werden gerade einige Flüchtlinge an der Schillerstraße einquartiert.
Aktuell nutzt der Landkreis 24 Immobilien für die vorläufige Unterbringung von Geflüchteten. Auch in Hechingen am Zentrum am Fürstengarten und in Burladingen bei Trigema sind Containerstandorte vorgesehen.
Die Flüchtlinge kommen aus etwa 40 Herkunftsländern. Das Landratsamt erfährt immer nur einige Tage vorher, wie viele untergebracht werden müssen.




