Wenn die Mutter oder der Vater hinterm Steuer sitzt, gucken die Kinder auf der Rückbank aus dem Fenster. Sie nehmen ihre Umgebung wahr – und somit ganz automatisch Straßenschilder, Verkehrszeichen und andere Autofahrer. Unterbewusst lernen und beobachten die Mitfahrer, was im Straßenverkehr passiert und welche Regeln gelten. Doch dieses passive Lernen war einmal. „Der Blickradius vieler Jugendlicher ist auf den Bildschirm des Smartphones beschränkt. Sie nehmen die Umgebung außerhalb des Autos überhaupt nicht wahr“, sagt Steffen Roth. Die Folge: Sowohl in der theoretischen als auch der praktischen Fahrprüfung fallen die Fahrschüler häufiger durch (siehe Info-Kasten).

Bei vielen fehlt die Lernbereitschaft

Diese Erfahrung macht Roth aktuell in seiner Fahrschule in Ebingen. Er ist seit 30 Jahren Fahrlehrer – die Entwicklung bezeichnet er als heikel und beängstigend. Denn durch Plattformen wie TikTok, Instagram und Co., auf denen Kurzvideos selten länger dauern als 30 Sekunden, sinkt die Aufmerksamkeitsspanne der jungen Erwachsenen zunehmend. „Viele schaffen es gar nicht mehr, eine halbe Stunde konzentriert für die Theorieprüfung zu lernen. Die Breitschaft zum Lernen ist auch gar nicht mehr da“, sagt Roth.

Eltern sollten Kind nicht überall hinfahren

Nicht nur, dass Jugendliche als Mitfahrer im Auto mit dem Smartphone statt mit dem Verkehrsraum beschäftigt sind, sie nehmen auch generell weniger am Straßenverkehr teil. Laut Roth tragen dazu auch Eltern bei, die ihre Kinder mit dem Auto von der Haustür bis zur Schule oder einem anderen Ziel fahren. „Wenn Kinder mit dem Fahrrad fahren, sammeln sie deutlich mehr Erfahrungen im Straßenverkehr.“
Gefördert wird die Entwicklung durch eine Regeländerung: Früher mussten Fahrschüler drei Monate pausieren, wenn sie die Theorieprüfung dreimal nicht bestanden hatten. Mittlerweile gilt das nicht mehr. Der Antrag beim TÜV zur Theorieprüfung gilt ein Jahr – im Prinzip können Fahrschülerinnen und Fahrschüler alle zwei Wochen die Prüfung ablegen. „Der Druck ist komplett weg“, sagt Steffen Roth. „Früher war es für viele ein Weltuntergang, wenn man nicht bestanden hat. Heute ist es egal – sie zahlen eben noch mal 22,49 Euro für den nächsten Versuch.“ Was für die Theorie gilt, gilt ebenso für die Praxis. Das Niveau hat nachgelassen – auch hier spielt das Smartphone eine Rolle.

Defizite auch in der Praxis

Weil die Konzentration der Jugendlichen als Mitfahrer auf den Bildschirm gerichtet ist, bezeichnet Roth das Smartphone als „Killer der Aufmerksamkeit. Fahranfänger erkennen häufig nicht, was von rechts und links kommt.“ Und das in einer Zeit mit hohem Verkehrsaufkommen. Auf den Straßen sind 30 bis 50 Prozent mehr Fahrzeuge unterwegs als noch vor zehn bis 20 Jahren. Diese beiden Entwicklung – geringere Aufmerksamkeitsspanne und hohes Verkehrsaufkommen – sind gefährlich.
Was für die Fahrprüfung weniger ein Problem ist, aber anschließend, ist der Orientierungssinn. Stichwort Heimatkunde: Weil Fahrschüler oder Fahranfänger als Kinder und Jugendliche die Strecke, die die Eltern fahren, nicht beachten, fehlt ihnen später Ortskenntnis.
Alle Defizite auf das Smartphone zu schieben, wäre zu leicht. Das weiß Roth, der das Handy nicht komplett verteufeln möchte. „Auch ich lasse die Fahrschüler in der Theoriestunde mit dem Smartphone Brems- und Reaktionswege berechnen.“ Man kann es also in den Unterricht einbauen. „Doch das Konzentrations- und somit Lernproblem ist wirklich gewaltig“, sagt Fahrlehrer Steffen Roth.

Durchfallquote um zehn Prozentpunkte gestiegen

Dass die Quote der Fahrschülerinnen und Fahrschüler, die durch die Theorieprüfung fallen, steigt, lässt sich statistisch belegen. Das Kraftfahr-Bundesamt erstellt jährlich eine Bilanz der „durchgeführten und nicht bestandenen Prüfungen zur Erlangung einer allgemeinen Fahrerlaubnis“.
Dabei zeigt sich ein eindeutiger Trend: 2012 lag die Durchfallquote bei der Theorieprüfung laut Kraftfahr-Bundesamt bei 28,9 Prozent – 2021 lag sie bei 36,7 Prozent. Zahlen für das vergangene Jahr 2022 liegen noch nicht vor. Bei der praktischen Fahrprüfung ist die Entwicklung ähnlich, aber nicht so dramatisch. 2012 hatten 26,0 Prozent der Fahrschüler ihre Prüfung nicht bestanden, 2021 waren es 29,7.
2021 wurden 1,72 Millionen theoretische und 1,65 praktische Prüfungen absolviert. Diese Anzahl der Prüfungen darf jedoch nicht gleichgesetzt werden mit der Anzahl der Personen, die eine Fahrerlaubnisprüfung absolvieren. Da eine Person beliebig häufig zur Prüfung antreten kann, übersteigt die Anzahl der Prüfungen die Zahl der geprüften Personen.