Secontique in Albstadt
: Hier werden langzeitarbeitslose Menschen in den Arbeitsmarkt integriert

Die Caritas-Projektkoordinatorinnen Bettina Dreher und Michaela Schneevoigt geben nicht nur ausgemusterter Kleidung eine zweite Chance.
Von
Rena Weiss
Albstadt
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  • Die Caritas-Projektkoordinatorinnen Michaela Schneevoigt (vorne rechts) und Bettina Dreher (2. von rechts) sowie eine Mitarbeiterin präsentieren die Zero-Waste-Produkte der Secontique.⇥

    Die Caritas-Projektkoordinatorinnen Michaela Schneevoigt (vorne rechts) und Bettina Dreher (2. von rechts) sowie eine Mitarbeiterin präsentieren die Zero-Waste-Produkte der Secontique.⇥

    Rena Weiss
  • In der Nähwerkstatt werden die Kleiderspenden geprüft, für den Verkauf vorbereitet oder zu neuen Produkten umgenäht.

    In der Nähwerkstatt werden die Kleiderspenden geprüft, für den Verkauf vorbereitet oder zu neuen Produkten umgenäht.

    Rena Weiss
  • Die extra eingerichtete Vintage-Ecke erfreut sich großer Beliebtheit.

    Die extra eingerichtete Vintage-Ecke erfreut sich großer Beliebtheit.

    Rena Weiss
  • In der Nähwerkstatt können Kleidungsstücke auch bedruckt werden.

    In der Nähwerkstatt können Kleidungsstücke auch bedruckt werden.

    Rena Weiss
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Nicht mal ein Prozent des Textilmülls wird zu neuer Kleidung recycelt. Das bedeutet allerdings auch, dass in Europa jährlich etwa 7,5 Millionen Tonnen Textilmüll anfallen. Das geht einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey aus dem vergangenen Jahr hervor. Dabei könnten mit Kreislaufwirtschaft für Textilien nicht nur Müll reduziert, sondern auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Wie das funktioniert, zeigen die Albstädter „Secontique“ und die zugehörige Nähwerkstatt der Caritas Schwarzwald-Alb-Donau.

Caritas in Albstadt: Integrationsmanagement bedarf ein hohes Maß an Empathie

Wo man hinblickt, findet man Stoffe, Farben, Muster auf ausgemusterten Kleidungsstücken. Hinzukommen Nadeln, Scheren, Garne und natürlich Nähmaschinen. Die Nähwerkstatt in der Bühlstraße ist ein kreativer Raum, in dem sich die Projektkoordinatorinnen Bettina Dreher und Michaela Schneevoigt gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur für Nachhaltigkeit einsetzen. Sowohl in der Werkstatt als auch in der Secontique arbeiten langzeitarbeitslose Menschen im Rahmen des Teilhabechancengesetzes. Diese werden von der Agentur für Arbeit zugewiesen. Insgesamt arbeiten zehn Personen in den beiden Geschäften.

„Viele sind über einen längeren Zeitraum da“, sagt Michaela Schneevoigt. Sie übernimmt unter anderem die sozialpädagogische Begleitung der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. „Diese Maßnahme ist dafür gedacht, die Personen zu stabilisieren und die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.“ Das Ziel sei es, die langzeitarbeitslosen Menschen wieder im Arbeitsmarkt zu integrieren. Bis zu zwei Jahre können sie in der Regel bei der Secontique und der Nähwerkstatt arbeiten. In welchem Bereich die Einzelnen tätig sind, wird nach Interessen und Fähigkeiten entscheiden. „Es sollte einem bewusst sein, wer hier einkauft, ist nicht nur Trendsetter, sondern unterstützt ein soziales Projekt“, fasst es Dreher zusammen.

Wertschätzung bei der Caritas Albstadt

„Hier erleben sie Wertschätzung für das, was sie können und haben wieder soziale Kontakte“, fügt Schneevoigt hinzu. Vereinsamung und soziale Isolationen seien große Themen bei vielen langzeitarbeitslosen Menschen. Hinzu kommen Probleme mit Leistungsdruck. In Albstadt haben sie ein festes Team und werden respektiert. „Die Identifizierung mit dem Laden ist dadurch hoch und die Mitarbeiter sind stolz darauf, in so einem tollen Laden arbeiten zu dürfen.“ Dafür geht die Betreuung der Mitarbeiter über das eines „normalen“ Arbeitgebers hinaus.

„Wir haben noch Kapazitäten für neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Bettina Dreher. Die Projektkoordinatorin der Secontique und Leiterin der Nähwerkstatt meint damit Ehrenamtliche. Dabei zeichnet sich die hohe Flexibilität der Einrichtungen aus: „Jeder darf mitentscheiden, ob er oder sie lieber im Verkauf oder in der Nähwerkstatt arbeiten möchte.“ Es besteht auch die Möglichkeit, sich Nähprojekte mit nach Hause zu nehmen. „Wir richten dann Schnitte und Stoffe her“, erklärt Dreher.

Bis zu 70 Prozent der Spenden können direkt in den Verkauf

„60 bis 70 Prozent der gespendeten Kleidung können wir direkt weiterverkaufen“, sagt Bettina Dreher. Bevor sie allerdings in den Laden kommen, werden sie auf Löcher, Flecken und Pilling geprüft. Flecken waschen die Mitarbeiter bei Möglichkeit heraus, aber in der Regel sollten die Kleidungsstücke bereits gewaschen abgegeben werden. Reißverschlüsse werden ebenfalls getestet. Übrigens: Für die Menschen, die sofort alle Zettel an Kleidung wegschmeißen, gibt es gute Nachrichten. Trotz fehlender Größenangabe werden auch diese Stücke angenommen, beruhigt Schneevoigt.

„Aus Altem schaffen wir Neues“, sagt Bettina Dreher über die restlichen 30 bis 40 Prozent. Denn während es in der Secontique dem Namen nach Second-Hand-Kleidung gibt, werden hier zusätzlich „upgecycelte“ Produkte angeboten. So werden aus alten Herrenhemden moderne „Crop-Tops“ (bauchfreie Oberteile), aus alten Vorhängen und Bettwäsche werden modische Taschen, Schürzen oder Reinigungstücher, Abschminktücher, aus Werbebannern Handtaschen. Die Liste könnte so weitergehen. Derzeit arbeitet die Caritas an den Standorten Tuttlingen und Albstadt an einem eigenen Label namens „Buntgut“. Diese Produkte sollen demnächst im eigenen Onlineshop auch vertrieben werden. Online bestellbar sind sie aber bereits jetzt schon per E-Mail an info@caritas-schwarzwald-alb-donau.de oder telefonisch unter (07431) 95 73 20.

Zero-Waste-Produkte stark nachgefragt

„Stark nachgefragt sind unsere Zero-Waste-Produkte wie Spültücher, Bienenwachstücher, Brotbeutel und Schüsselhauben statt Folie“ – alles aus ausgemusterten Stoffen und Kleidung. Einmal im Monat wird ein neues Produkt entwickelt, auch gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen, hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Im Sommer sind Festival-Sets mit Regenponcho, Umhängetasche für Flaschen und Bucket Hats (Fischerhut) beliebt. Informationen hierzu findet man auf der Homepage der Caritas Schwarzwald-Alb-Donau (www.caritas-schwarzwald-alb-donau.de) oder den Social-Media Kanälen der Secontique und Buntgut.

Bei zahlreichen Kunden spiele der Nachhaltigkeitsgedanke eine große Rolle. „Das wird unseren Kunden immer wichtiger.“ Mittlerweile gibt es etwa 300 Produkte. „So haben wir nicht viel Abfall“, freut sich die Leiterin der Nähwerkstatt. Und das, obwohl fast täglich Spenden hereinkommen – und der Kreislauf beginnt.

Vintage-Ecke kommt gut bei Kunden an

Schaut man sich die Jugend von heute an könnte man sich in die 1990er-Jahre zurückversetzt fühlen. Viele aktuelle Modetrends hat es damals schon gegeben. Das spielt dem Nachhaltigkeitsgedanken der Albstädter Secontique in die Taschen. Denn im Laden gibt es eine spezielle Ecke mit besonderen Vintage-Schätzen, die sehr beliebt ist.

Für die Gestaltung der Waren im Laden und im Schaufenster erhält Bettina Dreher tatkräftige Unterstützung einer FSJlerin. Diese Stelle wurde fürs nächste Jahr bereits neu besetzt. „Man kann bei uns wirklich etwas bewegen“, sagt Dreher.