Photovoltaik im Zollernalbkreis
: Viel nachzuholen: PV-Anlagen auf Flächen und Baudenkmale

Mit den Erneuerbaren geht es nicht zügig genug voran. Michael Rottmayr von der Energieagentur stellt Bürgermeistern im Kreis mögliche Flächen für Photovoltaik vor – der Inhalt seiner Masterarbeit.
Von
Karin Mitschang
Zollernalbkreis
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  • Freiflächen-Photovoltaik ist auch an vielen Stellen im Zollernalbkreis möglich, informiert die Energieagentur. ⇥

    Freiflächen-Photovoltaik ist auch an vielen Stellen im Zollernalbkreis möglich, informiert die Energieagentur. ⇥

    Axel Heimken
  • Energieberater Michael Rottmayr stellt seine Daten vor.⇥

    Energieberater Michael Rottmayr stellt seine Daten vor.⇥

    Energieagentur
  • Hotelchef Hermann Unsöld darf keine große PV-Anlage errichten, wie sie wirtschaftlich wäre. Grund: Denkmalschutz.⇥

    Hotelchef Hermann Unsöld darf keine große PV-Anlage errichten, wie sie wirtschaftlich wäre. Grund: Denkmalschutz.⇥

    Karin Mitschang
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Mehr Photovoltaik (PV) in Baden-Württemberg in der Fläche und auch auf Baudenkmalen, das ist das erklärte Ziel der Landesregierung. Im Mai 2022 verkündete Ministerin Nicole Razavi, es könnten künftig mehr PV-Anlagen auch auf historischen Dächern genehmigt werden. Zuletzt wurden in diesem April die Richtlinien dazu nochmals gelockert. Demnach ist die Genehmigung „regelmäßig zu erteilen, wenn sich die Solaranlagen der eingedeckten Dachfläche unterordnen und möglichst flächenhaft angebracht werden“.

Doch was das genau heißt, hänge nach wie vor vom jeweiligen Sachbearbeiter ab, tönte kürzlich ein frustrierter Hotelbetreiber in Blaubeuren, über den die SÜDWEST PRESSE im Alb-Donau-Kreis berichtete. „Pure Willkür“ beklagte der Mann, dessen geplante Anlage auf mehreren Fachwerkhäusern von der Straße aus nicht sichtbar hätte sein dürfen und die in kleinerer Form nicht wirtschaftlich zu betreiben sei. Ziegel, die sich dem Bild des Hauses anpassten und ebenfalls Solarenergie sammeln, seien viel zu teuer.

Mehr Anfragen?

Wie sieht es im Zollernalbkreis aus? „Bisher sind beim Landratsamt nicht mehr Anfragen/Anträge eingegangen als in der Vergangenheit“, schreibt Pressesprecher Steffen Maier. Ob in den nächsten Jahren weitaus mehr PV in Altstädten und auf Fachwerkhäusern im Kreis zu sehen sein wird? „Kann noch nicht beurteilt werden.“

Anlage aufs Bürgerhaus

Welche Gemeinden im Kreis die meisten denkmalgeschützten Gebäude haben, könne das Landratsamt nicht angeben. Maier: „Es gibt ein bisher nicht öffentlich einsehbares Verzeichnis bei den Denkmalschutzbehörden.“ Eine Genehmigung sei jedoch für eine PV-Anlage auf der Pfarrscheuer/Bürgerhaus in Dautmergen erteilt worden.

Auf die Frage an die Energieagentur Zollernalb, ob es auch im Zollernalbkreis von Bauherren die Klage gibt, dass man trotz der neuen Regelung auf das Wohlwollen der jeweiligen Sachbearbeiter angewiesen ist, meint Michael Rottmayr nur, solche Mutmaßungen seien ihm schon zu Ohren gekommen. Kommentieren will das Mitglied des Photovoltaik-Netzwerks dies nicht. „Bei uns werden pragmatische Lösungen gefunden.“

Beratung ist kostenlos

Bei der Energieagentur seien jedenfalls noch keine Anfragen speziell für denkmalgeschützte Objekte in Sachen Photovoltaik eingegangen. „Wir beraten dazu sehr gerne und kostenlos.“ Endlich in Schwung kommen sollten in der Region die Freiflächen-PV-Anlagen, findet der 27-Jährige. „Da gibt’s noch einiges an Nachholbedarf.“

Am weitesten im Kreis sei man damit in Albstadt-Lautlingen. Für Albstadt soll derzeit außerdem ein Kriterienkatalog für die Genehmigung von solchen Anlagen aufgestellt werden. Rottmayr ist in Sachen Freiflächenanlagen, die im Vergleich zu Biogas eine etwa 40 Mal höhere Flächeneffizienz hätten, bei allen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern im Kreis unterwegs. Denn er hat zum Thema Potenziale für Freiflächen-Photovoltaikanlagen im Zollernalbkreis seine Masterarbeit geschrieben: an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg im Masterstudiengang Energiewirtschaft und Technik.

Freiflächen: Welche Flächen eignen sich?

„Viele Flächen scheiden aufgrund von technischen, planerischen oder naturschutzfachlichen Gründen für die Photovoltaikfreiflächennutzung aus“, verrät der 27-Jährige. „Spannend ist aber, wo die geeigneten Flächen sind. Dafür habe ich neben den Ausschlussflächen auch Positivflächen definiert.“ Das könnten Flächen mit „Vorbelastung“ sein oder Flächen, die laut Erneuerbare-Energien-Gesetz eine Einspeisevergütung erhalten (etwa Puffer neben Schienenwegen).

Ohnehin müssen bis 2026 zwei Prozent der Flächen für Erneuerbare Energien vorgehalten werden. Rottmayr: „Wir plädieren aber dafür, dass man das Thema vorher angeht, weil wir die Potenziale ja jetzt schon kennen.“ Die Unkenrufe und Gegenargumente wie Landverbrauch der PV-Gegner kennt er nur zu gut. „Es ist ein Konflikt da, der aber in vielen Fällen gelöst werden kann.“

Auch für Landwirte sinnvoll

Landwirte könnten mit weniger Biogas-Mais und mehr Photovoltaik mehr Fläche für Lebensmittel erhalten – vorausgesetzt, sie haben einen größeren Betrieb. „Und sich damit ein zweites Standbein aufbauen“, sagt Rottmayr. Mögliche Betriebsformen wie beispielsweise eine Bürgerenergiegenossenschaft oder eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts seien mit Bürger-Beteiligung denkbar. „Aber auch mit einem Projektierer von außerhalb profitiert die Kommune und damit auch die Bürger vor Ort.“

Gemeinschaft profitiert

Spannend werde es, wenn die Bundesregierung im Herbst das nächste Solarpaket verabschiedet. „Da wird es dann viel interessanter, weil man die Stromkosten massiv senken kann.“ Gemeint ist das Energy Sharing Konzept, das Mitgliedern von Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften ermögliche, ihren gemeinschaftlich erzeugten Ökostrom unter gewissen Voraussetzungen über das regionale Verteilnetz vergünstigt zu nutzen.

„Und günstiger Strom ist auch ein Standortvorteil für Unternehmen vor Ort“, sagt der junge Mann, der noch keine Details zu den Potenzialen auf den verschiedenen Gemeindeflächen herausgibt. Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister – 75 Prozent habe er etwa im Zollernalbkreis bereits mit den Infos besucht – hätten sich in vielen Fällen schon Gedanken gemacht.

Gemeinderäte entscheiden

„Bei den meisten deckt sich das mit meiner Untersuchung“, sagt der Energieberater, der für seine Arbeit auch im Raum Tübingen und Reutlingen auf die Jagd nach geeigneten Flächen gegangen ist. Letztlich entscheiden die Gemeinderäte vor Ort, wo was realisiert werden darf. Daher will Rottmayr den Ergebnissen nicht vorgreifen.

Ministerin sieht Modernisierung als Klimaschutz

„Der Erhalt und die Modernisierung denkmalgeschützter Gebäude ist Klimaschutz im besten Sinne“, beschrieb Nicole Razavi, Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen, den neuen Umgang mit Solartechnik auf historischen Dächern in Baden-Württemberg im Mai 2022. Die Logik: Wird ein Haus mit PV-Anlage günstiger mit Strom versorgt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass es erhalten werden kann – ohne Verfall und Abriss weniger CO2-Ausstoß.

Im Landratsamt Zollernalbkreis wie auch bei der Energieagentur merkt man davon wenig bis nichts. Zumindest eine aktuelle Genehmigung wurde für eine PV-Anlage auf der Pfarrscheuer/Bürgerhaus in Dautmergen erteilt. Ob diese installiert wird, entscheidet der Gemeinderat in der Sitzung am Mittwoch, 19. Juli.