„Wenn ich eine Wolke wäre“
: Das Glück und das Unglück der Mascha Kaléko

Volker Weidermann schreibt über die Dichterin Mascha Kaléko, die 1956 aus dem Exil nach Deutschland kommt und solche und solche Wunder erlebt.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Volker Weidermann: Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 23 Euro.

Volker Weidermann: Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 23 Euro.

KiWi
  • Mascha Kaléko, jüdische Dichterin, floh 1938 vor den Nazis in die USA, kehrte 1956 nach Deutschland zurück.
  • Ihre Gedichte, wie „So um Dezember“, verbinden Melancholie, Kindheitserinnerungen und Ironie.
  • 1960 lehnte sie den Fontane-Preis ab, da ein ehemaliger SS-Standartenführer in der Jury saß.
  • Volker Weidermanns Buch beleuchtet ihr Leben, ihren Ruhm und die Herausforderungen der Nachkriegszeit.
  • Kalékos Werke, besonders zur Liebe und Einsamkeit, sind weiterhin äußerst beliebt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Weißt du noch ...? In zarten Wattetupfen/ Schüttete der Himmel ersten Schnee.“ Mascha Kaléko beschwört in einem Weihnachtsgedicht, „So um Dezember“, ihre Kindheit. Heimelig war diese nicht. Es ist der Kriegswinter 1914, von dem die Verse erzählen; die jüdische Familie war aus Angst vor antisemitischen Pogromen aus dem galizischen Chrzánow nach Frankfurt geflohen, auch aus Furcht, dass der Vater von der russischen Armee eingezogen werden könnte. In Deutschland freilich wird er als feindlicher Ausländer interniert.

Erst am Ende des Krieges, Mascha ist elf, zieht die Familie nach Berlin. Dort wird Mascha zur Dichterin: Sie schreibt Großstadtlyrik, in der Neuen Sachlichkeit, ironisch-melancholisch Alltägliches. Ringelnatz, Kästner, Tucholsky heißen die berühmten Kollegen. Im Januar 1933, als die Welt sich schon verdüstert, veröffentlicht sie bei Rowohlt ihr „Lyrisches Stenogrammheft“. Und noch 1935 den Band „Großes Lesebuch für Kleine“, in dem sich das zitierte Gedicht „So um Dezember“ findet. Es schließt herzlich görenhaft und weise: „Damals hieß man uns noch klein und dumm./ ,Groß’ und ‚klug’ ist’s nie so schön gewesen.“

Mascha Kaléko ist tatsächlich groß, bedeutend und sehr klug geworden. Sie hat an das Gute und zukunftsfroh an Wunder geglaubt, aber sie hat auch ein schweres Leben geführt, schreibt Volker Weidermann in empathischer Verehrung in seinem neuen Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“. Heute ist sie die beliebteste deutsche Dichterin; mehr als eine Million Exemplare ihrer Gedichtbände wurden allein bei dtv verkauft. Aber was weiß man von ihrem Schicksal?

Die Verjagte im Glück

Weidermann, der wie Florian Illies Literaturgeschichte romanhaft in historischen Momentaufnahmen erzählt („Ostende“, „Mann vom Meer“), hat keine regelrechte Biografie vorgelegt, aber doch eine intensive Lebensbeschreibung. Der Journalist und Autor widmet sich dem Jahr 1956:  Mascha Kaléko, die 1938 mit ihrem Mann Chemjo (einem Musiker) und ihrem Sohn in letzter Minute vor den Nazis in die USA geflüchtet war, kehrt nach langem Vorbehalt erstmals nach Deutschland zurück. Sie wird umschwärmt, gefeiert, Rowohlt legt neu ihre Bücher auf.

In ihren Briefen nach New York an Chemjo berichtet sie fast täglich von ihrem rauschhaften Glück. „Aus dem Nebel längst vergangener Zeiten war der Mensch wieder aufgetaucht, der sie einmal gewesen war“, konstatiert Weidermann. Was hätte aus ihr werden können, hätten die Nazis sie nicht verfolgt und fortgejagt? Mascha Kaléko ist in diesem Jahr „auch ihr Unglück noch einmal mit besonderer Drastik vor Augen erschienen. Ihr verlorenes Leben.“

Aber auch die braunen Flecken im Wirtschaftswunderland sieht sie: Als sie 1960 den Fontane-Preis der Westberliner Akademie der Künste erhalten soll, lehnt sie ab, als sie erfährt, dass der ehemalige SS-Standartenführer Hans Egon Holthusen in der Jury saß. Weidermanns Buch erzählt auch viel vom Literaturbetrieb und der sogenannten Vergangenheitsbewältigung der 50er Jahre – und lädt vor allem dazu ein, Mascha Kalékos Gedichte über die Liebe, die Einsamkeit und über die Hoffnung zu lesen.