„Was wir wissen können“
: Ian McEwans neuer, großer Roman spielt nach der Apokalypse

Was bleibt? Ein Literaturwissenschaftler macht sich im Jahr 2119 auf die Suche nach einen verschollenen Gedicht, das die Liebe und die Natur unserer Gegenwart feiert.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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Vor dem 10. Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima: ARCHIV - 11.03.2011, Japan, Miyako: Meterhohe Wellen überfluten einen Deich in der Nähe der Mündung des Hei-Flusses. Vor zehn Jahren am 11.03.2011 verursachten ein Erdbeben und ein Tsunami einen Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima. (zu dpa: «Was ist eigentlich ein Tsunami?») Foto: Aflo / Mainichi Newspaper/AFLO/EPA/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Tsunami nach der Katastrophe von Fukushima. In Ian McEwans neuem Roman überfluten 70 Meter hohe Wellen im Jahr 2042 die Millionenstädte.

Aflo/Mainichi Newspaper/AFLO/EPA/dpa
  • Ian McEwans Roman „Was wir wissen können“ spielt im Jahr 2119 nach globalen Katastrophen.
  • 2042 löst eine fehlgeleitete Wasserstoffbombe einen Tsunami mit 70 Meter hohen Wellen aus.
  • Protagonist Tom sucht ein verschollenes Gedicht, das Liebe und Natur feiert.
  • Perspektivwechsel: Ab Seite 287 erzählt Vivien, die Ehefrau des Gedichtautors, ihre Lebensgeschichte.
  • Der Roman vereint Love Story, Krimi und Abenteuer – realistisch, packend und gesellschaftskritisch.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wann das neue, dunkle Zeitalter begann? 2022, mit dem russischen Einmarsch in die Ukraine, wie es in vielen Geschichtsbüchern steht? Oder eher 2036, wie der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe meint: als Indien und Pakistan den ersten einer Reihe von Klimakriegen führten und nach dem Willen einer Künstlichen Intelligenz Atomraketen abgefeuert wurden, die Millionen Opfer forderten. Krise um Krise, in atemraubendem Tempo. Die „Disruption“ der Welt.

Dann, 2042, die alles verdrängende Katastrophe: Der lange erwartete Krieg zwischen Russland und dem Westen eskalierte mit einem Präventivschlag, aber aufgrund eines Konstruktionsfehlers schlug eine gewaltige Wasserstoffbombe nicht auf einer US-Militärbasis in New Mexico ein, sondern sechstausend Kilometer entfernt – und verursachte einen unfassbaren Tsunami, 70 Meter hohe Wellen, die auf Europa, Westafrika und Nordamerika zutrieben. Die große Flut. Städte wie New York, London oder Hamburg gingen unter; Großbritannien wurde zu einem Archipel.

Die Menschheit aber wurde nicht ausgelöscht. Man schreibt jetzt das Jahr 2119. Tom, der Ich-Erzähler in Ian McEwans neuem Roman „Was wir wissen können“, sucht nach einem verschollenen Gedicht, das der berühmte Schriftsteller Francis Blundy für seine Ehefrau Vivien schrieb und es im Jahre 2014 auf ihrer Feier zum 54. Geburtstag vortrug. Man sprach später vom „Zweiten unsterblichen Abendessen“, ein Verweis auf jenes (wahre) Treffen der Dichterlegenden Wordsworth, Keats und Co. 1817 in London.

Tom forscht – so wie wir von heute aus rund 100 Jahre zurückblicken auf die gar nicht so goldenen Zwanziger Jahre, in denen Thomas Mann den „Zauberberg“ veröffentlichte. Dabei aber erkundet der Erzähler unsere Gegenwart: in der noch so vieles möglich gewesen war, so vieles hätte abgewendet werden können, kluge Taten aber in einem Finale freiheitlichen Lebens, in galoppierender Unvernunft keine Chance hatten.

Was für ein Plot McEwans! Kaum ein anderer zeitgenössischer Autor kann derart intellektuell durchdacht die politisch aktuellen Themen aufgreifen und historische Tableaus und Zeiträume groß aufreißen, und zwar derart spannend, dass man die Romane, wahre Pageturner, nicht mehr aus der Hand legen will. Wann wird dem 77-jährigen Engländer eigentlich der Literaturnobelpreis zugesprochen?

Packender Realismus

Nein, optimistisch stimmt einen McEwans Roman wirklich nicht. Wobei, auch im 22. Jahrhundert scheint es noch eine gefestigte Zivilisation zu geben, die ihr Erbe in Bibliotheken verwahren will. Und Literaturwissenschaftler, die noch wissen, was ein Sonettenkranz ist (jedes Sonett wird mit der ersten Zeile des nächsten wiederholt, und das 15. Sonett muss die je erste Zeile der vorgehenden 14 sinnhaft wiederholen). Die meisten Studierenden von 2119 interessiert das so wenig wie ihre Kommilitonen von heute eine Abhandlung über die Dramentheorie der Antike. Irgendwie beruhigend.

Andererseits: tief erschreckend, was uns dieses laufende 21. Jahrhundert noch bringen könnte, und McEwans Schilderungen sind ja keine dystopischen Fantasy-Träumereien. Er hat keinen Science-Fiction-Roman geschrieben, in dem er eine technoide ferne Welt darstellt. Seine Menschen von 2119 leben eigentlich wie wir, nur dass sie Proteinkuchen essen, Schokolade super teuer ist, Smartphones rar sind und die Leute auf Segelschiffen reisen, weil die Weltwirtschaft zusammengebrochen ist, kaum Ressourcen verfügbar sind und die Natur sich erst langsam erholt. McEwan erzählt das mit vertrautem Realismus – entsprechend wirkungsvoll.

Das verschwundene Gedicht

„Was wir wissen können“ bietet freilich noch viel mehr: Love Story und Krimi, Detektiv- und Abenteuergeschichte. Thomas Metcalfe rekonstruiert die Ereignisse jener Geburtstagsfeier, die Personen werden lebendig. Affären, Beziehungsdramen, schuldhafte Verstrickungen, Schicksal – da ist McEwan in seinem Element, man kennt diese Roman-Basis nicht zuletzt aus seinem Bestseller „Abbitte“. Und wo ist die Niederschrift des Gedichts von Francis Blundy geblieben, warum hat er sein Werk nicht veröffentlicht? Tom entdeckt eine entscheidende Spur, bricht auf, um geradezu nach einem Schatz zu suchen auf dem Land, wo die Blundys wohnten, das aber jetzt vom Meer umgeben ist.

Und, typisch McEwan: Das war nur der erste der Teil des Romans, auf Seite 287 folgt ein kompletter Perspektivwechsel. Das Geheimnis des Gedichts ist noch lange nicht offenbart. Jetzt ist Vivian die Ich-Erzählerin und berichtet ihre Lebensgeschichte – auch von einem Verbrechen. Man liest: Es geht immer, in allen Zeiten, um menschliche Gefühle, Sehnsüchte. Und wer kennt schon die Wahrheit?  Dunkel kann auch die Gegenwart sein.

Zur Person

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis für seinen Roman „Amsterdam“. Seit seinem Welterfolg „Abbitte“ ist jeder seiner Romane ein Bestseller, viele sind verfilmt, zuletzt „Am Strand“ (mit Saoirse Ronan) und „Kindeswohl“ (mit Emma Thompson). Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts, der American Academy of Arts and Sciences und Träger der Goethe-Medaille.

Ian McEwan: Was wir wissen können. Übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, 480 Seiten, 28 Euro.

Ian McEwan: Was wir wissen können. Übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, 480 Seiten, 28 Euro.

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