Neue Musik in Ulm: Warum hat das Stadthaus kein Geld mehr für das „KlangHaus“-Festival?

Jürgen Grözinger kuratiert das „KlangHaus“-Festival; „Ich sehe Kultur nicht als dekorativen Luxus, sondern als Teil der demokratischen Infrastruktur.“
Udo Eberl- Ulm streicht das Festival „KlangHaus“ – die jährlichen 20.000 Euro entfallen.
- Begründung der Stadthaus-Leitung: „nicht mehr finanzierbar“ und geringe Resonanz.
- Pro Festival kamen im Schnitt 300 Menschen, ein Drittel nutzte Freikarten.
- Priorität liegt auf „Kulturvermittlung“, etwa dem Schülerwettbewerb „Demokratie auslösen“.
- Kurator Jürgen Grözinger warnt vor Verlust einer „Kultur des Hörens“ und kritisiert das Signal.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Dem weithin beachteten Festival „Neue Musik im Stadthaus“ drohte nach Sparbeschlüssen der Stadt Ulm schon 2009 das Aus. Ein Aufschrei, offene Briefe aus ganz Deutschland; der künstlerische Leiter Jürgen Grözinger sprach von „kulturellem Vandalismus“. Ein Déjà-vu? Eher ein Beispiel für eine wellenartig sich wiederholende Kulturdebatte – und der Fall beschreibt die Budget-Not des Stadthauses. Denn jetzt scheint tatsächlich das Ende der Reihe gekommen zu sein, die im vergangenen April (2026) noch ihr 30-jähriges Bestehen feierte.
„Mir bleibt keine andere Wahl, als die Neue Musik anzupacken“, sagte Stadthaus-Chefin Karla Nieraad schon 2009 und bekundete sofort ihren Ehrgeiz, alles zu tun, damit das Festival nicht plattgemacht werde. Es gründete sich auch ein Förderverein „Freunde der neuen Musik im Stadthaus“, der seither Geld sammelte für Projekte. Und es ging weiter: Alle zwei Jahre fand zuletzt das umbenannte „KlangHaus“ statt, finanziert vom Stadthaus mit 20.000 Euro pro Jahr (also 40.000 Euro pro Festival).
Doch jetzt läuft die nächste städtische Konsolidierungsrunde bis 2029. Das Stadthaus muss anteilsmäßig 57.000 Euro im Fachbereich Kultur beisteuern (einsparen oder durch Mehreinnahmen generieren). Der Spielraum für Karla Nieraad ist ähnlich prekär wie 2009. So stehen die jährlich 20.000 Euro für das „KlangHaus“-Festival auf der Streichliste – was der Kulturausschuss des Ulmer Gemeinderats kürzlich absegnete.
„Nicht mehr finanzierbar“
„Das Festival ist nicht mehr finanzierbar, das Aus ist eine wirtschaftliche Entscheidung, das tut weh, aber die Situation hat sich im Vergleich zu 2009 verändert“, erklärt Nieraad der SÜDWEST PRESSE. Sie sehe keine Alternative, im Zweifelsfall sei ihr der Posten „Kulturvermittlung“ (etwa die Durchführung des Schülerwettbewerbs „Demokratie auslösen“), ebenfalls mit 20.000 Euro veranschlagt, wichtiger.
Nieraad begründet diese Entscheidung mit der Resonanz des „KlangHauses“: Es biete alle zwei Jahre drei bis vier Konzerte, erreiche im Durchschnitt insgesamt pro Festival nur 300 Besucherinnen und Besucher, wovon rund ein Drittel mit Freikarten zuhöre. Auch gebe es keinen Nachwuchs im Publikum, immer dieselbe Gruppe komme zu den Konzerten. „Eine Zäsur steht einfach an“, sagt die Stadthaus-Leiterin.
Wobei sie betont, dass die Nische „Neue Musik“ auf jeden Fall in Ulm nicht verschwinden dürfe. Aber das Festival müsse bezahlt werden, „avantgardistische Musik funktioniert nur komplett finanziert von der öffentlichen Hand, wie etwa in Donaueschingen durch den Südwestrundfunk“. Weshalb das eine kulturpolitische Frage sei, die diskutiert werden müsse. Und dazu gehöre natürlich eine Debatte, wie ein solches Festival grundsätzlich ausgerichtet werden solle.
„Kulturpolitische Signalwirkung“
Wie sieht das Jürgen Grözinger? Der Percussionist, Komponist und Musikkurator ist tief betroffen und enttäuscht von der Abwicklung des Festivals. Drei Jahrzehnte lang habe er versucht, in Ulm eine „Kultur des Hörens“ zu entwickeln. Der eigentliche Erfolg sei, vielen Menschen einen Zugang zur zeitgenössischen Musik ermöglicht zu haben. Im Gespräch sagt der 62-Jährige: „Die Stadt verliert deshalb nicht einfach das Festival, das sie sich damals, nach Eröffnung des Stadthauses, explizit von mir wünschte. Sie verliert ein Publikum, das 30 Jahre lang gelernt hat, neugierig, aufmerksam und offen zuzuhören. Mich beschäftigt deshalb weniger das Ende eines Festivals als die kulturpolitische Signalwirkung.“
Das „KlangHaus“ sei nie ein Spezialprogramm gewesen, sondern der Versuch, „internationale zeitgenössische Musik aus ihrer Nische zu holen und Menschen unterschiedlichster Hintergründe zusammenzubringen“. Einige der bedeutendsten Komponistinnen und Komponisten unserer Zeit, darunter Klaus Huber, Michael Nyman, David Lang und Adriana Hölszky, waren zu Gast: Dass ein Projekt mit internationaler Ausstrahlung und einem für seine Qualität außergewöhnlich kleinen Budget keine Perspektive mehr erhalte, werfe grundsätzlich Fragen nach dem Stellenwert zeitgenössischer Kunst in Ulm auf, sagt Grözinger. „Ich sehe Kultur nicht als dekorativen Luxus, sondern als Teil der demokratischen Infrastruktur.“
Die Finanzen des Stadthauses
200.000 Euro hat das Stadthaus fürs Programm zur Verfügung, rechnet Karla Nieraad vor. Darin enthalten seien neben dem Geld für die Kulturvermittlung und das „KlangHaus“ noch 16.000 Euro für Veranstaltungen (Blumenschmuck, Klavierstimmer etc. sowie Aktionen wie Kulturnacht und Museumstag) sowie 144.000 Euro für Ausstellungen (inklusive Vermarktung, Werbung und Honorare für freie Mitarbeiter). Der geforderte Beitrag zur Konsolidierung ist ein Viertel der Summe des Programmetats. Neben der Einsparung bei der Neuen Musik will das Stadthaus 37.000 Euro durch höhere Erträge (Saalmiete etc.) finanzieren.


