Tod von Christoph Müller: Abschied von einem Verleger, Feuilletonisten und Sammler

Er konnte unvergleichlich die Seh-Lust wecken. Christoph Müller in seiner Ausstellung "Kosmos der Niederländer", 2013 schenkte er eine Sammlung mit 155 Gemälden dem Staatlichen Museum Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern).
Jens Büttner/dpa- Christoph Müller, Verleger und Kunstsammler, starb mit 86 Jahren in Berlin.
- Müller sammelte Gemälde des 17. Jahrhunderts und schenkte 155 Werke dem Staatlichen Museum Schwerin.
- Er war Chefredakteur des "Schwäbischen Tagblatts" und verteidigte die Pressefreiheit.
- Müller war auch ein angesehener Theater- und Opernrezensent.
- Seine Sammlungen gingen an Museen in Schwerin, Berlin und Greifswald.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Sie dürfen alles fragen – und ich weiß alles“, sagte dieser außergewöhnliche Museumsführer mit diebischer Freude. Das war so ein typischer Satz von Christoph Müller, diesem stolzen wie aufklärungswütigen Sammler, der einem unvergleichlich die Augen öffnete etwa für den „Kosmos der Niederländer“. Über viele Jahre hinweg hatte er die Malerei des „Goldenen Zeitalters“ gesammelt, und nicht weniger enzyklopädisch war das Wissen Müllers über diese Kunst. Nicht die unbezahlbaren Rembrandts, Vermeers waren es, die den sparsamen Tübinger interessierten, er kaufte mit zunehmender Fachkennerschaft die weniger bekannten Namen: Willem Cornelisz Duyster, Joris van Son, Joos de Momper . . .
Aber so trug er ein phänomenales „Museum im Museum“ über „Die sichtbare Welt“ des 17. Jahrhunderts zusammen – so hieß programmatisch Müllers erste Ausstellung 1996 in Ulm. Die Lust am Schauen. Und wehe, man hatte dann nach zwei, drei, vier Stunden nicht genau aufgepasst, wenn er einen, freudig-frech, schließlich abfragte: „Wenn Sie das nicht wissen, haben Sie versagt!“
Das war der Kunstmensch Christoph Müller, der jetzt im Alter von 86 Jahren in Berlin gestorben ist. Aber zunächst mal war er, familiär bedingt, ein Zeitungsmacher gewesen. 1969, als die Studenten auf die Straßen gingen, hatte Müller den Chefredakteursposten des damals rechtsliberalen „Schwäbischen Tagblatts“ vom Vater übernommen, es musste im aufrührerischen Tübingen ein Kurswechsel her. Müller, der beim Berliner „Tagesspiegel“ in die Lehre gegangen war, kam zurück und machte aus seiner Heimatzeitung ein deutschlandweit beachtetes Regionalblatt, das seinen Ruf als „Neckar-Prawda“ pflegte und das auch Professoren und Intellektuelle wie Walter Jens lasen.
Steven Spielbergs Zeitungsdrama „Die Verlegerin“ hat ihm im Kino sehr gefallen, wie Müller später einmal erzählte. Standhaft bleiben gegen die Anwürfe und Repressalien der Politik, den Machtkampf annehmen? Was die „Washington Post“ in den 70er Jahren mit den Pentagon-Papers erlebte, konnte Müller gut nachvollziehen. Es war im Jahre 2002, als Herta Däubler-Gmelin, die Justizministerin der Schröder-Regierung, bei einem Wahlkampfauftritt einen Vergleich zog zwischen der Außenpolitik von George W. Bush und der Adolf Hitlers. Ein Journalist des „Schwäbischen Tagblatts“ war bei der Versammlung offiziell dabei, schrieb mit und entfachte mit seinem Artikel internationales Aufsehen. Däublin-Gmelin bestritt alles, Müller aber, der Chefredakteur und Mitverleger in Personalunion, vertraute seinem Redakteur, verteidigte die freie Presse – und zieh „die Herta“ der Lüge. Was schnell folgte, war deren Rücktritt. Selbst die „New York Times“ berichtete und zitierte.
Enthusiastischer Kritiker
Christoph Müller war freilich immer auch ein leidenschaftlicher, hoch angesehener Theater- und Opernrezensent, ein Feuilletonist der SÜDWEST PRESSE. Er gehörte in seinen Hochzeiten zu den landesweiten Großkritikern, der es rückblickend als Auszeichnung genoss, dass er öffentlich von einem Staatstheater-Schauspieler (Jürg Löw) im Namen des Stuttgarter Ensembles eine schallende Ohrfeige verpasst bekam. Müller hatte anfangs der 80er Jahre heftig gegen den Schauspieldirektor Hansgünther Heyme ausgeteilt und auch im „Spiegel“ eine vernichtende Diagnose veröffentlicht.
1955 schrieb Müller seinen ersten Artikel, und er blieb „begeisterungsfähig bis zum blinden Enthusiasmus“. Auch in seinen Verrissen. Seine Leser schätzten seine Meinungsfreudigkeit, so oder so: „Wenn der Müller die Inszenierung schlecht findet, wissen wir, dass es uns gefällt.“ In den 70ern hielt Müller in unserer Zeitung dem in Stuttgart arg bekämpften Claus Peymann die Stange – was die Theaterlegende ihm nie vergessen hat.
Schwäbischer Schnäppchenjäger
Trotz erbschaftsbedingten Verlegerdaseins war das Theater Müllers Welt. Der 1995 gestorbene Axel Manthey war sein Lebenspartner, aber der Bühnenbildner und Regisseur öffnete ihm dann auch die Augen für die Kunst. Müller wurde Sammler. Und als er 2004 in Tübingen aufhörte, seine Anteile am „Tagblatt“ verkaufte und mit einem Millionenvermögen nach Berlin zog, blieb er auf den Auktionen der schwäbische Schnäppchenjäger, der mit großer Sachkenntnis sammelte, aber immer daran dachte, seine Entdeckungen nicht daheim zu verschließen.
Die Zeichnungen und die Druckgrafik seiner Niederländer-Sammlung schenkte er dem Berliner Kupferstichkabinett und dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum, die Gemälde 2013 dem Staatlichen Museum Schwerin – in Sassnitz auf Rügen hatte Müller auch seinen Zweitwohnsitz. Dann kamen die Dänen: die Romantiker und Realisten des 19. Jahrhunderts, Namen, die kaum einer kennt. Aber in der Gesamtschau, in der Sammlung Christoph Müllers, sind sie ein Kunsterlebnis. Die Dänen schenkte er dem Pommerschen Landesmuseum Greifswald, wo die erste Ausstellung großes Aufsehen erregte – was Müller ungemein freute. „Im Grunde ging es beim Sammeln dieses Connaisseurs und Mäzens ja immer um genau das: ums Weitergeben des Feuers, das ihn selbst gepackt hat“, sagte der Kunsthistoriker und Bestsellerautor Florian Illies einmal über Christoph Müller.
Ein Schwabe auf Rügen
Auch in Sassnitz auf Rügen hatte Christoph Müller in den letzten Jahren einen Wohnsitz. Seine Sammlung alter niederländischer und dänischer Meister hatte er nach Schwerin und Greifswald gegeben, 2019 verlieh ihm Ministerpräsidentin Manuela Schwesig den Verdienstorden des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Müllers guter Freund Florian Illies war in Sassnitz immer wieder zu Gast, auch dort schrieb der Kunsthistoriker, mit Blick auf Caspar David Friedrichs Meer, seinen Bestseller „Zauber der Stille“.

