Festakt Bayreuther Festspiele: Merz, Wagner und das „nationale Lagerfeuer“

Start der Richard-Wagner-Festspiele: Katharina Wagner begrüßt gemeinsam mit Michel Friedman die Gäste des Festakts.
Karl-Josef Hildenbrand/dpa- Bayreuther Festspiele eröffneten mit Beethovens 9. Sinfonie – Christian Thielemann dirigierte.
- Reden setzten Akzente gegen Antisemitismus und für kritische Aufarbeitung der Wagner-Geschichte.
- Katharina Wagner und Michel Friedman begrüßten; Merz nannte Bayreuth ein „nationales Lagerfeuer“.
- Markus Söder pointierte „Wagnis, Weltklasse, Wahnsinn“, Nike Wagner übte familiär-kritische Rückschau.
- Programm nächstes Jahr: Neuproduktionen „Parsifal“ und „Lohengrin“, zudem „Meistersinger“ und „Tannhäuser“.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Freude, schöner Götterfunken“ – nein, das ist nicht von Richard Wagner. Es war eine außergewöhnliche Bayreuther Festspieleröffnung am Samstagabend (25. Juli 2026) für die herangefahrene Prominenz: Bundeskanzler Friedrich Merz und all die anderen mehr oder weniger Wichtigen mussten keine stundenlange Oper und (fast) keine Musik von Wagner hören. Denn auf dem Programm des Festakts stand Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie. Was allerdings Tradition hat, denn schon zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses 1872 erklang dieses Werk unter Wagners Leitung, und zwar drunten in der Stadt, im Markgräflichen Opernhaus. Die „vorzüglichsten Musiker“ hatten er damals eingeladen, zahlte aber kein Honorar, sondern nur eine Reiseentschädigung sowie freie Wohnung und Kost. Typisch. Aber das sich geändert.
Alle Jubeljahre griff man später in Bayreuth zu Beethoven – und dem Schlusschor zu Schillers „Ode an die Freude“. „Alle Menschen werden Brüder“ oder „seid umschlungen Millionen!“ Das passte, wenn auch in Bayreuth mit Beigeschmack: etwa als Wilhelm Furtwängler 1951 zum Auftakt des Wiederbeginns der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Holocaust, die 9. Sinfonie an einem Ort dirigierte, der tief verstrickt war mit dem Nationalsozialismus.
Jetzt also war Christian Thielemann dran beim Festakt „150 Jahre Bayreuther Festspiele“: eine große, erratisch romantische Aufführung, vom zartesten Piano bis zur Chor-Wucht, immer überraschend. Dazu das Solistenquartett Elza van den Heever, Christa Meyer, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld. Aber das Festspielorchester spielte auch Wagner: die „Meistersinger“-Ouvertüre und den „Einzug der Gäste“ aus „Tannhäuser“. Apropos. Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir und sein Vorgänger Winfried Kretschmann saßen in den Logen.
Reden von Merz und Söder
Wie blickt das 1876 gegründete Bayreuth, das unter der Komponistenwitwe Cosima und dessen Schwiegertochter Winifred Wagner, einer glühenden Hitler-Liebhaberin, dunkle Zeiten erlebte, heute zurück? Wie haben die Festspiele ihre braune Vergangenheit aufgearbeitet? Ganz zu schweigen von der Frage, wie die Wagner-Getreuen sich zum Antisemitismus des Komponisten verhalten und wie dessen Werk in der Gegenwart aufgearbeitet wird.
Es gab auf dem Festakt deutliche Ansagen. Festspielchefin Katharina Wagner, die mit dem jüdischen Publizisten Michel Friedman gemeinsam die Ehrengäste begrüßte, sagte, dass es darum gehe, „hier Nein zu sagen“ gegen Rassismus, Chauvinismus und eine Verharmlosung der Geschichte. Dafür erntete sie großen Beifall; mit Fußgetrampel auf dem Holzboden. Bundeskanzler Friedrich Merz, gebrieft von einem exzellenten Redenschreiber, bemühte Thomas Mann: Man dürfe Wagner genießen, aber nicht ohne Misstrauen. „Canceln ist jedenfalls auch hier keine Lösung.“ Auch hielt Merz ein Plädoyer für die Kultur, weil alle Autoritären die Kreativen fürchteten. Und rühmte Bayreuth als ein „nationales Lagerfeuer“. Na ja. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder übernahm einen fränkisch-launigen Part und brachte Wagner-Bayreuth auf die Formel „Wagnis, Weltklasse, Wahnsinn“.

Der Festakt 150 Jahre Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann dirigiert Beethovens 9. Sinfonie.
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele GmbH/dpaDie Opern-Royals
Eine herzlich-kritische Festrede hielt Nike Wagner (81), Urenkelin des Komponisten, Tochter Wieland Wagners und damit die Cousine der aktuellen Festspielchefin Katharina Wagner, der Tochter Wolfgang Wagners. Ihre Väter duften Adolf Hitler „Onkel Wolf“, leiteten von 1951 an gemeinsam „Neu-Bayreuth“. Aber als Wieland starb und Wolfgang, jetzt Alleinchef, noch einmal heiratete, verstieß er seine eigene Familie und fegte auch die Wielands vom Bayreuther Hof. Die Wagners waren früher die deutschen Kultur-Royals: Stoff eigentlich für dramatische Seifenopern-Serien. Und das war dann auch Nike Wagners Thema: das Familientheater in Bayreuth. Wobei mittlerweile der Staat die Macht fast ganz übernommen habe. Das Wagner'sche Erbgut sei ja verseucht, aber es klang dann auch durch, dass so ganz ohne Wagner in Bayreuth das Vermächtnis Richards verloren gehe. Und die Aura.
Mit großer Spannung wurde dann am anderen Morgen, am Sonntag, der Auftritt des jüdischen Publizisten Michel Friedman in der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ erwartet. Und nachmittags die Premiere der Oper „Rienzi“.
Neu 2027: „Parsifal“ und „Lohengrin
Mit einer akuten Blinddarmentzündung ist Katharina Wagner in Regensburg operiert worden, aber anderntags, am Freitagnachmittag war die Bayreuther Festspielchefin schon wieder bei der virtuellen Pressekonferenz dabei – und verkündete das Programm für das nächste Jahr 2027. Gleich zwei Neuproduktionen wird es geben: Ersan Mondtag inszeniert mit Piotr Beczala den „Parsifal“ im Bühnenbild von Neo Rauch und seiner Frau Rosa Loy; Christian Thielemann dirigiert. Einen neuen „Lohengrin“ bringt die junge Italienerin Ilaria Lanzino auf die Bühne, mit Michael Spyres in der Titelpartie und dem Finnen Tarmo Peltokoski am Pult. Als Wiederaufnahmen sind die „Meistersinger“ (mit Michael Volle als Hans Sachs) und der „Tannnhäuser“ (mit Dirigenten-Debütant Thomas Guggeis) zu erleben.

