Bayreuther Festspiele
: Michel Friedman hält am unheilvollen Ort eine flammende Rede für die Demokratie

150 Jahre Bayreuther Festspiele – starke Reden gegen Antisemitismus und für eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte. Und Christian Thielemann dirigiert umjubelt Beethoven.
Von
Jürgen Kanold
Bayreuth
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Richard-Wagner-Festspiele - Gedenken „Verstummte Stimmen“: 26.07.2026, Bayern, Bayreuth: Katharina Wagner (Mitte r), künstlerische Leiterin der Bayreuther Festspiele, und Michel Friedmann (M) stehen bei einem Gebet an der Außen-Ausstellung «Verstummte Stimmen» in der Nähe des Festspielhauses. Bei dem Gedenkakt wurde an jüdische Musikerinnen und Musiker erinnert, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Foto: Daniel Löb/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Michel Friedman und Katharina Wagner schauen sich im Festspielpark die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ an.

Daniel Löb/dpa
  • Bayreuther Festspiele eröffneten mit Beethovens 9. Sinfonie – Christian Thielemann dirigierte.
  • Reden setzten Akzente gegen Antisemitismus und für kritische Aufarbeitung der Wagner-Geschichte.
  • Katharina Wagner und Michel Friedman begrüßten; Merz nannte Bayreuth ein „nationales Lagerfeuer“.
  • Markus Söder pointierte „Wagnis, Weltklasse, Wahnsinn“, Nike Wagner übte familiär-kritische Rückschau.
  • Programm nächstes Jahr: Neuproduktionen „Parsifal“ und „Lohengrin“, zudem „Meistersinger“ und „Tannhäuser“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Freude, schöner Götterfunken“ – nein, das ist nicht von Richard Wagner. Es war eine außergewöhnliche Bayreuther Festspieleröffnung am Samstag (25. Juli 2026) für die herangefahrene Prominenz: Bundeskanzler Friedrich Merz und all die anderen mehr oder weniger Wichtigen mussten keine stundenlange Oper und (fast) keine Musik von Wagner hören. Denn auf dem Programm des Festakts stand Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie. Was allerdings Tradition hat, denn schon zur Grundsteinlegung des Bayreuther Festspielhauses 1872 erklang dieses Werk.

Alle Jubeljahre griff man später in Bayreuth zu Beethoven – und dem Schlusschor zu Schillers „Ode an die Freude“. „Alle Menschen werden Brüder“ oder „seid umschlungen Millionen!“. Das passte, wenn auch in Bayreuth mit Beigeschmack: etwa als Wilhelm Furtwängler 1951 zum Auftakt des Wiederbeginns der Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg die 9. Sinfonie an einem Ort dirigierte, der tief verstrickt war mit dem Nationalsozialismus.

Jetzt war Christian Thielemann dran beim Festakt „150 Jahre Bayreuther Festspiele“: eine große, erratisch romantische Aufführung, vom zartesten Piano bis zur Chor-Wucht, immer überraschend. Dazu das Solistenquartett Elza van den Heever, Christa Mayer, Klaus Florian Vogt und Georg Zeppenfeld. Aber das Festspielorchester spielte auch Wagner: die „Meistersinger“-Ouvertüre und den „Einzug der Gäste“ aus „Tannhäuser“. Apropos. Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Cem Özdemir und sein Vorgänger Winfried Kretschmann saßen in den Logen.

Reden von Merz und Söder

Wie blickt das 1876 gegründete Bayreuth, das unter der Komponistenwitwe Cosima und dessen Schwiegertochter Winifred Wagner, einer glühenden Hitler-Liebhaberin, dunkle Zeiten erlebte, heute zurück? Wie haben die Festspiele ihre braune Vergangenheit aufgearbeitet?

Es gab beim Festakt deutliche Ansagen. Festspielchefin Katharina Wagner sagte, dass es darum gehe, „hier Nein zu sagen“ gegen Rassismus, Chauvinismus und eine Verharmlosung der Geschichte. Dafür erntete sie großen Beifall; mit Fußgetrampel auf dem Holzboden. Bundeskanzler Friedrich Merz, gebrieft von einem exzellenten Redenschreiber, bemühte Thomas Mann: Man dürfe Wagner genießen, aber nicht ohne Misstrauen. Und rühmte Bayreuth kulturell als ein „nationales Lagerfeuer“. Na ja. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder übernahm einen fränkisch-launigen Part und brachte Wagner-Bayreuth auf die Formel „Wagnis, Weltklasse, Wahnsinn“.

Festakt- Bayreuther Festspiele: HANDOUT - 24.07.2026, Bayern, Bayreuth: Musikerinnen und Musiker stehen während des Festaktes auf der Bühne. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele GmbH/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Der Festakt „150 Jahre Bayreuther Festspiele“, Christian Thielemann dirigiert Beethovens 9. Sinfonie.

Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele GmbH/dpa

Die Opern-Royals

Eine herzlich-kritische Festrede hielt Nike Wagner (81), Urenkelin des Komponisten, die Cousine  Katharinas. Ihre Väter durften Adolf Hitler „Onkel Wolf“ nennen, leiteten von 1951gemeinsam „Neu-Bayreuth“. Aber als Wieland starb und Wolfgang, jetzt Alleinchef, noch einmal heiratete, verstieß er seine eigene Familie und fegte auch die Wielands vom Hof. Die Wagners sind die deutschen Kultur-Royals. Und das war auch Nike Wagners Thema: das oft unheilvolle Familientheater in Bayreuth. Aber ob es besser werde, wenn es jetzt fast ein Staatsbetrieb sei?

Start der Richard-Wagner-Festspiele

Start der Richard-Wagner-Festspiele: Katharina Wagner begrüßt gemeinsam mit Michel Friedman die Gäste des Festakts.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Am Sonntagmorgen dann die mit Spannung erwartete Gedenkrede des jüdischen Publizisten Michel Friedman: „Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse“. Das Hickhack seiner Ein-Aus-Einladung? Vergessen. Friedman scheint jetzt geradezu adoptiert von den Wagners – und ersparte ihnen nichts. „Antisemitismus“ steht an der Bühnenwand des Festspielhauses, weiß auf schwarzem Hintergrund. In der Veranstaltung „Verstummte Stimmen“ führt Dirigent Semyon Bychkov mit einem Kammerensemble das „Siegfried-Idyll“ auf, Wagners friedvollstes Werk, aber es erklingt auch das Bläserquintett des von den Nazis 1944 in Auschwitz ermordeten Komponisten Pavel Haas.

Der streitbare Friedman (Sohn von Holocaust-Überlenden, von „Schindler-Juden“) hält eine mitreißende, so persönliche wie aufrüttelnde Ansprache: Er brandmarkt den Antisemitismus Wagners, die Mittäterschaft der Festspiele, das lange Schweigen und preist Katharina Wagners Einsatz für ein neues Bayreuth. Ja, man dürfe ohne schlechtes Gewissen Wagner hören, „aber nicht ohne Wissen“. Doch es geht es ihm, in Angst und Sorge, um viel mehr: aufklärend um die Demokratie in Deutschland. „Nur wenn wir uns der Geschichte stellen, haben wir eine Chance, dass es nie wieder zu Auschwitz kommt.“ Flammende Appelle in immer neuen Variationen: gegen den Hass, für den so nötigen Einsatz für unsere Demokratie: „Wir sind nicht hilflos. Es geht, wenn wir wollen. Ich will. Wollen Sie auch?“

Friedmans Rede: inhaltsreicher, emotionaler, nachhaltiger als viele Bayreuther Opernaufführungen.

Neu 2027: „Parsifal“ und „Lohengrin

Mit einer akuten Blinddarmentzündung ist Katharina Wagner in Regensburg operiert worden, aber anderntags, am Freitagnachmittag, war die Bayreuther Festspielchefin schon wieder bei der virtuellen Pressekonferenz dabei – und verkündete das Programm für das Jahr 2027. Gleich zwei Neuproduktionen wird es geben: Ersan Mondtag inszeniert mit Piotr Beczala den „Parsifal“ im Bühnenbild von Neo Rauch und seiner Frau Rosa Loy; Christian Thielemann dirigiert. Einen neuen „Lohengrin“ bringt die junge Italienerin Ilaria Lanzino auf die Bühne, mit Michael Spyres in der Titelpartie und dem Finnen Tarmo Peltokoski am Pult. Als Wiederaufnahmen sind die „Meistersinger“ (mit Michael Volle als Hans Sachs) und der „Tannhäuser“ (mit Dirigenten-Debütant Thomas Guggeis) zu erleben.