Bayreuther Festspiele 2026: Gedenkort unheilvoller deutscher Geschichte

Ein Ort, der viel über große Musik und auch unheilvolle deutsche Kulturgeschichte erzählt: das Bayreuther Festspielhaus.
Karl-Josef Hildenbrand/dpa- Bayreuther Festspiele feiern die Gründung vor 150 Jahren – nie ging es dort nur um Musik.
- Bayreuth steht für große Kunst und unheilvolle Geschichte, vom Kaiser bis zu Adolf Hitler.
- Debatte: Lässt sich Wagners Musik vom antisemitischen Autor trennen? Kontext ist entscheidend.
- Katharina Wagner betont Wagners Antisemitismus, der nicht zu relativieren ist.
- Michel Friedman spricht im Festspielhaus über Verantwortung und verdrängte jüdische Künstler.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Zu den ersten Festspielen, 1876, reiste Kaiser Wilhelm I. nach Bayreuth. 1940, nach dem siegreichen Feldzug gegen Frankreich, kam Adolf Hitler auf den damals widerlich braunen Grünen Hügel und verkündete, benommen von Richard Wagners Musik: „Ich höre die Flügel der Siegesgöttin rauschen!“ An diesem Samstag gehört der demokratisch gewählte Bundeskanzler Friedrich Merz zu den Gästen, wenn die Bayreuther Festspiele – Deutschlands weltberühmtestes Festival – ihre Gründung vor 150 Jahren feiern.
Nein, es ging dort nie nur um Musik. Bayreuth war von Beginn an eine romantisch-nationale Angelegenheit, aber auch eine nationalistische, dann eine nationalsozialistische. An kaum einem anderen Ort lässt sich die jüngere deutsche Geschichte mit allen Ausschlägen, Wunden derart authentisch begreifen. Was zu lernen wäre: viel mehr als die Einsicht, dass Wagners Werk wechselnde Zeitläufte überlebt hat und immer neu und lohnend kritisch in der Gegenwart befragt werden kann.
Denn wer auf Wagner und Bayreuth schaut, dem klärt sich auf, wie Kunst und Kultur missbraucht werden können. Wie ein Volk Ideologien nachrennt, wie Führer die Menschen blenden.
Ach, sagen viele, diese Festspiele sind doch nur Hochkultur, teuer, elitär. Eine Bespaßung reicher Bildungsbürger? Ja und nein. Abgesehen davon, dass Wagners Opern auch andernorts, niederschwelliger, auf den Spielplänen stehen – und dass niemand gezwungen wird, stundenlang still zu sitzen, um etwa den „Parsifal“ zu hören: Aber was bleibt von einer Gesellschaft, die ihr Kulturerbe vergisst, verleugnet oder wegspart? Die sich nur für das vordergründig Effiziente interessiert, die sich nicht geistig auseinandersetzen will mit der Realität, die sich bildungsfern verzwergt? „Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“, sagte aber Alexander von Humboldt, kein Künstler, sondern ein Naturwissenschaftler.
Weshalb ist eigentlich Bayreuth derart einzigartig bis mythenumwölkt? Da komponierte der größenwahnsinnige wie stets bankrotte Richard Wagner ein halbes Leben lang (ganz ohne KI) an seinem Opern-Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“, an einem menschlich-göttlichen Gesamtkunstwerk, um die Welt zu erklären. Und dann baute er dafür ein eigenes Festspielhaus, und zwar in der Provinz, wohin man entschieden reisen muss, wo kein nur „auf Zerstreuung ausgehendes Publikum“ vorbeischaut. Wie modern!
Ein aggressiver Antisemit
Wagner aber schrieb auch böse Pamphlete wie „Das Judentum in der Musik“. Kann man die großartige Musik Wagners vom Menschen Wagner trennen? Auch seine Urenkelin Katharina Wagner sagt: „Er war zweifellos Antisemit, und diese Haltung ist nicht zu relativieren“, seine Bedeutung als Komponist müsse im historischen Kontext seiner Schriften und Weltanschauungen betrachtet werden. Es ist eine Problematik, die auch die Protestanten mit ihrem antisemitischen Martin Luther kennen – der ein Kind seiner Zeit war wie Wagner. Wie geht man damit um?
Diese Frage ist brennender Debattenstoff in unserer Gesellschaft, in der Rechtsextremismus und Antisemitismus alarmierend wieder auf dem Vormarsch sind. Gut, dass der Publizist Michel Friedman am Sonntag im Bayreuther Festspielhaus spricht, dass er die historische Verantwortung der Wagner-Festspiele analysieren und an die jüdischen Künstlerinnen und Künstler erinnern wird, deren Wirken auf dem Grünen Hügel durch Judenhass, Verfolgung und Ermordung ein Ende fand.
Bayreuth sollte kein Schauplatz der Repräsentationskultur sein, sondern ein Gedenk- und künstlerischer Debattenort: Wie gehen die Deutschen mit ihrem kulturellen Erbe um, wie können wir daraus ein Bewusstsein für eine demokratische Zukunft ziehen?

