150 Jahre Bayreuther Festspiele: Friedman, „Rienzi“ und viel Chaos

Eine große künstlerische, aber auch eine unheilvolle Geschichte: 1876 gründete Richard Wagner die Bayreuther Festspiele.
Daniel Vogl/dpa- Bayreuth plant die Jubiläumssaison „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ ab 25. Juli.
- Streit um Michel Friedman: Termin erst abgesagt, dann Entschuldigung und erneute Zusage.
- Unklar bleibt der Ort der Gedenkveranstaltung, offizielle Ankündigungen fehlen bisher.
- Finanzprobleme und Führungschaos in Stadt und Festspielen erschweren die Planung.
- Auftakt mit Beethovens 9. und „Rienzi“ – die Oper hat eine belastete Rezeptionsgeschichte.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Heiße Tage auf dem Grünen Hügel, es laufen schweißtreibend die Proben für die am 25. Juli 2026 beginnende Jubiläumssaison „150 Jahre Bayreuther Festspiele“. Aber auch das politische Klima strengt sehr an. Skandalträchtiges im Vorfeld, reflexhafte Aufregung, eigentlich wie fast immer. Aktuell: dass der jüdische Publizist Michel Friedman in einer Gedenkveranstaltung über den Antisemitismus Richard Wagners und die unheilvolle Verstrickung der Festspiele in den Nationalsozialismus hätte sprechen sollen, dann aber die Geschäftsführung den Termin absagte, wegen Sicherheitsbedenken.
Friedman machte den Vorfall drastisch öffentlich, sprach vom „Tod der Demokratie durch Selbstmord“. Dann entschuldigte sich Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten und Festspielchefin, für die „Fehleinschätzungen“ und sicherte zu, die Veranstaltung abhalten zu wollen. Es sei wichtig, „der schrecklichen Dinge zu gedenken, mit denen die Festspielgeschichte fatal verknüpft ist“. Friedman, Sohn von Holocaust-Überlebenden, nahm die Entschuldigung an. Und will kommen. Aber wohin?
Irritierend: Besagte Gedenkveranstaltung im Festspielhaus am Sonntagmorgen des 26. Juli war offensichtlich nur intern geplant, noch gar nicht organisiert gewesen, geschweige denn als Termin bekanntgegeben. Und auch jetzt: Die Festspiele vermelden diesbezüglich nichts auf ihrer Internetseite, auch das Friedrichsforum (die frühere Bayreuther Stadthalle), wo Friedman nun angeblich sprechen soll, listet eine solche Veranstaltung nicht im Kalender auf.
Unprofessionalität in Bayreuth
Vielleicht herrscht auch einfach nur Chaos in Bayreuth bei den weltberühmtesten Festspielen: große Finanzprobleme, Unprofessionalität, komplizierte Trägerstruktur. Ein schon 2024 angekündigter General Manager, der Katharina Wagner entlasten soll, fehlt immer noch. Wobei auch die Stadt Bayreuth in diesem Drama mitspielt: Der neue, im Mai angetretene SPD-Oberbürgermeister Andreas Zippel, der seinen CSU-Vorgänger mit deutlicher Mehrheit besiegt hatte, machte einen Kassensturz, räumte in der Verwaltung auf und beurlaubte die Kulturreferentin Eva Christina Bär, die erst seit Anfang 2025 amtierte.
Zippel sprach von einer „Deckungslücke“ von 340.000 Euro im Budget für die Wagner-Feierlichkeiten. Er sagte eine zweitägige „Festmeile“ auf dem Luitpoldplatz ab, anderes mehr. Die Internetseite „Festival 150“ zählt noch Attraktionen wie die Ausstellung „Die Meistertipper“ im Deutschen Schreibmaschinenmuseum auf.
Aber zurück auf den Grünen Hügel. Beim Festakt am Samstag, 25. Juli, dirigiert Christian Thielemann die 9. Sinfonie Beethovens, anderntags um 16 Uhr hat dann die Oper „Rienzi“ Premiere. Wer die Verhältnisse im und am Festspielhaus kennt, den jährlichen Polizeiauftrieb am Eröffnungstag, wundert sich nicht, dass eine um 11 Uhr zusätzlich dort angesetzte Gedenkveranstaltung große logistische Probleme, auch bezüglich der Sicherheitsauflagen, mit sich brächte. Die Frage aber ist: Warum beginnen die Festspiele, die Wagner 1876 für die Aufführung seines Vierteilers „Der Ring des Nibelungen“ gründete, ausgerechnet mit dieser 1842 uraufgeführten Oper?
Der „Rienzi“, Hitlers Lieblingsoper?
Naiv werbend auf dem Spielplan der Festspiele heißt es zunächst: „Die Aufführung in Bayreuth ist eine einmalige Gelegenheit, Wagners frühen Triumph neu zu entdecken – dort, wo er bislang nie erklungen ist.“ Ja, andererseits hat diese Oper eine fatale braune Rezeptionsgeschichte. Mit 17 Jahren hatte Hitler in Linz den „Rienzi“ gehört: Ein Mann aus bescheidenen Verhältnisse steigt auf zum sozialrevolutionären Volkstribun. Hatten diese Story, dieses Erlebnis Hitlers Lebensentscheidung beeinflusst, Politiker zu werden? War der „Rienzi“ seine Lieblingsoper?
Spannend wird sein, wie die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka dieses Werk interpretieren – mit welchen Kommentaren. Das zählt. Wie Bayreuth seine unselige Geschichte auf der Bühne eindrucksvoll thematisieren und sehr kritisch hinterfragen kann, zeigte vor allem Barry Kosky mit den „Meistersingern von Nürnberg“.
Was allemal feststeht: Der 1813 geborene Richard Wagner war in Wort und Tat ein Antisemit (nicht nur in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“), seine Witwe Cosima geradezu eine Judenhasserin. Und deren Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain agierte nach 1909 von Bayreuth aus als einflussreicher Rassentheoretiker. Winifred Wagner wiederum, Ehefrau des Wagner-Sohnes Siegfried und von 1930 an Chefin der von ihr bald arisierten Festspiele, war glühende Nationalsozialistin und Hitler „in ewiger Freundschaft“ verbunden. Die Nazis eröffneten ihre Parteitage in Nürnberg mit dem „Meistersinger“-Vorspiel.
Doch war Wagner der Prophet und Hitler der Vollstrecker seines Willens? Keineswegs. Ein braunes Erbe jedoch bleibt bis heute, auch wenn sich Bayreuth nach 1945 deutlich auf der Bühne und dahinter entnazifizierte. Ernst Bloch, der Marxist, schrieb einmal: „Die Musik der Nazis ist nicht das Vorspiel zu den Meistersingern, sondern das Horst-Wessel-Lied; andere Ehre haben sie nicht.“ Das ist wahr, und noch ganz andere Musik missbrauchten die Nazi-Mörder aus der deutschen Kulturnation.
„Verstummte Stimmen“ im Park des Festspielhauses
Im Park unterhalb des Festspielhauses, nahe der Steigenberger Festspielrestauration, dort, wo Arno Brekers Wagner-Büste steht, haben der Historiker Hannes Heer und sein Team schon 2012 die erschütternde Dokumentation „Verstummte Stimmen“ aufgebaut. Graue Tafeln, Grabsteinen gleich, erzählen vom antisemitischen Bayreuth vor 1945 und dem Schicksal jüdischer Künstler.
Friedrich Schorr etwa, Sohn eines Kantors, trat dort als Germanengott Wotan nur bis 1931 auf – bis Festspielchefin Winifred Wagner nur zu gern dem Drängen ihres „in ewiger Freundschaft verbundenen“ Hitler nachgab und den jüdischen Bariton schasste: Als „unerträglich“ hatte es Hitler empfunden, „dass ausgerechnet ein Vertreter der Rasse, die uns rassisch, politisch, moralisch, künstlerisch zugrunde richtet, den Wotan singt“.

Im Zeichen Richard Wagners: Die von Arno Breker geschaffene Büste im Park des Bayreuther Festspielhauses.
Daniel Vogl/dpaBayreuth und der Nationalsozialismus, das ist eine unselige Geschichte. So war es just 2012 zu einem Skandal gekommen, als ein Video den russischer Bariton Evgeny Nikitin, der die Hauptrolle im „Fliegenden Holländer“ singen sollte, mit Nazi-Tattoos auf dem nackten Oberkörper zeigte. Der Sänger war untragbar geworden, musste abreisen.
Bayreuth ist und bleibt ein ambivalent geschichtsträchtiger Ort, die Festspiele selbst müssen sich künstlerisch mit dem Wagner-Werk auseinandersetzen. Aber gut, wenn Michel Friedman dort zudem über den aktuell in Deutschland grassierenden Antisemitismus aufklärt.
Grußwort des Bundespräsidenten
An die „werten Festspielgäste“ hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Grußwort geschrieben. Darin schreibt er: „Die Geschichte des Grünen Hügels ist allerdings nicht frei von Schatten. Der Antisemitismus Wagners, die Verstrickung der Festspiele mit dem Nationalsozialismus, die Bereitschaft, diesen Ort dem verbrecherischen Regime zur Selbstinszenierung darzubieten – dies alles gehört zu einem aufgeklärten Bild der Tradition Richard Wagners in Bayreuth. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser Vergangenheit bleibt ein notwendiger, bis heute nicht abgeschlossener Prozess.“


