Familie Thomas Mann in Sanary: Ins Paradies vertrieben

Leidenschaftlicher Erzähler: Florian Illies hat ein Buch über Thomas Mann und seine Familie geschrieben.
Arne Dedert/dpa- Florian Illies beleuchtet in „Wenn die Sonne untergeht“ das Exil der Familie Mann im Sommer 1933.
- Thomas Mann floh mit seiner Familie nach Frankreich, während die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen.
- Die Familie lebte in Sanary-sur-Mer, doch die politische Lage und persönliche Ängste belasteten sie schwer.
- Thomas Mann zögerte, sich öffentlich gegen die Nazis zu äußern, aus Sorge um Leser und persönliche Enthüllungen.
- Illies verknüpft historische Ereignisse mit Anekdoten und zeigt Parallelen zu aktuellen politischen Entwicklungen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Kann er nach Deutschland zurück? Nach München in die luxuriöse Villa in der Poschingerstraße, wo fünf Hausangestellte warten und drei Autos in der Garage stehen? Nein, die „Richard-Wagner-Stadt“ hetzt gegen den Nobelpreisträger, weil er angeblich im Ausland, in Vorträgen, die nationale Geistesgröße besudelt hat. So verlässt Thomas Mann mit seiner Frau Katia am 5. Mai 1933 die Schweiz im Schlafwagen; die Fahrkarten sind gebucht bis Marseille-Toulon, es geht ins französische Exil. Es ist keine schöne Reise. Denn im Zug befinde sich kein Waggon-Restaurant, klagt der Schriftsteller. Auch sonst gebe es keine Gelegenheit, ein ihm so wichtiges warmes Getränk zu bekommen: „Eine schlimme Behagensminderung.“
Als ob Thomas Mann keine größeren Sorgen hätte in diesen Monaten, in denen Hitler und seine Schergen die Heimat brutal in Besitz nehmen. Tatsächlich notiert der Autor der „Buddenbrooks“ und des „Zauberberg“ in seinem Tagebuch mit tödlichem Ernst noch den leisesten Anflug einer Erkältung. „Der Halsschmerz erscheint ihm ungefähr so gefährlich wie der Nationalsozialismus“, kommentierte Florian Illies diese Befindlichkeit, als er auf der Frankfurter Buchmesse seinen neuen Bestseller „Wenn die Sonne untergeht“ vorstellte.
Urlaub im Exil
Es sind in diesem Thomas-Mann-Jahr, zum 150. Geburtstag, schon viele Bücher erschienen, darunter herausragend Tilman Lahmes neue Biografie. Illies lenkt nun den Blick auf die Familie Mann in Sanary am Mittelmeer, explizit auch auf die sechs Kinder, darunter Klaus, Erika und Golo, die nicht verstehen, weshalb ihr Vater partout nicht international und demonstrativ das Wort ergreift und das Nazi-Geschehen verurteilt. Drei Monate in einem heißen Sommer 1933: Es ist eine „Vertreibung ins Paradies“.
Die Manns beziehen ein formidables Anwesen, La Tranquille, nur fünf Minuten bis zum Strand in der Bucht von Portissol. Urlaubsatmosphäre. Die besagte Sonne aber geht in Deutschland unter, die Nazis verwandeln unerwartet schnell, aber äußerst gründlich die Weimarer Republik in eine Diktatur. Sie errichten erste Konzentrationslager, Menschen werden misshandelt, gefoltert, ermordet. Thomas Mann aber, der sich als der hauptsächliche Repräsentant der deutschen Kultur versteht, der es sich so bequem großbürgerlich eingerichtet hat, will nach wie vor kein Emigrant sein, hofft noch auf eine Wende.
Die großen Kinder versuchen das Vermögen zu retten, ehe die Konten gesperrt sind, die Villa konfisziert ist. Vieles gelingt. Thomas Mann aber hat vor allem Angst davor, dass seine Tagebücher in die Hände der Nazis fallen, sie ihn ob seiner verheimlichten Homosexualität medial bloßstellen. Und er glaubt dennoch daran, dass sein Verleger Gottfried Beermann Fischer in Berlin seinen Roman „Joseph und seine Brüder“ herausbringen kann. Auch deshalb hält sich der Nobelpreisträger mit öffentlicher Rede zurück, er will seine deutschen Leser nicht verlieren. Wie weltfremd. Besser: wie verzweifelt.
Sehr anschaulich beschreibt Florian Illies diesen zerrissenen Thomas Mann: so eitel, erhaben, egomanisch, so verletzlich, getrieben, am Abgrund taumelnd. Andererseits gelingt dem Autor eine Momentaufnahme mit erschreckend gegenwärtigen Bezügen: wie eine Demokratie stirbt, wie Opportunismus um sich greift, wie Prominente flugs das Lager wechseln, sich neu positionieren – und wie andere um ihr Leben zittern müssen. Und wieder andere, wie Thomas Mann, die eine Stimme haben, wie gelähmt zusehen, die Rasanz der Veränderung nicht begreifen. Geschichtliche Vergleiche hinken zumeist, aber der Leser denkt bei diesen Schilderungen nicht selten an das Trump-Amerika.

Literaturnobelpreisträger Thomas Mann.
dpaAnsonsten ist „Wenn die Sonne untergeht“ ein typisches Illies-Buch. Der Autor hat mit „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ geradezu ein Genre begründet: historische Epochenporträts, zusammengesetzt aus Miniaturen, Anekdoten, Aphorismen. Immer genau recherchiert aus Briefen, Zeitdokumenten, der Literatur – fesselnd geschrieben, mit lakonischem Humor und gerne aus der Schlüssellochperspektive. Dieses Verfahren des gehobenen Boulevards wendet er auch in diesem Fall an. Ein faszinierendes Personal, das sich damals in Sanary versammelte: nicht nur die Familie Mann und auch Heinrich Mann mit Nelly, sondern zahlreiche weitere illustre Figuren, nicht zuletzt Lion Feuchtwanger, der mit „Die Geschwister Oppermann“ den ersten Exil-Roman schreibt, sehr viel Sport treibt und mit der Gattin und der Sekretärin gleichermaßen Sex hat. Es geht halt immer auch ums persönliche Behagen.

Florian Illies: Wenn die Sonne untergeht. S. Fischer, 336 Seiten, 26 Euro.
S. Fischer
