„Die Botanik des Wahnsinns“: Leon Engler fragt: „Was ist eigentlich normal?“

Hat mit "Botanik des Wahnsinns" eine literarische Entdeckung des Bücherherbstes vorgelegt: Leon Engler.
Niklas Berg- „Botanik des Wahnsinns“: Roman von Leon Engler über eine außergewöhnliche Familie und psychische Krankheiten.
- Ein junger Mann, belastet durch familiäre Erkrankungen, landet in der Psychiatrie und reflektiert sein Leben.
- Engler verbindet präzise Erzählkunst mit Einblicken in klinische Psychologie und die Frage nach Normalität.
- Titel verweist auf Carl von Linnés Klassifizierungssystem – Krankheiten als Teil einer Seelenlandschaft.
- Selbsttherapie und Erkenntnis: Schmerz akzeptieren und das Leben annehmen – menschlich und berührend.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Ein junger Mann fürchtet sich panisch davor, verrückt zu werden. Kann man verstehen, bei der Familie: die Mutter alkoholkrank, der Vater depressiv, die Großmutter bipolar mit zwölf Suizidversuchen, der Großvater „Stammkunde“ in Steinhof, der berühmten Wiener Heil- und Pflegeanstalt. „Es sieht nicht gut für mich aus“, hat er schon als Schüler im Biologieunterricht durchgerechnet, als die Vererbungslehre auf dem Stundenplan stand.
Er reißt aus, aber weiß dann, dass ein Patient oft eine Weile versucht, seine Probleme mit allen möglichen Mitteln zu bewältigen, dass dann aber der Selbstschutz zusammenbricht, die Symptome auftreten. Und endlich landet auch der Ich-Erzähler in der Psychiatrie. „Es ist unspektakulär. Keine Polizei, kein Krankenwagen, keine abgeschnittenen Krawatten. Ich nehme einfach den Bus.“
Es sei ja ein seltsames Gefühl, sich in der Psychiatrie gut aufgehoben zu fühlen. Ein schönes Parkgelände, Gewächshäuser, Bienenstöcke, Käsekuchen im Café. Ein freundlicher Arzt klärt über die Abläufe des Stationsalltags auf. Die Leitende Psychologin zeigt ihm aber dann nicht sein Zimmer, sondern sein Büro. Sehr lustig. Denn der Mann hat Psychologie studiert, weil er wissen wollte, wie der Mensch funktioniert. Also zunächst mal seine Familie und sich selbst verstehen will. Das macht er jetzt sehr praxisnah, bei der Arbeit.
Ironisch und ehrlich
„Botanik des Wahnsinns“ heißt der Debütroman des 36-jährigen, in München aufgewachsenen Autors und Psychologen Leon Engler, der 2022 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde und schon einige Theaterstücke auf die Bühne brachte. Der Mann hat Humor. Und schreibt hochpräzise Sätze übers und fürs Leben. Auf dem Cover ist eine Lobeshymne von Siri Hustvedt abgedruckt, der neurowissenschaftlich beschlagenen US-Schriftstellerin: „Dieses Buch ist unwiderstehlich. Zugleich leichtfüßig und ernst, zärtlich und brutal, ironisch und ehrlich.“ Klingt sehr euphorisch etikettiert, treffender aber lässt sich ein Urteil über diesen Roman nicht formulieren. Eine große Entdeckung in diesem literarischen Herbst!
Mit poetischer Lakonie, mit verblüffend trockener Präzision erzählt Engler eine unglaubliche wie erschütternde Familiengeschichte – aber verbunden, geschnitten mit lehrhaften Exkursionen aus der klinischen Psychologie. Immer auf der Suche nach Antworten auf die Frage: Was ist eigentlich normal?
Wunderbar, hintergründig schon der Titel: „Botanik des Wahnsinns“. Er verweist zunächst mal auf Carl von Linné, den Naturforscher, der im 18. Jahrhundert mit beispiellosem Ordnungseifer ein System zur Klassifizierung von Pflanzen, Tieren, Mineralien entwarf, aber auch ein Buch schrieb, in dem er Krankheiten wie Bäume und Blumen zu erfassen versuchte. „Wenn du die Begriffe nicht kennst, verliert sich auch die Kenntnis der Dinge“, war eine Maxime des Schweden. Anders gesagt: Wer einer Krankheit einen Namen gibt, hat schon halb gewonnen. Wenn’s nur so einfach wäre. Wie ein Botaniker geht der Erzähler den Stammbaum seiner wahnsinnigen Familie durch, aber der Mensch ist natürlich viel komplizierter. „Worte sind Werkzeuge“, hört der Berufsanfänger in der Psychiatrie: Diagnosen seien vor allem wichtig für die Abrechnung mit den Krankenkassen, erklärt die schlaue Leitende Psychologin.
Worte und Sätze sind Leon Engler und seinem literarischen Ich aber dann tatsächlich Werkzeuge. Es schreibt sich frei. Eine Selbsttherapie gegen die Weltflucht. Bei der Zwangsräumung der Wohnung seiner Mutter werden die Kisten verwechselt, das Wertvolle landet in der Verbrennungsanlage, dem Erzähler bleiben sieben Kisten Müll, gewissermaßen der Abfall der Familiengeschichte. Aber er begreift: „Verrücktheit, das ist der gerissene Faden des Gedächtnisses. Wer nicht mehr erzählt, verschwindet. Hinausgeworfen aus dem Haus der Sprache.“
Die erlösende Erkenntnis: „Man kann sich in den Schmerz eingraben wie in einen Bergstollen. Aber ich könnte auch etwas anderes tun. Ich könnte sagen: Es ist nicht leicht, nicht hell, nicht schön, aber es ist in Ordnung: Wir nennen das das Leben.“ Leon Engler lädt mit seiner „Botanik des Wahnsinns“ dazu ein, Seelenlandschaften zu erforschen. Äußerst menschlich.

Leon Engler: Die Botanik des Wahnsinns. Dumont, 208 Seiten, 23 Euro.
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