Der Roman „Abseits“: Aufwachsen ohne Eltern, ohne Liebe

Das fröhliche Jesuskind auf der "Stuppacher Madonna". Der neunjährige Richard, der Held in Ulrich Rüdenauers Roman "Abseits", bewundert dieses Gemälde.
ArchivDie anmutige Maria und das fröhlich lachende Jesuskind in ihrem Arm, das sich über einen Apfel freut. Ein Regenbogen und ein heller Schein im Himmel, aus dem der liebe Gott hinabsieht. So etwas Schönes hatte Richard noch nicht gesehen, es ist ein Abbild der „Stuppacher Madonna“ in der guten Stube von Onkel und Tante. Solche Bilder gab es sonst nur in der Kirche, und mit der verbindet der fast Neunjährige eher den Dorfpfarrer, den sie in der Schule den „Prügelmeister“ nennen, weil er sie brutal züchtigt. Und eine Mutter hat Richard auch nicht, auch keinen Vater, jedenfalls wächst er im „Hofgefängnis“ auf, bei der Verwandtschaft: fortgegeben, ungeliebt, ungeschützt. Aber warum?
„Abseits“ heißt der erste, meisterhafte Roman von Ulrich Rüdenauer, 1971 in Bad Mergentheim geboren, nicht weit entfernt von der Stuppacher Dorfkirche; ein Ausschnitt aus dem Altargemälde Matthias Grünewalds ziert den Umschlag des fein, in Halbleinen verlegten Buchs. Rüdenauer arbeitet als renommierter Literaturkritiker für Presse und Rundfunk, auch für unsere Zeitung. Jetzt dieses Debüt: nicht überraschend in sprachlicher Kunstfertigkeit.
Die Geschichte führt in die Nachkriegszeit, ins Taubertal, auch wenn der Autor explizit die Orte nicht lokalisiert. Auch nicht die Zeit. Und doch: Es ist das Jahr 1954, als Deutschland Fußball-Weltmeister wird, sich nach dem „Wunder von Bern“ neues Selbstwertgefühl entlädt und eine Euphorie noch in die letzte Provinz vordringt, wo die Menschen im Gasthaus vor dem einzigen Fernsehgerät weit und breit sitzen. Einige Spieler der Weltmeisterelf kuren später in „Bad M.“ und bringen viel Welt aufs Land. Ein Mann namens Charly, der linke Außenläufer Karl Mai, wird den kleinen verzweifelten Richard, der nun wirklich im Abseits steht, heilen, jedenfalls ein bisschen.
Bittere Kindheit
Eine Madonna und das Fußballwunder – starke metaphorische Querpässe. Rüdenauers Roman packt mit ruhiger, poetischer Sachlichkeit. Es ist die Geschichte einer bitteren Kindheit, noch in den archaischen Szenen der 1950er. Ab und an, und das ist dramaturgisch gut gesetzt, meldet sich kurz, einordnend, ein Ich-Erzähler, dem sich der alte Richard offenbar anvertraut hat. Erinnerte Vergangenheit: Das ist ein Zusammenfügen von Bruchstücken und eine Suche nach der Wahrheit.
Damals, das war: harte Schulzeit, schwere Arbeit früh in der Landwirtschaft. Richard bleibt ausgeschlossen, nur der Großvater taucht auf als Gefährte. Und da ist diese unendliche Lücke: Wo ist die Mutter, die geheimnisvoll verschwiegen wird? Einmal ist von einer Lena die Rede: „Wie ein Zauberwort hatte sich der Name Lena in Richard entfaltet. Es schien ihm damit möglich, eine Tür zu sich selbst aufzuschließen. Nur wenn er den Namen vor sich hin sagte und die Tür aufsprang, befand sich dahinter ein leerer Raum.“
Nach und nach erfährt Richard vom Schicksal der Mutter – besser gesagt: Die Leserinnen und Leser begreifen, was passiert ist. Die Spur führt in die letzten Monate des Krieges, in den Terror des Nationalsozialismus. „Abseits“ ist auch ein Roman über das Verdrängen, das Verschweigen von Schuld.

Ulrich Rüdenauer: Abseits. Berenberg Verlag, 192 Seiten, 22 Euro.
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