„Reichskanzlerplatz“ von Nora Bossong: Magda Goebbels und ihr Mitläufer

Die Vorzeigefamilie der Nationalsozialisten: Magda und Joseph Goebbels und ihre Kinder posieren mit Adolf Hitler. Die Schriftstellerin Nora Bossong erzählt davon in ihrem Roman „Reichskanzlerplatz“.
picture alliance / dpaEs ist ein Roman, der heftige Reaktionen ausgelöst hat, in jeder Hinsicht – und für den Deutschen Buchpreis nominiert ist: „Reichskanzlerplatz“. Das muss am Thema liegen. Magda Goebbels spielt eine Hauptrolle: die Vorzeigemutter der Nationalsozialisten, das blonde Gift, die fanatische Gattin des Propagandaministers, ihrem Führer treu bis in den Tod. Einen Tag nach Hitlers Suizid vergiftete sie ihre sechs Kinder und brachte sich dann selbst um.
„Alle Achtung! Nora Bossong traut sich was", staunt der Kritiker Tilman Krause großzügig in der „FAZ“. Jens Jessen findet in seinem feindlichen Verriss in der „Zeit" dieses Buch derart banal, dass er die These aufstellt, die Autorin könnte vielleicht nur eine KI mit Wikipedia-Material gefüttert haben, sozusagen als Literatur-Experiment. Absurd. Der Suhrkamp Verlag wiederum zitiert Daniel Kehlmann, der einen furchtlosen, einen vielschichtigen, besonnenen und erbarmungslosen Roman „über Mittäterschaft und darüber, wie aus dem kleinen Bösen das große Böse wächst“, gelesen hat.
An Kehlmann, der zuletzt mit „Lichtspiel“ ebenfalls einen Roman über einen schillernden Protagonisten des „Dritten Reiches“ vorlegte, über den Filmregisseur G.W. Papst nämlich, denkt man sowieso bei der Lektüre von „Reichskanzlerplatz“. Weil auch Bossong sehr geschickt das historisch Beglaubigte für ihre Erzählung nutzt, ohne ein Geschichtsbuch zu schreiben, weil sie in filmischen Szenen denkt. Und auch hier wollen die Lesenden schnell mehr wissen. Ja, stimmt alles: Magda Goebbels war nicht nur die bekannteste Nazi-Braut und Wochenschau-Heldin, sie hatte ein Vorleben.
Die Familie Quandt
Sie kam 1901 als uneheliche Tochter eines katholischen Dienstmädchens zur Welt, das dann den Vater ihres Kindes, den Bauunternehmer Oskar Ritschel heiratete. 1905 ließ sich die Mutter scheiden und ehelichte den Kaufmann Richard Friedländer, der Magda adoptierte. Für ihren Aufstieg in die Oberschicht nahm Magda wieder den Namen Ritschel an und trat zum Protestantismus über: Jetzt konnte der Großindustrielle Günther Quandt, später einer der Steigbügelhalter Hitlers aus der deutschen Wirtschaft, die halb so alte Schönheit 1921 arisch heiraten; Herbert hieß ihr gemeinsamer Sohn. Quandt? Herbert und sein Halbbruder Harald Quandt bauten nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Erbe ihres Vaters und diversen Firmenbeteiligungen nicht zuletzt bei Varta und BMW ein Milliardenimperium auf.
Die nach Glamour süchtige Magda ließ sich vom preußisch-arbeitsbesessenen Quandt teuer scheiden, auch der US-Multimillionär Herbert Hoover machte ihr dann einen Antrag. Aber sie heiratete 1931Joseph Goebbels, der freilich zahlreiche Liebschaften pflegte, was Magda in Depressionen stürzte, zum Alkohol greifen ließ, so dass Hitler ab und an ein Machtwort sprechen musste. Was für eine kinoreife Geschichte! Kitschtriefend. Aber in diese Falle ist Nora Bossong nicht gegangen. Sie hat nicht wirklich das Porträt einer Frau, die Magda Goebbels wurde, geschrieben. Die Autorin will und kann diese Monstrosität nicht erklären. Sie umkreist diese Figur nur, in sicherer Distanz, in sehr kühler, treffender Sprache, nie moralisierend.
„Sie wechselt so oft ihren Namen und ihren Glauben, sagte Hellmut, was weiß ich, was sie in Wirklichkeit ist. Vermutlich kann sie das nicht mal selbst sagen.“ Hellmut, das ist Magdas Stiefsohn, der an der Spanischen Grippe stirbt. In ihn ist der Ich-Erzähler verliebt: Hans Kesselbach, Sohn eines preußischen Generals, romantisch, diszipliniert, besonnen auf die Karriere. Bei den letzten freien Wahlen stimmt er noch für die Liberalen, doch 1935 tritt er dem Bund nationalsozialistischer Juristen bei. Er ist schwul, aber er avanciert dann auch zum Liebhaber von Magda Quandt/Goebbels. Es taucht in deren Biografie tatsächlich ein Student auf, mit dem sie eine Affäre hat. Und ihn greift sich Nora Bossong, ziemlich schlau, als Protagonisten. Manchmal erinnert diese Erzählperspektive an Thomas Manns „Doktor Faustus“, in dem ein Freund des Komponisten Adrian Leverkühn rückblickend die Geschehnisse berichtet.
Der schwule Liebhaber
Aber auch das Schicksal Hans Kesselbachs selbst interessiert. Die Stimme eines Mitläufers: wie die Welt untergeht, dass man eigentlich sieht, was da Schlimmes passiert, aber eben nur Beobachter bleibt. So ist „Reichskanzlerplatz“ ein erschreckend aktueller Roman, weil wir darin die Gegenwart verstehen könnten.
In der Schweiz trifft Hans, Diplomat im Außenministerium, den ehemaligen preußischen SPD-Ministerpräsidenten Otto Braun, der im Exil gärtnert. Die Endkriegszeit, wie geht es weiter? Braun ist verbittert: Wer wolle denn die Hitler-Regierung gestürzt sehen? „Die Deutschen haben die Demokratie so schnell vergessen wie eine Vokabel aus ihrer Schulzeit.“ In Weimar habe man gedacht, den Menschen einen Gefallen zu tun mit der Einführung der Demokratie. „Und was ist daraus geworden? Die meisten wollen ihre Ruhe, sie wollen Sauberkeit, Ordnung, eine Frau, die ihnen die Kinder großzieht, und sie wollen hören, dass sie etwas sind.“
Das kleine und das große Böse – Nora Bossongs Roman ist gerade deshalb so interessant, weil sie sich nicht plan an der Biografie Magda Goebbels' abarbeitet.

Die Schriftstellerin Nora Bossong ist mit ihrem Roman Reichskanzlerplatz für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Gerald Matzka/dpaNominiert für den Deutschen Buchpreis
Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, schreibt Lyrik, Romane und Essays, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde, zuletzt mit dem Joseph-Breitbach-Preis, dem Thomas-Mann-Preis und dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis. 2019 stand ihr Roman „Schutzzone“ auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, auch „Reichskanzlerplatz “ ist jetzt für diesen wichtigsten deutschsprachigen Literaturpreis nominiert. Nora Bossong lebt in Berlin.

Nora Bossong: Reichskanzlerplatz. Suhrkamp Verlag, 295 Seiten, 25 Euro.
Suhrkamp Verlag