Bayreuther Festspiele und Claudia Roth
: Wenn Hänsel auf Isolde trifft

Bald beginnen die Bayreuther Festspiele, und den Aufreger der Saison liefert Kulturstaatsministerin Claudia Roth, weil sie „Hänsel und Gretel“ auf dem Grünen Hügel sehen will.
Von
Jürgen Kanold
Bayreuth
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Bayreuther Festspiele: ARCHIV - 25.07.2023, Bayern, Bayreuth: Der rote Teppich wird für die Eröffnung der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele vor dem Festspielhaus auf dem Grünen Hügel befestigt. (zu dpa: «Roberto Blanco und Vicky Leandros bei Bayreuther Festspielen») Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Alles Wagner oder was? Am Donnerstag, 25. Juli, beginnen die Bayreuther Festspiele mit einer Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

„Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm." Wer da aber jetzt ziemlich einsam und immer sehr geschwätzig im Walde steht, das ist eine grüne Politikerin, Claudia Roth, die Staatsministerin für Kultur und Medien. Schon einmal hat sie in einem Interview beklagt, dass das Publikum der Bayreuther Festspiele nicht die Buntheit und Vielfalt in unserem Lande abbilde. Jetzt, wenige Tage vor Beginn der Festspiele, die seit 1876, also seit 148 Jahren, ausschließlich dem Werk ihres Gründers Richard Wagner gewidmet sind, monierte sie erneut, dass Bayreuth „vielfältiger, bunter, jünger“ werden und sich anderen Komponisten öffnen müsse. Und empfahl, auch mal „Hänsel und Gretel“ zu spielen.

Diese Oper sei doch zumindest von Wagner inspiriert. Und volkstümlich beliebt, möchte man hinzufügen: Engelbert Humperdinck hatte für seine Partitur auch auf das eingangs zitierte Lied zurückgegriffen. Es ist dann ein Shitstorm über Roth niedergegangen. Die Londoner „Times“ etwa kommentierte ihre Aussagen als „moronic“, also schwachsinnig.

Das Thema aber ist nicht neu. Früher wachte die Familie Wagner über das private Festspielhaus und den Mythos Bayreuth wie der Drache über den Nibelungenschatz. So war es notwendig, verkrustete Strukturen aufzubrechen und auch die (braune) politische Vergangenheit und den Antisemitismus des Komponisten zu reflektieren. Andererseits: Wagner wird global gespielt. Weltweit einmalig aber ist der Originalschauplatz Bayreuth. Es ist eine Exklusivität, die sich nicht zuletzt an der Aura, der Geschichte, der einmaligen Akustik des Festspielhauses bemisst. Warum ohne Not den Markenkern aufgeben? Opern und Programme spielen, die auch in Baden-Baden, Berlin, München, Salzburg, Glyndebourne oder Aix-en-Provence zu sehen sind? Soll das wirklich neues, anderes Publikum locken?

Oder das Festspielhaus, das gar nicht baulich präpariert ist für den Winter, anti-saisonal öffnen für Musicals, um Geld in die Kasse zu spülen? Da fällt einem Neuschwanstein ein. Vor zig Jahren kopierten Architekten das Bayreuther Festspielhaus, um in Füssen für Touristen ein Stück über den Märchenkönig Ludwig II., den großen Fan und Mäzen des Komponisten, aufzuführen – die Unternehmung erlebte schnell ein Fiasko. Aber jetzt vielleicht auf dem Grünen Hügel, im echten Gebäude, ein Herzschmerz-Musical über Richard Wagner?

Nein, keiner muss nach Bayreuth. Und wenn der Bund, der zu den Geldgebern gehört, beklagt, dass dass Wagner-Festival zu elitär sei, könnte er, verbunden mit zusätzlichen Mitteln, darauf dringen, dass es deutlich verbilligte Eintrittskarten für Schüler und Studenten gibt. Oder auch Extra-Vorstellungen für ein junges Publikum im Festspielhaus. Kinderopern auf der Probebühne gibt's schon seit vielen Jahren, diesmal steht „Der fliegende Holländer“ auf dem Spielplan.

Drei Dirigentinnen

Was nun also in diesem Sommer auf dem Grünen Hügel geboten wird: zum Auftakt am Donnerstag, 25. Juli, eine Neuproduktion des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Anarsson von „Tristan und Isolde“; Andreas Schager und Camylla Nylund singen unter der Leitung von Semyon Bychkov. Beim szenisch technoiden, aber musikalisch viel gelobten Augmented-Reality-„Parsifal“ steht wieder Pablo Heras-Casado am Pult. Aber die Dirigentinnen, und das macht Bayreuth kein Festival nach, sind in der Überzahl: Nathalie Stutzmann übernimmt den „Tannhäuser“, Oksana Lyniv steuert wieder den „Fliegenden Holländer“ und Simone Young macht sich an den „Ring des Nibelungen“.

Claudia Roth bei Bayreuther Festspielen: ARCHIV - 25.07.2022, Bayern, Bayreuth: Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen), Kulturstaatsministerin, bei der Eröffnung der Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel.  (zu dpa: «Bund will Reformen bei Festspielen in Bayreuth») Foto: Daniel Löb/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Claudia Roth bei den Bayreuther Festspielen: Soll man dort auch „Hänsel und Gretel“ aufführen?

Daniel Löb/dpa

Im dritten Jahr des bei der Premiere 2022 niedergebrüllten, von Valentin Schwarz als abstruses Assoziationstheater und in angeblicher Netflix-Ästhetik inszenierten Vierteilers ist mit der Australierin nun schon die dritte Dirigentenkraft am Werk. Und man fragt sich, wie das dann 2026 laufen soll, wenn das Jubiläum „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ ansteht. Explizit für den „Ring des Nibelungen“ hatte Wagner, der egomanisch selbstbewusste Großkünstler, ja sein Festspielhaus gebaut. Vergangenes Jahr hatte Festspielchefin Katharina Wagner angekündigt, dass 2026 alle zehn Wagner-Werke vom „Holländer“ bis zum „Parsifal“ auf dem Spielplan stehen sollen und ausnahmsweise auch der frühe „Rienzi“ des Meisters.

Es ist halt eine Kostenfrage, zum Jubiläum etwas Neues herauszubringen. Wenn man sich etwas wünschen dürfte? Das wär's doch gewesen: einen gewissermaßen 150-jährigen „Ring des Nibelungen“ in historischen Rekonstruktionen. Das „Rheingold“ der Uraufführung von 1876 mit einem Orchester, das auf Originalinstrumenten spielt; die „Walküre“ aus Wieland Wagners entnazifiziertem Nachkriegs-Bayreuth; den „Siegfried“ der so menschlichen Jahrhundert-Inszenierung Patrice Chéreaus von 1976 – aber die „Götterdämmerung“ gegenwärtig, neu, Wagners Werk final heutig befragt. Alles Wagner, ja.

Open Air auf dem Grünen Hügel

Übrigens bieten die Festspiele schon am Mittwoch, 24. Juli, 20 Uhr, wieder ein Open Air im Park vor dem Festspielhaus: für alle, bei freiem Eintritt. Das Festspielorchester spielt nicht nur Wagner, sondern auch Bach, Bizet, Verdi, Tschaikowsky, selbst Lloyd Webber (und das Programm wird am 30. Juli wiederholt). Staatsministerin Claudia Roth aber kommt offenbar nur nach Bayreuth, wenn für die Promis zum offiziellen Festspielauftakt der rote Teppich ausgelegt wird.