Premiere auf der Seebühne: Großes „Freischütz“-Kino mit Fehlschüssen

Nein, es ist keine Szene aus einem Hollywood-Film. Und nein, es ist wirklich Sommer in Bregenz. Philipp Stölzl hat die Oper „Der Freischütz“ auf der Seebühne inszeniert.
Anja KöhlerWetterwolken ballen sich, Gewitter ziehen auf. Der Vollmond scheint ganz bleich. So steht's im Libretto des „Freischütz“, der schauerromantischen Oper des Carl Maria von Weber, in der magisch die Naturkräfte entfesselt werden. Ganz viel Wald, die von hohen Gebirgen umgebene Wolfsschlucht, reichlich Wild. Also ideal für draußen, in der Sächsischen Schweiz, auf der Felsenbühne in Rathen, spielen sie diesen Klassiker seit ewigen Zeiten. Und jetzt am Bodensee, wo doch eher gefischt und gesegelt wird?
Dort ist der Winter ausgebrochen. Alles kahl, Eisschollen treiben im Wasser! Hat aber nix mit dem Klimawandel zu tun, beim Premierenabend des „Freischütz“ am Mittwoch, 17. Juli 2024, waren es nach einem soliden Sommertag so gegen halb zwölf in der Nacht noch um die 17 Grad. Doch was Philipp Stölzl auf der Seebühne zeigt, ist eine Opernszenerie, wie sie derart spektakulär wimmelbilderbuchhaft selbst bei den Bregenzer Festspielen noch nicht zu erleben war.
Man kennt viele Regisseure, die in der Oper nicht mehr ohne Video-Projektionen arbeiten wollen. Und dann gibt es den 57-jährigen Stölzl, der vom Film kommt („Nordwand“, „Der Medicus“, „Schachnovelle“) und Oper überhaupt als großes Kino aufreißt. Mit Verdis „Rigoletto“ (und dem riesigen Clownskopf) hatte er in Bregenz bereits triumphiert, aber jetzt beim „Freischütz“ ist die Seebühne allein schon eine Filmkulisse.
Diese beginnt direkt nach der ersten Reihe der Tribüne: das „verfluchte“ Dorf auf einem schneebedeckten Hügel, windschiefe, zerfallende Häuser, Baumgerippe, ein halb versunkener Kirchturm; davor ein gespenstischer Sumpf, durch den die Akteure waten. Hochwasser-Treibgut, eine Flutkatastrophe hat diese Menschen heimgesucht. Und ein Krieg. Das sieht ziemlich real filmgruselig aus. Den Kascheuren hatte Stölzl empfohlen, sich doch mal Tim Burtons Hit „Sleepy Hollow“ anzuschauen, in dem ein kopfloser Reiter für Horror sorgt.
Aber darum geht's auch in dem 1821 uraufgeführten „Freischütz“: Die Geschichte spielt kurz nach Ende des Dreißigjährigen Krieges: zerstörte Landschaft, versehrte Seelen. Sehnsucht nach Glück. Aber das Vergangene ist noch längst nicht vergangen: Albträume, Aberglaube, verteufelte Gegenwart. Und üble Traditionen. Max darf seine geliebte Agathe, die Tochter des Erbförsters Kuno, nur heiraten, wenn er beim Probeschuss glänzt: die Frau als Trophäe. Allerdings trifft der Max nicht mehr. Psychologen von heute würden von sexuellen Versagensängsten reden. Jedenfalls lässt sich Max mit dem Teufel ein. Kasper heißt der getriebene Schurke, der ihm in der besagten Wolfsschlucht die Freikugeln gießt: „Sechse treffen, sieben äffen". So geht's dem Unheil entgegen.
Nessi aus dem Bodensee
Und klar, den Spuk der Wolfsschlucht-Szene inszeniert Stölzl als Fantasy-Show: auch mit einem Feuer speienden Ungeheuer, einer Nessie aus dem Bodensee, oder einer mit Untoten auferstehenden Kutsche, gezogen von einem Pferdegerippe. Dazu kinomäßige Toneffekte, nicht nur krächzende Raben.
Aber war da nicht noch was? Die Handlung, die Musik. Bekanntlich leidet der bald 200 Jahre alte „Freischütz“ an doch eher hausbackenen Dialogen und einer heimeligen Sage mit ganz altem Frauenbild. Was tun? Die Oper schön naiv ernst nehmen, wie Achim Freyer in seiner legendären Stuttgarter Inszenierung. Oder den gesprochene Text zusammenstreichen. Philipp Stölzl aber hat sich von Jan Dvorak nicht nur eine Dialogfassung schreiben lassen mit heutigen Witzchen, sondern nimmt diese Oper auseinander. Samiel (Moritz von Treuenfels), der Teufel, der sonst nur in der Wolfsschlucht seinen Auftritt hat, ist hier der omnipräsente mephistophelische Conférencier, Moritatensänger und Strippenzieher, der gerne auch mit dem Publikum spielt und ulkt, und zwar in Knittelversen.
Zweimal geht's böse aus, Max erschießt mit der verteufelten Freikugel Agathe, die weiße Taube, und deshalb wird er vom Volk aufgeknüpft. Nicht schön, aber stopp: „Wie wär's mit einem Happy End?“, fragt Samiel. Und los. Aber nicht wie im Libretto. Wenn man dieses Finale aber auch noch parodiert, mit Wasserballett-Grazien und dem Fürsten Ottokar als Ludwig-II.-Karikatur, wird's erst recht sinnlos. Der alle erlösende Eremit, der erscheint wie ein Deus ex machina, entpuppt sich dann auch nur als der Teufel. Stölzl aber greift noch weiter ein, sein Samiel führt Zwiegespräche mit den Figuren: „Sing doch ne Arie noch für mich!“ Samiel quatscht sogar mitten rein in den Gesang, etwa bei der Arie des Max: wie sein innerer Dämon. Kann man alles machen, ist interessant, durchdacht, dokumentiert aber doch eine gewaltige Distanz Stölzls zum „Freischütz“. Und macht die Handlung fürs große Publikum nicht einfacher.
Die Wiener Symphoniker liefern dazu den Soundtrack, Enrique Mazzola, der in den letzten Jahren so ziemlich alles in Bregenz dirigiert hat, ein Spezialist für Belcanto bis Puccini, kann auch deutsche Romantik. Aber die Musik spielt hier nicht die Hauptrolle: Schon in der Ouvertüre ist das C-Dur-Jubelfinale weggeschnitten, weil das nicht mehr in diese Story passt. Und das Ensemble, teils dreifach besetzt für die Festspiele? In der Premiere sangen Mauro Peter den Max, Nikola Hillebrand die Agathe, Christof Fischesser den Kasper, Katharina Ruckgaber das Ännchen. Aber man war doch eher mit dem Schauen beschäftigt. Der Premierenapplaus war in Bregenz schon stärker.
Das Programm in Bregenz
Bis zum 18. August steht der „Freischütz“ von Carl Maria von Weber auf dem Spielplan, für diverse Vorstellungen gibt es noch Karten: Infos unter bregenzfestspiele.com Aber noch viel mehr bieten die Bregenzer Festspiele: Rossinis Oper „Tancredi“ im Festspielhaus, Konzerte der Wiener Symphoniker oder auch Musiktheater auf der Werkstattbühne.


