Bayreuther Festspiele: Der ausgebuhte „KI“-Ring – wie wird das enden in der „Götterdämmerung“?

Wolfgang und Wieland Wagner im "Siegfried". Was die KI so ausspuckt.
Bayreuther Festspiele7 Enrico Nawrath- Bayreuth zeigt den „Ring des Nibelungen“ mit KI-Projektionen, kuratiert von Marcus Lobbes.
- Die KI erzeugt live wechselnde Bilder, Personenregie fehlt – halbkonzertantes Konzept.
- Die Bilderflut überlagert oft die Musik, die Themen des Werks bleiben weitgehend ungenutzt.
- Christian Thielemann überzeugt musikalisch, mehrere Sängerleistungen werden hervorgehoben.
- Zum Schluss der „Götterdämmerung“ ist ein starker Buhsturm wahrscheinlich.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Weißt du, wie das wird?“, fragen die Nornen. Also ein finaler Buhsturm lässt sich leicht voraussagen für diesen Samstagabend (1. August 2026). Nach vier Aufführungen, nach vierzehneinhalb Stunden Wagner-Musik und sechs einstündigen Pausen darf das Publikum seinem Ärger Luft machen. Beim „Ring des Nibelungen“ haben die Bayreuther Festspiele ja eine besondere Applaus-Ordnung: Nach jedem Akt schon kommen die Sängerinnen und Sänger vor den Vorhang, am Ende der Vorstellung dann auch der Dirigent. Erst zum Schluss, nach der „Götterdämmerung“, tritt der Regisseur mit seinem Team an die Rampe. Und das ist selbst schon große Oper.
Als sich Frank Castorf 2013 nach der Premiere den geballten Unmut abholte und eine gutbürgerliche ältere Dame ihn auch mit der Trillerpfeife abstrafte, blieb er einfach zehn Minuten lang stehen, trieb die Wagnerianer zur Weißglut und zeigte ihnen den Vogel. 2022 buhten die Zuschauerinnen und Zuschauer den jungen Valentin Schwarz brutal bis höllisch aus. Und jetzt der „Ring“ im Jubiläumsjahr, 150 Jahre nach Gründung der Festspiele? Es gibt noch nicht einmal einen Regisseur. Sondern nur einen „Kurator“: Marcus Lobbes, der mit seinem Team (Digital- und KI-Storytelling, Creative Art, Visual Art) die Tetralogie mit künstlicher Intelligenz inszenierte.
Nein, auch falsch: Sie fütterten ein KI-Modell mit historischem Bildmaterial der Bayreuther „Ring“-Inszenierungen seit 1876, der Rezeptionsgeschichte sowie Fotos des Weltgeschehens und ließen ihr dann live fast freie Hand für eine atemlos, ständig sich aufbauende und wieder verwischende digitale Malerei. Jede Aufführung ist damit anders. Personenregie? Fehlanzeige. Der Kurator platziert das Sängerensemble in gleichmacherisch gefiederten Kostümen vor einem Gazevorhang in einem hologrammähnlichen optischen Raum.
„Vom Mythos zum Code“
Gewiss, nach dem Schwarz-Flop (das reine Assoziationstheater, Hauptsache, nie direkt am Textbuch entlang) hatte ein neuer „Ring“ zum Jubiläumsjahr produziert werden müssen. Auch aus akutem Geldmangel fand Festspielchefin Katharina Wagner, durchaus avantgardistisch, diese Lösung: halbkonzertant, mit KI-generierten Projektionen. Das Bühnenfestspiel steht unter der Überschrift: „Ring 10010110 – vom Mythos zum Code“.
Kein Tag ohne Meldungen zum weltweiten Thema „KI“, auch horrible: beängstigende Cyberfälle, KI-Modelle, die selbstständig handeln, sich selbst Zugang zum Internet verschaffen und sich gefährlich einhacken. Andererseits laufen Milliardenprojekte für KI-Gigafactories, Großrechenzentren. Auch die Kunst- und Opernwelt kann und will sich dieser digitalen Zukunft nicht verweigern. Aber noch hat die künstliche Intelligenz keine menschenähnlichen Absichten, kein wirkliches Bewusstsein. Kurz gesagt: So ästhetisch bunt bis faszinierend die Bilder des Bayreuther „Rings“ mit kreativer Hilfe erzeugt werden, ein künstlerischer Kopf sollte Ablauf und Wirkung steuern. Man könnte auch ganz altmodisch den Job mit Regisseur/Regisseurin beschreiben.
Das schwitzende Publikum und die Klimakatastrophe
Es mag Liebhaber konzertanter Oper geben, aber selbst die großartigste musikalische Aufführung wirkt noch weit stärker, eindrucksvoller, wenn dazu sichtbar, inhaltsreich eine Geschichte erzählt und gespielt wird. In Bayreuth ist es so, dass die Bilderflut die Musik sogar bedrängt bis neutralisiert. Dabei gäbe es so viele Themen, zu der Wagners Werk befragt werden könnte: etwa die Klimakatastrophe, die Ausbeutung der Erde – der Raub des Rheingolds aus Machtinteresse als folgenreiche Zerstörung eines Naturfriedens. Das im Festspielhaus schwitzende Publikum verstünde solche Interpretation sofort.
Von Loriot selig, dem großen Wagnerianer, gibt’s ein herrlich humorvolles „Bayreuther Pausengespräch“: „Ich weiß nicht, wie Sie zu Wagner stehen, aber ich kenne einen Erwin Wagner, der auch sehr gut Gitarre spielt, nur eben viel gefälliger und niemals über zweieinhalb Stunden hintereinander . . .“ In diesen Tagen läuft eher ein Quiz, bei 35 Grad auf dem Grünen Hügel: Wer hat was gesehen im „Siegfried“ – und was könnte es bedeuten? Ah ja, das war doch das kommunistische Mount Rushemore mit Mao und Co. aus dem Castorf-„Ring“? Und was hat die Mondlandung der US-Astronauten mit dem jungen ungestümen Helden zu tun? Und warum tauchen die Komponistenenkel und die Bayreuther Nachkriegs-Festspielchefs Wolfgang und Wieland Wagner auf – hat der Waldvogel das der KI gezwitschert?
Augen zu und genießen
Zugeben, auch der Rezensent hatte im Finale des dritten „Siegfried“-Akts oft die Augen geschlossen – um dieser wunderbaren Musik, die Christian Thielemann so romantisch aufführte, ungestört zu lauschen; einer ohne KI geschaffenen, von Menschen unnachahmlich live dargebotenen Musik. Siegfried entdeckt Brünnhilde, lernt das Fürchten: die Liebe. Und die Sonne geht strahlend auf. Funkelnde Sternenmusik. Heiligste Klänge. Leise dahinwehende Streicher, herrliche Bläser-Soli, kraftvoll aufbrausende Orchestermalerei aus dem verdeckten Graben, explosive Wucht. Aber selbst im emotional komplexen Verschmelzen der vielen Leitmotive ist bei Thielemann in der grandios-plastischen Akustik des Festspielhauses noch die kleinste melodische Bewegung zu hören. Ein Impressionismus geradezu, im Detail kenntlich.
Und dann macht man die Augen wieder auf und sieht: den reinsten Kitsch. Die Liebe? Da fallen dieser KI nur billigste Figurenschemata ein, computergenierte Abziehbilder für Supermarktheftchen. Peinlich, ein Tiefpunkt.

Eine Szene aus der „Walküre“.
Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele/dpaZu bewundern dagegen: etwa der Grand Slam von Tenor Klaus Florian Vogt mit seinem ganz eigenen, hell ätherischen Schmelz: Loge, Siegmund, junger - und dann in der „Götterdämmerung“ nimmt er sich noch einmal den Siegfried vor. Vier Tage, vier Partien! Phänomenal, wie Gerhard Siegel den Mime sang: nicht die fies verhuschte Karikatur, sondern fast heldentenoral, ungemein kraftvoll. Christa Mayer ist eine tief mysteriöse Erda, Jochen Schmeckenbecher der aufbrausende Alberich.
Michael Volle als Wotan und dann als geschlagen abtretender Wanderer: Was hätte dieser starke Sängerdarsteller in der Aktion alles spielen können! Aber auch allein mit seiner Stimme gelang ihm ein ausdrucksvolles Rollenprofil, oft liedhaft textverständlich. Und Camilla Nylund dreht als Brünnhilde mächtig auf, wobei sie, erwacht am Walkürenfelsen, im „Siegfried“ mit innigst flutenden Emotionen berührte.
Die braune Geschichte aufgearbeitet
Jetzt steht noch die „Götterdämmerung“ an diesem Samstag aus. In Bayreuth, dessen braune Geschichte Katharina Wagner mit deutlichen Worten und auch mit der Einladung von Michel Friedman zu einer „Gesellschaftsanalyse“ beeindruckend aufarbeitet, wird es allemal weitergehen. Es gab in der vergangenen Woche auch einen „Exkurs in die Untiefen des Meisters“ unter dem Titel „Realitot oder Wagner in Endzeitstimmung“. Und im Richard Wagner Museum läuft Felix Burgers Videoinstallation „Swanhood“, in der ein Junge am Ende mit dem Riesenhammer ein gipsernes Festspielhaus zertrümmert. Aber das sind nur Beispiele, wie man sich unendlich am Werk von Richard Wagner abarbeiten kann.
Der Normalbesucher freilich würde einfach mal gerne für sein Geld im weltweit einmaligen, authentischen Bayreuther Festspielhaus eine so aufrüttelnde, inhaltsreiche wie emotional unvergessliche Inszenierung des „Rings des Nibelungen“ erleben.


