Arnold Schönberg 150: Dissonanzen des Jahrhunderts

Der Komponist und Maler Arnold Schönberg, 1911 in Wien.
© Arnold Schönberg Center, WienPablo Picassos Gemälde „Les Demoiselles d’Avignon“ von 1907 zum Beispiel: längst superberühmt, eine Touristenattraktion im New Yorker Museum of Modern Art. Nackte Frauen, aber dekonstruiert, fern der Realität von Formen und Perspektiven, ein Frevel damals gegen die akademischen Regeln der Malerei. Heute wäre solcher Kubismus jederzeit ein Multimillionendeal auf dem Kunstmarkt. Wer kennt jedoch das 2. Streichquartett von Arnold Schönberg, auch 1907 entstanden?
„Entrückung“ ist der letzte Satz überschrieben, und zu Stefan Georges Vers „ich fühle luft von anderen planeten“ beginnt eine neue musikalische Epoche: die Atonalität, die „Emanzipation der Dissonanz“, wie Schönberg sagte. Mit der romantischen Harmonie war es damit vorbei. Selbstverständlich endete die Uraufführung in tumultartigen Szenen. Im 2. Satz dieses Streichquartetts zitierte Schönberg im Übrigen das alte Volkslied „O du lieber Augustin“ – ja, alles ist hin. Aber nicht nur in der Musik, sondern auf der ganzen Welt, im bald die Menschen vernichtenden Ersten Weltkrieg.
An diesem 13. September 2024 steht der 150. Geburtstag des Komponisten Arnold Schönberg an, und man weiß um die Größe dieser Hauptfigur der modernen Musik (der zudem expressionistisch malte, zum Umfeld des „Blauen Reiters“ gehörte). Im Konzertleben gilt der 1874 in Wien geborene Sohn eines jüdischen Schumachers aber bis dato noch oft als Bürgerschreck. Leider lässt sich neue Musik nicht einfach gerahmt an die Wand hängen, im Vorbeigehen betrachten. Wobei Schönberg mit dem Streichsextett „Verklärte Nacht“ und den riesenhaft orchestralen „Gurre-Liedern“ ja zunächst Klanghits gelandet hatte, die, naturgemäß, seine populärsten Werke sind.
Krankes Hirn?
Von der konservativen Fachwelt ist Schönbergs Musik „anfangs fast ausnahmslos abgelehnt, ja in gehässigster Weise bekämpft worden, entweder als Ausgeburt eines kranken Hirns oder als freche Spekulation eines Schwindlers diffamiert“. Das erste Argument habe sich bis heute erhalten, konstatierte der Kritiker Hans Heinz Stuckenschmidt – und zwar 1951. Der schizophrene Schönberg? „Man vergisst dabei, dass der Vorwurf der Psychopathologie schon gegen Beethoven erhoben wurde, dass ein Kritiker nach der Uraufführung der Siebenten Symphonie schrieb, die Extravaganzen dieses Genius hätten nun ihren Höhepunkt erreicht, Beethoven sei nun ganz reif fürs Irrenhaus.“ Okay, und jetzt ist 2024, noch einmal gut 70 Jahre später.
Das sagt viel darüber aus, ob Künstlerinnen und Künstler sich anpassen, für den Markt, den schnellen Erfolg, das billige Geld liefern – oder in die Zukunft denken. Und erzählt davon, worauf sich ein Publikum einlassen möchte. Man kann das auch soziologisch betrachten, und selbstverständlich darf Theodor W. Adorno hier nicht fehlen. In seiner „Philosophie der neuen Musik“, in der er dialektisch den avancierten Schönberg dem vermeintlich rückwärtsgewandten Antipoden Igor Strawinsky vorzieht, steht ein böser Satz über die Realität verleugnende Hörer: „Die Dissonanzen, die sie schrecken, reden von ihrem eigenen Zustand: einzig darum sind sie ihnen unerträglich.“
So radikal denkt kaum jemand noch über Neue Musik, viele Kulturkämpfe sind befriedet, Avantgarde ist kein Schlachtruf mehr. Arnold Schönberg aber war durchaus sehr verkopft und äußerst konsequent, ein Theoretiker. 1921 entwickelte er die „Komposition mit zwölf aufeinander bezogenen Tönen“ als Material. Der Komponist also erfindet eine Reihe, in der alle zwölf Töne vorkommen: kein Dur, kein Moll, alles abstrakt, konstruiert, unabhängig. So kam, könnte man auch sagen: Ordnung in eine chaotische Welt. Wobei Schönberg trotzdem darauf hoffte, dass man seine Melodien kennt und nachpfeift. Als Lehrender hatte er zumindest ungemein Einfluss, Schönberg war der „Vater der Zweiten Wiener Schule“, Alban Berg oder Anton von Webern griffen enthusiastisch seine Gedanken auf.
Bericht aus dem Ghetto
Ein strenger Theoretiker? Das Leben spielte mit. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, emigrierte der an der Preußischen Akademie in Berlin als Professor wirkende Schönberg nach Frankreich, zog aber bald weiter in die USA und ließ sich 1934 in Los Angeles nieder. Zwischen 1928 und 1932 hatte er noch die Zwölfton-Oper „Moses und Aron“ komponiert (deren 3. Akt Fragment blieb). Der Gedanke vom einzigen, unsichtbaren, unvorstellbaren Gott steht im Zentrum – wie lässt sich solcher Glaube predigen? Moses ist der einsam schaffende Philosoph, der sprachbehinderte Prophet, sein Bruder Aron der dem Volk nahe stehende Priester, der professionelle Politiker. Wie in einem monströsen Bibel-Film stellte sich Schönberg die Orgien um das Goldene Kalb vor. Die Menschen verschreiben sich Bild und Börse statt Geist und Glaube. Wie aktuell!
1947, vier Jahre vor seinem Tod, komponierte Schönberg „Ein Überlebender aus Warschau“: Es ist der schockierende Bericht eines aus dem Ghetto geflohenen polnischen Juden, dem die Nazi-Mörder das Wort „Abzählen!“ ins Gedächtnis einbrannten, das Tod bringende Kommando beim Appell der Juden vor dem Transport in die Gaskammer. Die kurze Kantate ist ein seltenes Beispiel wirkungsvoller Bekenntnismusik. Und überhaupt nicht abstrakt oder theoretisch.
Für neugierige Menschen
Nuria Schoenberg Nono, Tochter des Komponisten und Präsidentin des Wiener Arnold Schönberg Center, sendete zum Geburtstag folgende Botschaft aus Venedig: „Mit großer Freude sehe ich, wie viele Künstlerinnen und Künstler an vielen Orten dieser Welt sich zum 150. Geburtstag mit dem Werk meines Vaters beschäftigen. Er vermochte durch seine Musik stets seine Emotionen auszudrücken. Ich bin überzeugt, dass man neugierigen Menschen zutrauen kann, die Musik meines Vaters zu hören und selbst zu entscheiden, ob sie zu berühren vermag. Musik bedarf keiner Erklärung, sie lebt immer durch offene Ohren.“

