Alain Claude Sulzer: Starke Lebensgeschichten: „Fast wie ein Bruder“

Der Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer.
Lucia HunzikerAm liebsten wäre er mit dem Messer auf das großformatige Gemälde losgegangen, hätte es mit einem Messer zerschnitten. Der Erzähler ist entsetzt, empfindet das Bild als rücksichtlos aggressiv, als einen Exzess des Intimen, als pornografisch, als einen Angriff auf sich selbst: Ein nackter junger Mann hält mit einer Hand sein erigiertes Glied. Nicht schön, dieser Besuch in einer Galerie, das kann passieren, wenn ein Mensch, der sich konservativ die Welt absichert, auf moderne Kunst trifft. Aber nein, der Erzähler sieht sich tatsächlich selbst, konkret: Dieser junger Mann, das ist er, in Schülerzeiten. Sein homosexueller Freund Frank, der als Künstler in New York gelebt, der nie Erfolg gehabt hatte, der mit 32 Jahren an Aids gestorben war, dem er nie Modell gestanden hatte, hat dieses Bild gemalt! In der Ausstellung hängt es als Werk eines unbekannten, jetzt gefeierten Künstlers. Der Titel: „You, Brother!“
Ein Schock. Aber aus ganz anderen Gründen. Woher hat der Berliner Galerist all die Bilder? Denn eigentlich ist der Ich-Erzähler – ein erfolgreicher Kameramann, Anfang 60 – der Nachlassverwalter seines Freundes Frank. In einer Remise auf der Großgärtnerei seiner Frau bei Aix-en-Provence hatte er etwa 200 Gemälde und auch einige Mappen mit Zeichnungen damals eingelagert. Und dann hatte er sich nicht mehr darum gekümmert. Nicht eine einzige Arbeit Franks hatte er in seinem Haus aufgehängt. Was der Erzähler jetzt als Schlag in die Magengrube empfindet, das ist die Erkenntnis: dass der Freund ihm als Künstler so fremd geblieben ist, dass er auch seine Homosexualität nie verstanden hatte. Dass er ihn einfach vergessen hat. Nie hatte er seine Gäste zur Remise geführt, um ihnen stolz Franks Malerei zu zeigen. „Wie hatte ich ihn so verraten können?“ Viele Schuldgefühle kommen auf.
Zwei Lebensgeschichten
„Fast wie ein Bruder“ heißt das neue Buch des nobel und klar schreibenden Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer (71), der auch mit einer Reihe von Künstlerromanen eine große Leserschaft gehaltvoll unterhält: „Aus den Fugen“, „Postskriptum“ oder zuletzt „Doppelleben“ über die französischen Brüder Goncourt. Aber naturgemäß ist auch „Fast wie ein Bruder“ viel mehr: ein Roman über eine Freundschaft, über zwei eng verzahnte, ganz unterschiedliche Lebensgeschichten.
Diese beginnen im Ruhrgebiet, in Bochum. Der Erzähler und Frank sind Einzelkinder, 1961 geboren, im Jahr darauf ziehen beide Elternpaare am selben Tag in das selbe Mietshaus ein. Eine enge Familienfreundschaft. Die Söhne wachsen auf wie Zwillingsbrüder; als sie 17 Jahre alt sind, sterben kurz hintereinander ihre Mütter an Krebs. Das alles verbindet. „Erst als wir unsere Sexualität entdeckten, zeigten sich die ersten Unterschiede.“ Ein „Skandal“ in der Hausgemeinschaft vertreibt sie aus dem Paradies: Frank liebt Matteo aus der Nachbarschaft, einen „Zigeuner“. Dass Sulzer anfangs extensiv das „Zigeuner“-Wort gebraucht, um authentisch eine Gegenwart zu erinnern, hat ihm Kritik eingebracht: Doch in den 70ern sprach noch kaum jemand von Sinti und Roma – jedenfalls nicht in einem Bochumer Wohnviertel.
Und Sigmar Polke verändert alles: Mit 15 besuchten sie eine Ausstellung des Malers in der Düsseldorfer Kunsthalle. „Ich sah nicht, was er sah, ich verstand nicht, was sich ihm offenbarte, ich begriff nur, dass der Eindruck, den diese Raster und Streifen, Formen und Farben auf ihn machten, gewaltig war. Ich hingegen war für alles blind.“ Damit wären treffend die Charaktere der Beinahe-Brüder umschrieben: der fast spießige Normalo-Erzähler und das Genie, das er nicht begreifen kann.
Ein starker Roman, am Ende fast ein Krimi – aber mit Cliffhanger. Schade. Sulzer zitiert mit Ironie E.T.A Hoffmann: Nichts sei ihm mehr zuwider, sagte der Romantiker, als dass in einem Roman der Boden, auf dem sich die fantastische Welt bewegt hat, zuletzt mit dem historischen Besen so rein gekehrt wird, „dass man gar keine Sehnsucht empfindet, noch einmal hinter die Gardinen zu kucken“. Hier, bei „Fast wie ein Bruder“, hat man diese gewisse Sehnsucht.

Alain Claude Sulzer: Fast wie ein Bruder. Galiani Berlin, 192 Seiten, 24 Euro.
Galiani Berlin