Umfrage „BaWü-Check“
: Lehrermangel und Gewalt – das sind die größten Probleme an Schulen im Land

Im „BaWü-Check“ der Tageszeitungen stellen die Bürger der grün-schwarzen Bildungspolitik ein schlechtes Zeugnis aus. Das G9 hat viel Rückhalt, doch manche Probleme bereiten große Sorgen.
Von
Roland Müller
Ulm
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Elterninitiative zum Volksantrag „„G9 Jetzt! BW“

Kundgebung einer Elterninitiative zum G9-Volksantrag: Auf dieser Baustelle der Bildungspolitik sind die Menschen in Baden-Württemberg mit der Landesregierung zufrieden – insgesamt fällt ihr Urteil aber sehr schlecht aus.

Marijan Murat/dpa
  • Lehrermangel und Gewalt sind die größten Probleme an Schulen in Baden-Württemberg.
  • Nur 28% der Bürger bewerten die Bildungspolitik der Landesregierung als gut.
  • 70% befürworten die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9).
  • 62% unterstützen die verbindliche Grundschulempfehlung.
  • 86% wünschen mehr Medienkompetenzunterricht, doch 74% zweifeln an der Ausbildung der Lehrer dafür.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Dieses Zeugnis kann der grün-schwarzen Landesregierung nicht gefallen: Die Bürger in Baden-Württemberg stellen ihr auf einem zentralen Politikfeld schlechte Noten aus. Nur eine Minderheit von 28 Prozent der Bevölkerung bewertet die Bildungspolitik der Regierung als "gut" oder "sehr gut". Mehr als jeder Zweite (51 Prozent) hingegen hält die Bildungspolitik der Koalition von Ministerpräsident Winfried Kretschmann für „weniger gut“ oder „gar nicht gut“. Das ist das Ergebnis des aktuellen BaWü-Checks, der repräsentativen Umfrage im Auftrag der baden-württembergischen Zeitungsverlage. Immerhin: Von den Eltern schulpflichtiger Kinder bekommt die Landesregierung  bessere Noten: Hier steigt die Zustimmung auf 37 Prozent.

Bildungspolitik

Grafik Peters

Quelle: Allensbach Institut

Unabhängig von diesem äußerst kritischen Gesamturteil genießen zwei zentrale Vorhaben der grün-schwarzen Landesregierung großen Rückhalt: Die bereits beschlossene Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) halten überwältigende 70 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg für "sinnvoll", die G9-Gegner sind mit 13 Prozent nur noch eine kleine Minderheit. Auch die geplante Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung hat laut der Umfrage eine absolute Mehrheit in Baden-Württemberg: 62 Prozent der Bevölkerung finden es richtig, dass die Grundschulen entscheiden, auf welche weiterführende Schule ein Kind gehen sollte, und nicht allein die Eltern. Sogar bei den Grundschul-Eltern, die es selbst direkt betrifft, hat das Vorhaben eine Mehrheit von 58 Prozent, nur 30 Prozent sind hier der Meinung, das sollten die Eltern entscheiden.

Gymnasium

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Quelle: Allensbach Institut

Am überwiegend kritischen Gesamteindruck ändern diese beiden Punkte jedoch nichts. Vielmehr benennen die Befragten sehr genau die großen Probleme und Baustellen an den Schulen im Südwesten. Allen voran der gravierende Lehrermangel, die Zunahme von Gewalt, Schwierigkeiten mit der Integration an Schulen sowie zu große Klassen und Mängel an digitaler Ausstattung und Kompetenzen.

BaWü-Check zeigt, was gut läuft – und wo es hapert

Veraltete Ausstattung, bröckelnde Gebäude, kaputte Toiletten, Mängel bei der Digitalisierung und inkompetente Lehrer? Auch wenn über den Zustand der Schulen in Deutschland oft solche vernichtenden Pauschalurteile zu hören sind: Die Bürger in Baden-Württemberg haben durchaus einen differenzierten Blick auf das Geschehen im Bildungswesen des Landes. So kritisch sie – siehe oben – teils die Entwicklungen in der Bildungspolitik sehen, so gemischt fällt ihr Gesamturteil über die Schulen insgesamt aus. 47 Prozent der Bevölkerung insgesamt und immerhin 53 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder halten die Schulen in Baden-Württemberg für "gut" oder "sehr gut". Bei 45 beziehungsweise 42 Prozent der Befragten lautet das Urteil "nicht gut" oder "gar nicht gut, schlecht". Die Meinungen gehen also offenbar stark auseinander – vielleicht auch ein Zeichen dafür, wie vielfältig und unterschiedlich das Erleben von Bildung ist, je nach Standort (Stadt oder Land) und sicher auch Schulart.

Probleme an Schulen

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Quelle: Allensbach Institut

Besonders aufschlussreich ist daher, auf welchen Gebieten die Menschen in Baden-Württemberg die größten Probleme und den meisten Handlungsbedarf sehen. Mit deutlichem Abstand auf Platz eins steht da eines der schwierigsten Themen der Bildungspolitik: der drastische Mangel an Lehrerinnen und Lehrern, den offenbar auch die Familien auf breiter Front zu spüren bekommen. 62 Prozent der Befragten sehen hier dringenden Handlungsbedarf. Die diversen Initiativen von Kulturministerin Theresa Schopper (Grüne), das Problem zu mildern, entfalten offenbar noch keine spürbare Wirkung, Entspannung ist laut Berechnungen für die Zukunft aber vorhergesagt. Doch auch Probleme, die mit dem Themenbereich der Integration zusammenhängen, stehen weit oben auf der Prioritäten-Liste der Bürger: So sehen es 48 Prozent der Befragten als ein Hauptproblem für den Unterricht an, dass viele Schüler nicht über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Eine Zusatzfrage, ob der Unterricht durch diesen Umstand auch ganz konkret an der Schule ihres Kindes oder ihrer Kinder erschwert wird, bejahen 52 Prozent der Eltern von Grundschulkindern und 47 Prozent der Eltern von Kindern an weiterführenden Schulen. Dass generell viele Flüchtlingskinder in die Klassen integriert werden müssen, nennen 40 Prozent der Befragten als Hautproblem – bei Eltern schulpflichtiger Kinder liegt dieser Wert bei 32 Prozent. Weitere Sorgen bereiten den Menschen in Baden-Württemberg, „dass die Gewalt an Schulen zunimmt“ (55 Prozent), „mangelnde Disziplin in den Klassen“ (43 Prozent) und „dass zu viele Stunden ausfallen“ (40 Prozent).

Als ein weiteres größeres Problemfeld nehmen die Befragten das Thema Digitalisierung ins Visier: Die „schlechte digitale Ausstattung an den Schulen“ schafft es bei der Liste der Hauptprobleme immerhin auf Platz vier (44 Prozent). Der Umgang mit der neuen Medienwelt, in der Kinder und Jugendliche in sozialen Medien alltäglich Desinformation, Fake News, Pornografie, Gewalt und Extremismus begegnen können, ist neben den Debatten um Bildschirmzeiten und Suchtgefahren eine riesige pädagogische Herausforderung, bei der sich viele Eltern offenbar dringend mehr Unterstützung durch die Schule wünschen: 86 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Medienkompetenz an der Schule vermittelt werden sollte. 47 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder fordern dafür sogar "ein eigenes Schulfach Medienkompetenz".

Medien

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Peters

Allerdings ist das Zutrauen, dass Lehrerinnen und Lehrer das Thema den Kindern und Jugendlichen gut vermitteln können, kaum vorhanden: 74 Prozent der Bevölkerung glauben nicht, dass Lehrkräfte für die Vermittlung von Medienkompetenz ausreichend ausgebildet und geschult sind. Hier wartet also eine weitere Riesen-Aufgabe auf die aktuelle und künftige Landesregierungen. Dazu passt auch das Umfrage-Ergebnis, dass die Chancen und Risiken Künstlicher Intelligenz (KI) noch viel zu wenig in den Schulen vermittelt würden: 67 Prozent der Befragten urteilten, das sei nicht der Fall.

Vermittlung

Grafik Peters

Quelle: Allensbach Institut

Die Umfrage der Tageszeitungen

Wie gut sind die Schulen in Baden-Württemberg alles in allem? Was sind die Hauptprobleme an Schulen? Wie bewerten Sie die Schul- und Bildungspolitik in Baden-Württemberg? Das wollten die Tageszeitungen in Baden-Württemberg in ihrer Umfrage, dem BaWü-Check, wissen. Das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) befragt viermal im Jahr rund 1000 zufällig ausgewählte Bürger ab 18 Jahren. Der Zeitraum für die Online-Befragung war vom 13. bis 25. Juni. Die gedruckten Tageszeitungen im Südwesten erreichen jeden Tag mehr als fünf Millionen Menschen, hinzu kommen die Leserinnen und Leser auf den reichweitenstarken Online-Portalen.

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