: „Nichts war so, wie es sein sollte“ – Was eine Katastrophe mit Rettern macht
Früher klopfte man sich nach schweren Einsätzen auf die Schulter und trank ein Bier. Heute reden Feuerwehrleute offener über ihre Ängste. Einblicke in die Aufarbeitung der Katastrophe von Riedlingen.
Kreisbrandmeisterin Charlotte Ziller steht neben einem Einsatzfahrzeug. Sie war am Abend eines Zugunglücks bei Riedlingen vor Ort. Bei der Entgleisung eines Regionalzugs mit drei Toten waren Hunderte Einsatzkräfte im Einsatz. Dutzende nahmen im Anschluss psychologische Hilfe in Anspruch.
Bernd Weißbrod/dpa
Zugunglück bei Riedlingen: Drei Tote, Dutzende Verletzte, Hunderte Einsatzkräfte vor Ort.
Einsatz belastet Retter schwer – psychologische Betreuung für rund 120 Helfer organisiert.
Feuerwehrleute sprechen heute offener über Ängste, Tränen und psychische Belastungen.
Notfallpsychologe: Hilfe früh suchen, um Langzeitfolgen wie Schlafstörungen zu vermeiden.
Über 90 % der Feuerwehrkräfte arbeiten ehrenamtlich – Betreuung ist entscheidend.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
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Kreisbrandmeisterin Charlotte Ziller hat schon viel gesehen: Verkehrsunfälle. Notlagen. Brände. Tote. Seit sie 16 Jahre alt ist engagiert sie sich bei der Feuerwehr. Aber der Abend des 27. Juli hat auch für sie eine ganz neue Qualität. „Das war so surreal“, erzählt die 40-Jährige heute. Die Zugwaggons hätten einfach durcheinander in der Böschung gelegen - wie in einem Kinderspiel. „Der gehört da so nicht hin“, habe sie damals gedacht. Als sie in das Gleisbett blickt, das verbeulte Wrack sieht, wird ihr klar, dass das kein absurdes Szenario eines Planspiels ist, sondern bittere Realität. „Nichts war so, wie es sein sollte.“
Genau vier Wochen ist es her, dass der Regionalzug der Linie RE 55 bei Riedlingen aus den Gleisen springt. Dutzende Fahrgäste werden bei dem Unglück verletzt, drei Menschen kommen ums Leben. Hunderte Einsatzkräfte eilen zum Unglücksort - blutjunge Ehrenamtliche, aber auch gestandene Feuerwehrmänner mit jahrzehntelanger Erfahrung. Für alle ist es eine Lage, wie sie sie noch nie erlebt haben. Die Katastrophe treibe die Feuerwehrleute noch immer um, erzählt Ziller. „Es ist nicht mehr Alltag - aber es ist immer noch da.“
Feuerwehrmann: „Es dürfen auch Tränen fließen“
„So was habe ich tatsächlich noch nie erlebt“, berichtet Feuerwehrmann Gerhard Blank, der seit 40 Jahren im Dienst ist. Die Bilder haben sich auch bei ihm für immer eingebrannt - nicht nur die vom Zugwrack und verunglückten Opfern, sondern auch von erschöpften, abgekämpften Helfern, die mit Fassung ringen.
Blank war am Abend des Unglücks vor Ort verantwortlich für die sogenannte psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte - sein Job ist es, bei Unfällen und Katastrophen den Helfern zu helfen. Denn auch an Feuerwehrleuten, Rettern und Polizisten geht ein solches Ereignis nicht spurlos vorbei. „Es hat bei diesem Einsatz, behaupte ich, jeder sein Päckchen abbekommen“, sagt Blank. Die Aufgabe der Seelsorger vor Ort sei in erster Linie, da zu sein - zuzuhören, Gespräche zu ermöglichen, auch einmal Schweigen auszuhalten.
Früher habe man sich nach einem schweren Einsatz bei der Feuerwehr auf die Schultern geklopft, noch ein Bier getrunken und sei nach Hause gegangen, erzählt Blank. Das sei Vergangenheit. Man gehe heute professioneller, sensibler mit solchen Katastrophen um. „Die Kameraden sprechen wirklich offen über die Sache - und es dürfen auch Tränen fließen.“
Katastrophe kann Urinstinkte wecken
Als Notfallpsychologe ordnet Robert Hohl vom DRK-Kreisverband Biberach ein, was in solchen Situationen im Kopf passiert: „In einer völlig unvorbereiteten Situation kommen die Urinstinkte durch: Ich flüchte, ich starre oder ich fange an zu kämpfen. Man kann nicht mehr klar denken.“ Das könne zu kompletter Handlungsunfähigkeit führen. Einsatzkräfte, die sich etwa wegen einer längeren Anfahrt mental etwas auf das Geschehen vorbereiten konnten, hätten sich leichter getan mit den schrecklichen Eindrücken.
Die Waggons des Zuges, der bei Riedlingen verunfallt ist, werden geborgen und abtransportiert.
Björn Hossfeld; Jason Tschepljakow, Thomas Warnack, dpa
Rund einen Monat nach dem Tod dreier Menschen an der Bahnstrecke stehen in der Nähe des Unglücksorts Gedenkkerzen.
Bernd Weißbrod/dpa
Die Unfallstelle nach der Bergung des verunglückten Zugs.
Bernd Weißbrod/dpa
Der Bergezug ist an der Unfallstelle ibei Riedlingen in Position gebracht und bereit für seinen Einsatz.
Jason Tschepljakow/dpa
Nach und nach werden die verunfallten Waggons geborgen.
Thomas Warnack/dpa
Sicher am Haken des Krans auf Schienen hebt sich der Waggon langsam in die Höhe.
KARL-JOSEF HILDENBRAND/AFP
Einer der Waggons des verunglückten Zugs ist auf einem Lkw verladen.
Jason Tschepljakow/dpa
Die Schäden sind deutlich zu sehen - der Waggon ist stark deformiert.
Jason Tschepljakow/dpa
Der verladene Unfall-Waggon ist bereit für den Abtransport.
Jason Tschepljakow/dpa
Bei einem Zugunglück in Baden-Württemberg sterben am Sonntag drei Menschen, mindestens 41 weitere werden teils schwer verletzt.
Martin Tröster; Björn Hossfeld
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Dieser Hangrutsch könnte die Ursache für den Zugunfall gewesen sein.
Matthias Stelzer
Die Stelle des Hangrutschs ist bereits markiert worden.
Matthias Stelzer
Hier sind die verzogenen Schienen zu sehen.
Matthias Stelzer
Für die Bergung rückt noch am Sonntagabend schweres Gerät an.
Matthias Stelzer
Die Rettungshundestaffel war ebenfalls bei dem Zugunglück bei Riedlingen im Einsatz.
Feuerwehr Ulm
Regierungspräsident Klaus Tappeser ist direkt am Abend des Unglücks am Unfallort.
Matthias Stelzer
Das Einsatzgebiet ist groß. Überall verstreut liegen Zugteile.
Matthias Stelzer
Weil überall noch Dinge herumliegen, auch persönliche von Fahrgästen, wird eine strenge Fotolinie verfolgt.
Matthias Stelzer
Dieses Zugteil wurde von der Strecke gut 10 bis 15 Meter hoch an den Begleitweg der Bahntrasse geschleudert.
Matthias Stelzer
Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen. Der Personenzug ist im Kreis Biberach zwischen den Ortsteilen Zweifaltendorf und Zell entgleist.
Thomas Warnack/dpa
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Da der Bahndamm und die Hänge total durchnässt sind, müssen die Einsatzkräfte immer wieder ihre Stiefel reinigen.
Matthias Stelzer
Sven Vrancken, Leiter der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit am Abend des Unglücks am Unfallort.
Matthias Stelzer
Es machen sich immer mehr Rettungskräfte auf den Weg zum Unfallort. Neben Rettungswägen sind auch Hubschrauber im Einsatz.
Björn Hossfeld
Ein Großaufgebot an Einsatzkräften ist vor Ort. Für Angehörige wurde eine Sammelstelle am Haldenrain in Riedlingen eingerichtet.
Matthias Stelzer
Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks, der Feuerwehr, Polizei und des DRK arbeiten am Unfallort.
Matthias Stelzer
Trümmer der entgleisten Waggons.
Matthias Stelzer
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) kam am Abend zur Unfallstelle.
Matthias Stelzer
Die Rettungskräfte werden vor Ort versorgt.
Matthias Stelzer
Die Einsatzkräfte versuchen, die schweren Waggons zu bergen.
Matthias Stelzer
Mindestens zwei Waggons sind umgekippt. Etwa 100 Menschen befanden sich zum Zeitpunkt des Unfalls an Bord des Zugs.
Björn Hossfeld
Auch das Gebüsch am Bahndamm wird in der Nacht noch abgesucht.
Matthias Stelzer
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Der Personenzug ist im Kreis Biberach zwischen den Ortsteilen Zweifaltendorf und Zell entgleist.
Thomas Warnack/dpa
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Der Personenzug ist im Kreis Biberach zwischen den Ortsteilen Zweifaltendorf und Zell entgleist.
Thomas Warnack/dpa
Riedlingen: Rettungskräfte suchen im entgleisten Zug nach Fahrgästen.
Thomas Warnack/dpa
Die genaue Unfallstelle des tödlichen Zugunglücks bei Riedlingen.
Björn Hossfeld; GoogleMaps
Mindestens drei Menschen sind bei dem Zugunglück nahe Riedlingen gestorben.
Björn Hossfeld
300 Meter Luftlinie entfernt haben sich Vertreter überregionaler Medien auf der Brücke im Dorf Zell versammelt.
Martin Tröster
Von dort aus gibt es einen Blick auf den Unfallzug – näher darf derzeit niemand heran.
Martin Tröster
Askin Bingöl (v.l.) der Polizeivizepräsident Präsidium Ulm, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU), Bahnchef Richard Lutz und Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen), Verkehrsminister von Baden-Württemberg, geben am Montagvormittag an der Unglücksstelle eines Zugunglücks ein Statement ab, umringt von Journalisten und Kamerateams.
Bernd Weißbrod/dpa
Nachdem die Verletzen in den Krankenhäusern untergebracht sind, ist es am Montagmorgen Zeit für Experten der Bahn, die Unfallstelle zu begehen und die Bergung des Unglückszugs vorzubereiten.
Martin Tröster
Das Bürgerhaus Zell-Bechingen ist Versorgungsstation für die Rettungs- und Bergungsleute – Zell gehört zur Stadt Riedlingen.
Martin Tröster
Bei Tageslicht will sich die Spurensicherung nun am Montag ein weiteres Bild von der Unfallstelle machen.
Martin Tröster
Die Strecke am Unfallort des tödlichen Zugunglücks am Sonntag bei Riedlingen wird noch einmal genau inspiziert.
Karin Mitschang
Die Strecke am Unfallort des tödlichen Zugunglücks am Sonntag bei Riedlingen wird noch einmal genau inspiziert.
Karin Mitschang
Zugunglück bei Riedlingen – Teile des Zuges liegen an der Unfallstelle verstreut.
Karin Mitschang
Trümmer sind an der Unfallstelle nach dem tödlichen Zugunglück bei Riedlingen zu sehen. Der Regionalexpress RE55 war im Kreis Biberach zwischen den Ortsteilen Zwiefaltendorf und Zell entgleist.
Nico Pointner/dpa
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Auch im Nachgang seien Gespräche noch wichtig, sagt Hohl. Gerade wenn die Bilder nicht mehr aus dem Kopf gingen, wenn Schlafstörungen aufträten oder emotionale Taubheit. Vier Gruppengespräche habe man nach dem Zugunglück durchgeführt, rund 120 Einsatzkräfte hätten teilgenommen, so Hohl. Kameradinnen und Kameraden kämen dabei zusammen, jeder könne erzählen, was er erlebt habe. „Da geht es darum, den Einsatz zum Abschluss zu bringen.“ Die Gemeinschaft sei dabei wichtig.
Psychologe: Früh Hilfe holen
In den meisten Fällen gelinge es der Psyche, diese Eindrücke innerhalb der ersten Wochen nach dem Unglück zu verarbeiten, so der Psychologe. Andernfalls müsse man sich Hilfe holen, so Hohl. „Je früher, desto besser. Wenn ich früh anfange, mir auch professionelle Hilfe und Unterstützung zu holen, dann hält das weniger lang an.“
Für Charlotte Ziller ist klar: Die psychosoziale Betreuung ist unwahrscheinlich wichtig. Denn: „Nach dem Einsatz fängt es erst an, im Kopf zu rotieren.“ Die Hilfe sei auch wichtig, weil die meisten Einsatzkräfte im Land ehrenamtlich unterwegs seien. „Über 90 Prozent unserer Feuerwehrleute machen das freiwillig. Die sehen Bilder, die andere höchstens im Kino sehen - und da halten sich viele schon die Augen zu.“