Mobilitätsumfrage 2023: Mehrheit ist für Tempolimit – Sie haben abgestimmt, das sind die Ergebnisse

Tausende Menschen haben an der großen Mobilitätsumfrage der SÜDWEST PRESSE teilgenommen.
Thomas Frey/dpa; Hendrik Schmidt/dpa; Matthias KesslerAuf der Autobahn nur noch 130 Kilometer pro Stunde fahren? Wenn es nach Leserinnen und Lesern dieser Zeitung geht, dann ist das eine gute Idee. 57 Prozent haben in der großen Mobilitätsumfrage der SÜDWEST PRESSE angegeben, dass sie voll oder eher für ein 130er-Tempolimit auf der Autobahn sind. 35 Prozent stimmen nicht zu – eine deutliche Mehrheit ist also für das Limit.
Mehr als 7000 Leserinnen, Leser und weitere Interessierte haben im Sommer an der Mobilitätsumfrage 2023 teilgenommen – dem SWP-Mobilitätskompass. Nun hat die Redaktion die Ergebnisse ausgewertet, innerhalb der kommenden Wochen werden sie veröffentlicht. Den Anfang macht dieser Beitrag, in dem wir einige der wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen. Außerdem haben wir mit Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) über die Ergebnisse der Umfrage gesprochen. Das Interview lesen Sie hier.
In Sachen Infrastruktur schneidet das Auto in der Umfrage am besten am: 74 Prozent der Befragten geben an, dass sie mit der Verkehrsinfrastruktur für das Auto bei sich vor Ort sehr oder eher zufrieden sind. Bei der Fußgänger-Infrastruktur sind es 66 Prozent. Schlusslicht mit großem Abstand: der ÖPNV. Mit der Infrastruktur im Öffentlichen Nahverkehr sind 24 Prozent sehr oder eher zufrieden, mehr als die Hälfte hingegen ist eher nicht oder überhaupt nicht zufrieden.
Große SWP-Umfrage: 64 Prozent finden die Ticketpreise im ÖPNV sehr hoch
Ein regelmäßiges Streitthema beim ÖPNV sind die Ticketpreise. 64 Prozent halten sie für sehr hoch. Zwar gibt es mit dem Deutschlandticket inzwischen ein preiswertes Ticketangebot für Vielfahrerinnen und Vielfahrer. Doch knapp jeder Zweite fände das Ticket ohne einen Abo-Zwang attraktiver. 36 Prozent geben an, dass sie das Deutschlandticket bereits nutzen.
Mit der ÖPNV-Anbindung vor Ort sind erwartungsgemäß eher die Menschen zufrieden, die in einer Stadt oder einer städtisch geprägten Region wohnen. Spitzenreiter ist die Stadt Ulm: Dort bewerten die Teilnehmenden die ÖPNV-Erreichbarkeit im Durchschnitt gut, umgerechnet in Noten von 1 bis 5 ist das Ergebnis eine 1,8. ÖPNV-Schlusslichter sind in der Umfrage der Landkreis Calw und der Main-Tauber-Kreis mit einer Durchschnittsbewertung von jeweils 4,1.
Im Alltag ist für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiterhin das Auto das wichtigste Verkehrsmittel. 34 Prozent denken, dass Autofahrerinnen und Autofahrer bei der Verkehrsplanung in ihrer Stadt oder Gemeinde benachteiligt werden – 49 Prozent sehen das nicht so. Ziel der Landesregierung ist, dass mit der Zeit immer mehr Autofahrer auf ein Elektro-Fahrzeug umsteigen. Wenn sie jetzt ein Auto kaufen würden, würden sich allerdings 53 Prozent der Befragten für einen Verbrenner entscheiden – 26 Prozent für ein reines E-Auto.
Woran das liegt? Die Mehrheit der Teilnehmenden findet den Anschaffungspreis für ein E-Auto zu hoch, hält die Reichweite nicht für angemessen und das Ladenetz für zu schlecht ausgebaut. Tatsächlich gibt es in Städten wie Ulm derzeit genügend Ladepunkte – ein weiterer Ausbau ist aber nötig.
Besonders auffällig: Knapp 60 Prozent sehen im E-Auto keinen Umweltvorteil zu einem Verbrenner. Wissenschaftler haben jedoch berechnet, dass E-Autos bereits jetzt eine bessere Klimabilanz als Verbrenner aufweisen. Der Vorteil soll in Zukunft weiter wachsen, wenn mehr Strom mit erneuerbaren Energien produziert wird. In der SWP-Mobilitätsumfrage merken einige Teilnehmende aber an, die Rohstoffe für die Batterien von E-Autos stammten aus kritikwürdigen Quellen, die Umweltbilanz sei deshalb fragwürdig.
Minister zur Kritik an Batterien in E-Autos: „Als würde Erdöl aus reinen Quellen geschöpft“
Was sagt Verkehrsminister Winfried Hermann dazu? „Als würde Erdöl in perfekten Demokratien aus reinen Quellen geschöpft“, antwortet der Grünen-Politiker im SWP-Interview. Auch Rohöl werde „unter ökologisch schädlichen Bedingungen in Regimen gefördert, mit denen man am liebsten nichts zu tun hätte“. Der Anspruch, dass die Rohstoffe für Batterien unter ökologischen und ethischen Bedingungen produziert werden, ist laut Hermann aber berechtigt.
Viel Unzufriedenheit gibt es unter den Umfrage-Teilnehmenden auch beim Thema Fahrrad. 60 Prozent stimmen zum Beispiel der Aussage zu, dass Radwege oft unterbrochen sind. 65 Prozent finden, dass Autos Radfahrerinnen und Radfahrer häufig mit zu geringem Abstand überholen. Gesetzlich gilt innerorts ein Überholabstand von 1,5 Metern, außerorts sind es 2 Meter. Der Aussage, dass Kinder im Ort gefahrlos Fahrrad fahren können, stimmt außerdem eine Mehrheit nicht zu.
Ein weiteres Streitthema sind Leihscooter, denn: Nach wie vor stellen manche Nutzerinnen und Nutzer die Fahrzeuge mitten auf dem Gehweg ab, behindern damit unter anderem Menschen, die mit Rollstuhl oder einem Kinderwagen unterwegs sind.
Die Umfrage zeigt: Knapp die Hälfte (48 Prozent) sieht herumstehende E-Scooter nicht als Problem, 38 Prozent sehen das anders. Der Verkehrsminister zählt zu diesen Kritikern. Er sagt im Interview über herumstehende Leihroller: „In den Städten, in denen man E-Scooter leihen kann, ist das ein permanentes Ärgernis.“
In den kommenden Wochen wird die Redaktion weitere Ergebnisse der Umfrage vorstellen. Dann geht es vor allem darum, wie die Menschen in den unterschiedlichen Regionen und Städten abgestimmt haben. Denn in großen Teilen des Verbreitungsgebietes haben so viele Menschen an der Umfrage teilgenommen, dass die Ergebnisse auch auf lokaler Ebene aussagekräftig sind.
Der Mobilitätskompass 2023 – mehr als 7000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer
An der nicht repräsentativen Umfrage zum Mobilitätsverhalten haben im Verbreitungsgebiet der SÜDWEST PRESSE im Mai, Juni und Juli dieses Jahres insgesamt 7877 Leserinnen und Leser teilgenommen. Der Großteil der Antworten (7314) kam von Erwerbstätigen und Rentnern im Alter von 18 bis 79 Jahren, 6435 Teilnehmer waren zwischen 30 und 69 Jahre alt. Aus den Rückmeldungen ergeben sich auch Hinweise auf die Einschätzungen zum Verkehrsangebot in Ihrer Region. Einigen davon gehen wir nun in einer Artikel-Serie nach.

