Landtagswahl in BW: Auf verlorenem Posten? Wie Andreas Stoch gegen den Absturz kämpft

Andreas Stoch beim Landesparteitag der SPD im November 2025. Schon damals waren die Umfragewerte der Partei bescheiden, aktuell sieht es noch schlechter aus.
Stefan Puchner/dpa- SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch kämpft in BW gegen Umfragetief von 7–9 Prozent.
- Lagerwahlkampf Hagel (CDU) vs. Özdemir (Grüne) drückt SPD-Chancen weiter.
- Stoch wirbt mit Erfahrung: Kultusminister 2013–2016, seit 2016 Fraktionschef, seit 2018 Landeschef.
- Pasteten-Affäre: SWR-Clip nach Tafel-Besuch; Stoch spricht von Leberwurst für 1,80 €/100 g.
- Themen: gebührenfreie Kitas, Wohnbaugesellschaft, Weiterbildung; Haustürwahlkampf, Podcast.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Haustürwahlkämpfe sind kein Zuckerschlecken. Von „Sie störet grad wirklich“ bis „Jetzt ist das Kind aufgewacht“ ist alles dabei. „Wir wollten einfach kurz hallo sagen, Gummibärchen und unseren Flyer vorbeibringen“, erklärt SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch bei der Klingeltour durch die 10.000-Einwohner-Stadt Altensteig im Kreis Calw. Es liegen noch letzte Schneereste. Gemeinsam mit der Landtagskandidatin Daniela Steinrode zieht der 56-Jährige von Tür zu Tür, um für seine Partei Werbung zu machen.
Die einen haben schon gewählt, andere sind nicht zu Hause. Oder es sind aussichtslose Fälle wie Volker Noseck, der leutselig klarstellt: „Ich wähle euch nicht, ich bin zweiter Landesvorsitzender der Seniorenunion.“ Immerhin, der SPD-Landeschef wird häufig erkannt. „Ja, Mensch, das ist der Herr Stoch“, ruft ein Mittvierziger beim Öffnen der Haustür. „Ich bin von Ihnen persönlich begeistert, Sie sind ein progressiver Kämpfer!“ Wenn sich das nur in Wählerstimmen niederschlagen würde.
Duell Hagel-Özdemir schmälert die Chancen
In Umfragen stehen Baden-Württembergs Genossen so schlecht da wie noch nie. Das hängt mit der Beteiligung ihrer Partei an mehreren unbeliebten Bundesregierungen zusammen. Doch je mehr sich vor der Landtagswahl das Duell zwischen Manuel Hagel (CDU) und Cem Özdemir (Grüne) zuspitzt, desto schlechter werden die Aussichten für die SPD. Viele progressive Wähler, die einen konservativen Ministerpräsidenten verhindern wollen, werden wohl Özdemir wählen.
Stoch kämpft wacker: Bei Özdemir, „der ja bei allem, was eigentlich die Grünen in den letzten Jahren auch politisch im Landtag gesagt haben, auf CDU-Linie ist“, wisse niemand, wie progressiv er überhaupt sei. In der SPD beobachtet Stoch eine Jetzt-erst-recht-Haltung: „Uns wird in Begegnungen oft gesagt, dass es die SPD gerade in diesen schwierigen Umbruchszeiten braucht“, berichtet er. „Ich sage dann gerne: Dann müsst ihr auch SPD wählen, wenn ihr wollt, dass sie im Parlament ihre Stimme erheben kann.“
Angesichts vielfältiger Umbrüche werben auch andere mit ihrer Erfahrung. Doch in der Landespolitik macht Andreas Stoch kein Konkurrent etwas vor. Als einziger Spitzenkandidat für die Landtagswahl saß der SPD-Mann schon einmal am baden-württembergischen Kabinettstisch, von 2013 bis 2016. Als Kultusminister – ein notorisch schwieriger Job, den er mit ungewöhnlich guten Noten absolvierte.
Einst war Stoch der Retter des Landesverbands
Seit 2016 ist Stoch Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, seit 2018 Chef der Genossen im deutschen Südwesten. Als sich die Lager der damaligen Landeschefin Leni Breymaier und ihres Bundestagskollegen Lars Castellucci auch nach einem Mitgliederentscheid unversöhnlich gegenüberstanden, hatte er sich als Retter angeboten.

SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch beim Haustürwahlkampf in Altensteig.
Jens SchmitzZusammen mit dem ebenfalls neu installierten Generalsekretär Sascha Binder, einem Fraktionskollegen, gelang Stoch seither nicht nur die Befriedung seiner Partei. Das Duo sorgte auch mit Blick auf Strukturen und Image für eine Modernisierung. Mit dem Werben für gebührenfreie Kitas, dem Einsatz für eine Landeswohnbaugesellschaft und der kritischen Begleitung von Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) bei ihren Kernanliegen fanden die Sozialdemokraten öffentlich wirksame Themen. Die Transformation der Wirtschaft will Stoch durch eine Weiterbildungsoffensive begleiten, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Er warnt davor, den Blick für die großen Zusammenhänge zu verlieren.
Der Lapsus mit der Entenpastete kommt zur Unzeit
Umso erstaunlicher, dass jemandem mit seiner Erfahrung auf den letzten Metern des Wahlkampfs ein solcher Lapsus passieren kann: Für ein Kandidatenporträt ließ Stoch sich jüngst vom SWR in der Rheinebene dabei filmen, wie er ausgerechnet nach dem Besuch eines Tafelladens seinen Chauffeur beauftragte, im benachbarten Elsass Entenpastete zu kaufen. „Schöne Entenpastete ist was Herrliches“, gab er dem Kamerateam arglos zu Protokoll.
Stoch hat inzwischen klargestellt, dass es um Leberwurst für 1,80 Euro pro 100 Gramm gegangen sei. Zudem habe der Einkauf schlussendlich nicht stattgefunden. Der Einsatz des Fahrers wäre wohl rechtens gewesen, doch der Eindruck war trotzdem fatal. Stoch hat eingeräumt, in einen „Fettnapf“ marschiert zu sein. Nicht nur für seine Partei, auch für ihn selbst kommt der Clip zur Unzeit.
Umfragewerte nur noch einstellig
Bei der Landtagswahl 2016 hatte die SPD 12,7 Prozent geholt, 2021 dann 11 Prozent. Aktuell stehen die Genossen bei Umfragen zwischen sieben und neun Prozent – und laufen Gefahr, im Lagerwahlkampf weiter zerrieben zu werden. Nicht ausgeschlossen, dass der ein oder andere Parteifreund nach der Wahl alte Rechnungen präsentiert.
Stoch ist von Haus aus Jurist, bis 2013 war er in Heidenheim als selbstständiger Rechtsanwalt tätig. Sein Habitus – schnelle Rede, schmale Anzüge, ausgesuchtes Schuhwerk – ist beim linken Parteiflügel nicht von selbst anschlussfähig. Viele Genossen rechnen ihm aber hoch an, dass es ihm gelang, die Partei als Brückenbauer zu einen. Tatsächlich verkörpert Stoch die klassische SPD-Geschichte des Bildungsaufsteigers. Die Familie kam als Flüchtlingsfamilie aus dem Sudetenland nach Baden-Württemberg. Der Vater war Automateneinrichter, die Mutter Einzelhandelskauffrau.
Wahlkampf auch mit eigenem Podcast und AC/DC
Als Brückenbauer hat sich Stoch auch im aktuellen Wahlkampf wieder versucht: Allen Seitenhieben zum Trotz lud er Hagel und Özdemir zum Plaudern in seinen Podcast „Soundcheck Politik“ – Özdemir kam auch. Stoch ist bekennender Liebhaber irischen Folk-Punks. In seinem Podcast mischt er alle zwei Wochen Musik mit persönlichen Gesprächen. Den Schluss macht nicht ohne Selbstironie regelmäßig ein AC/DC-Zitat: „It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock ‘N‘ Roll).“
Doch die Lage der Sozialdemokraten ist womöglich noch ernster als die des Landes zurzeit, Gummibärchen hin, Musik her. Nach dem Haustürwahlkampf in Altensteig nimmt Stoch schnell noch einige Videos für Social Media auf. Gebraucht werde eine Politik, die soziale Sicherheit stärkt und nicht schwächt, sagt er auf dem Parkplatz der Schule. „Wer will, dass zukünftig auch Menschen mit kleinen Einkommen über die Runden kommen, sollte sich gut überlegen, wen er wählt.“
Zur Person
Bereits zum zweiten Mal führt Landes- und Fraktionschef Andreas Stoch die SPD in die Landtagswahl. Der 56 Jahre alte Rechtsanwalt stammt aus Heidenheim und war in der grün-roten Koalition von 2013 bis 2016 Kultusminister von Baden-Württemberg. Seit 2016 führt er die SPD-Landtagsfraktion, seit 2018 den SPD-Landesverband. Der Protestant ist verheiratet und hat mit seiner Frau vier Kinder.
Landtagswahl 2026
Am 8. März 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt. Können die Grünen mit Cem Özdemir den zweiten grünen Ministerpräsidenten der Landesgeschichte stellen oder holt Manuel Hagel Baden-Württemberg für die CDU wieder zurück? Wie stehen die Chancen der anderen Parteien?
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