Amokfahrt von Mannheim
: Neue Recherchen – Ist der Täter ein Rechtsextremist?

Das Motiv des Amokfahrers von Mannheim gibt den Ermittlern Rätsel auf. Ein politisches Motiv sehen sie nicht – dabei hatte der Verdächtige Alexander S. offenbar Kontakte ins Neonazi-Milieu.
Von
Roland Müller,
dpa ,
AFP STATISTISCH
Mannheim
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Polizeieinsatz in Mannheim: dpatopbilder - 03.03.2025, Baden-Württemberg, Mannheim: Beamte des Entschärfungsdienstes der Polizei sind an einem beschädigten Fahrzeug an einer Zufahrt zur Rheinbrücke im Einsatz. Nach einem Vorfall mit einem Auto in der Mannheimer Innenstadt mit mindestens einem Toten und mehreren Verletzten ist der mutmaßliche Fahrer nach Polizeiangaben festgenommen worden. Nach Polizeiangaben war ein Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren. Foto: Boris Roessler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Beamte des Entschärfungsdienstes der Polizei sind am Auto des mutmaßlichen Amokfahrers in Mannheim. Bei dem 40-Jährigen gibt es auch Hinweise auf rechtsextreme Verbindungen

Boris Roessler/dpa
  • Amokfahrt in Mannheim: Zwei Tote, 14 Verletzte, darunter ein zweijähriges Kind.
  • Verdächtiger Alexander S. hat Kontakte zur rechtsextremen Szene, aber kein politisches Motiv festgestellt.
  • Der 40-Jährige leidet seit Jahren an einer psychischen Erkrankung und war in Behandlung.
  • Haftbefehl wegen zweifachen Mordes erlassen, Ermittlungen dauern an.
  • Innenminister Strobl informiert den Landtag über den Fall.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Was war das Motiv des Amokfahrers von Mannheim, bei dessen Tat zwei Menschen getötet wurden? Diese Frage beschäftigt die Staatsanwaltschaft und das baden-württembergische Landeskriminalamt (LKA) bei ihren Nachforschungen weiterhin. Für ein extremistisches oder politisches Motiv sehen die Ermittler bisher keine Anhaltspunkte.

Dabei gibt es durchaus Hinweise auf Verbindungen des Tatverdächtigen Alexander S. zu extremistischen Gruppen – und sie führen ins rechtsextreme Milieu. Diese Spuren hat die Antifa-Rechercheplattform „Exif“ zusammengetragen und veröffentlicht. So zeigen Fotos den 40-jährigen Deutschen offenbar bei einer Demonstration von Rechtsextremen und Reichsbürgern im Oktober 2018 in Berlin. Der Aufmarsch unter dem Titel „Wir für Deutschland“ soll damals von der NPD mitorganisiert worden sein.

Mitglied eines Neonazi-Vereins mit Reichsbürger-Einschlag?

Außerdem taucht Alexander S. laut „Exif“ auf einer Art Mitgliederliste eines 2016 gegründeten Neonazi-Vereins namens „Ring Bund“ mit Reichsbürger-Einschlag und Sitz in der Schweiz auf. Zu diesem gehörten demnach auch zwei Männer aus Bayern, die in ein illegales Waffen-Netzwerk verwickelt waren; einer der beiden wurde laut Angaben der bayerischen Justiz Ende Mai 2022 am Landgericht München I zu vier Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Auf der „Ring-Bund“-Mitgliederliste wird Alexander S. laut Exif beschrieben als „gelernter Landschaftsgärtner, Boxer, Bolzenschusserlaubnis für Schlachtvieh, Englisch“.

In seinen Social-Media-Auftritten (unter anderem im russischen Netzwerk „VK“) präsentierte sich Alexander S. als Waffennarr, posierte mit einem Gewehr an einem Schießstand und vor einem Panzer; teilte zudem Bilder von nordischen Göttern. Im Jahr 2018 war der aus Ludwigshafen stammende Mann bereits wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in einem Kommentar im Onlinedienst Facebook zu einer Geldstrafe verurteilt worden – das ist ebenso aktenkundig wie andere Vorstrafen. So hat Alexander S. laut Staatsanwaltschaft vor mehr als zehn Jahren eine kurze Freiheitsstrafe wegen Körperverletzung abgesessen, außerdem ist ein Fall von Trunkenheit im Verkehr aktenkundig.

Die Recherchen von „Exif“ sind Polizei und Staatsanwaltschaft durchaus bekannt, die möglichen Kontakte zum Rechtsextremismus stünden ebenfalls im Fokus der Ermittlungen, heißt es. Doch offenbar sehen die Ermittler darin bisher keine Verbindung zum Motiv des mutmaßlichen Täters. Anfragen bei verschiedenen Geheimdiensten hätten keine „extremismusrelevanten Rückmeldungen“ ergeben. Auch bei den beschlagnahmten Gegenständen seien keine Anhaltspunkte für eine extremistische Gesinnung gefunden worden, sie würden aber noch weiter intensiv ausgewertet. Dazu gehöre auch ein im Auto gefundener Zettel mit mathematischen Formeln. Ob Alexander S. nach 2018 noch Kontakt in rechtsextreme Kreisen hatte, darüber hat auch die Plattform „Exif“ keine Hinweise.

Regelmäßig in psychiatrischer Behandlung – zuletzt 2024

Als relevanter werden daher im Moment von Staatsanwaltschaft und LKA andere Anhaltspunkte eingeschätzt: eine seit vielen Jahren bestehende psychische Erkrankung des 40-Jährigen. Medizinische Unterlagen und viele Aussagen von Zeugen bestätigten den Ermittlern, dass der 40-Jährige seit vielen Jahren eine psychische Erkrankung hat. Früher sei er regelmäßig in ärztlicher und psychiatrischer Behandlung gewesen, zuletzt im vergangenen Jahr auch stationär, hieß es.

Zur Frage des Motivs hat Alexander S. selbst bisher nichts beigetragen: In den Vernehmungen schweigt er bisher. Auch bei der Durchsuchung seiner Wohnung im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen ergaben sich demnach keine Hinweise auf ein Motiv. Ein Schwerpunkt der Ermittlungen liege auf Aktivitäten und Kontakten in sozialen Netzwerken. Außerdem werde der „komplexe Tatablauf“ weiter rekonstruiert. Die Ermittler befragten den Taxifahrer, der nach dem aktuellen Stand der Ermittlungen dazu beigetragen hatte, den Täter zu stoppen.

Zahl der Verletzten erhöht sich auf 14

Am Dienstagabend wurde ein Haftbefehl wegen zweifachen Mordes gegen Alexander S. erlassen. Bei den Todesopfern handelte es sich um eine 83-jährige Frau und einen 54-jährigen Mann. Die Zahl der Verletzten erhöhte sich auf 14, wie die Ermittler weiter mitteilten. Darunter sei ein zweijähriges Kind. Vier Menschen würden noch im Krankenhaus behandelt.

Der Verdächtige hatte seinen Kleinwagen nach der Tat in der Innenstadt zurückgelassen und war zu Fuß geflohen. Wenig später wurde er festgenommen. Zuvor hatte er versucht, sich durch einen Schuss in den Mund mit einer Schreckschusswaffe selbst zu töten. Er wurde dann medizinisch behandelt und später in Polizeigewahrsam genommen.

Innenminister Thomas Strobl (CDU) will unterdessen den Landtag über die Todesfahrt von Mannheim informieren. Mit Blick auf das Ausmaß dieser Tat wolle er anbieten, über den Stand der Ermittlungen in der nächsten regulären oder einer eigens einzuberufenden Sitzung des Innenausschusses zu berichten, betonte Strobl in einer Nachricht an den Vorsitzenden des Innenausschusses, Ulli Hockenberger (CDU). „Gerne soweit möglich auch öffentlich.“

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