Wirtschaftsleistung
: Warum die Streichung eines Feiertags wenig Sinn macht

Die seit Wochen anhaltende Debatte über das Streichen eines Feiertags zeigt wie verquer und ideologisch in Deutschland diskutiert wird. Eine Studie räumt mit irrigen Annahmen auf.
Von
Alexander Bögelein
Berlin
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Zahlreiche Freibäder starten in die Saison: 01.05.2025, Nordrhein-Westfalen, Essen: Besucher liegen und sitzen auf einer Wiese im Grugabad in Essen. Foto: Christoph Reichwein/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Sind wir Deutschen zu faul und müssen mehr arbeiten? Die Diskussion um die Streichung eines Feiertages erinnert ein bisschen an die, dass Deutschland als kollektiver Freizeitpark nicht bestehen könne. Diese Debatte hatte der verstorbene Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl 1983 losgetreten.

Christoph Reichwein/dpa
  • Debatte: Feiertagsstreichung soll Arbeitsangebot erhöhen, bringt laut Studien aber keinen Effekt.
  • DIW: Deutsche arbeiten viel, 63 Mrd. Stunden/Jahr, Potenzial liegt in mehr Erwerbstätigkeit von Frauen.
  • IMK: Feiertagsstreichung steigert BIP nicht; Erholung fördert Produktivität und Innovation.
  • Beispiele: Sachsen wuchs trotz Feiertag stärker als andere Bundesländer ohne Feiertag.
  • Reformvorschläge: Kita-Ausbau, Minijob-Abschaffung, Ehegattensplitting ändern.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Pünktlich zu Christi Himmelfahrt hatte sich Bundeskanzler Friedrich Merz zu Wort gemeldet. Auch er meinte, die Deutschen sollen mehr arbeiten. Am einfachsten sei das, wenn ein Feiertag gestrichen werde. Die üblichen Verdächtigen aus den Arbeitgeber-Verbänden und dem Ökonomen-Lager finden die Idee auch gut. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (DIW) könnte durch diese Maßnahme das Bruttoinlandsprodukt, also die Summe aller Waren und Dienstleistungen innerhalb eines Zeitraums, um bis zu 8,6 Milliarden Euro steigen.

Doch gleichzeitig betonte DIW-Chef Marcel Fratzscher in einem Interview mit dem NDR: „Wir Deutschen arbeiten nicht zu wenig. Das ist der Fehler in der Diskussion. Es wurden noch nie mehr Arbeitsstunden im Jahr geleistet, nämlich 63 Milliarden, wie heutzutage. Und es waren auch nie mehr Menschen in Arbeit, fast 46,1 Millionen Menschen. Menschen teilen sich die Arbeit zwar anders auf. Aber wir arbeiten sehr viel.“

Das wirkliche Potenzial liegt woanders

Das wirkliche Potenzial liege in der Erwerbstätigkeit von Frauen. Kaum ein Land habe eine höhere Teilzeitquote bei Frauen als Deutschland. Viele der Frauen wollten aber mehr arbeiten. Damit das funktioniere, sei eine Reform des Ehegattensplittings sinnvoll, die Abschaffung der Minijobs, eine bessere Kita-Betreuung und bessere finanzielle Rahmenbedingungen. Zudem sei eine bessere Integration von Geflüchteten wichtig.

Auch ein anderes namhaftes Wirtschaftsinstitut kommt zu dem Schluss, dass die Abschaffung eines Feiertages keinen Sinn mache: das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die Forscher fanden in ihrer aktuellen Studie „keine Belege dafür, dass die Abschaffung von Feiertagen die Wirtschaftsleistung erhöht“.

Für die Studie haben die Experten sechs konkrete Fälle untersucht, in denen in Deutschland oder in einzelnen Bundesländern in den vergangenen 30 Jahren arbeitsfreie Feiertage gestrichen oder neu eingeführt wurden.

„In gut der Hälfte der Fälle entwickelte sich die Wirtschaft sogar danach in jenen Bundesländern besser, in denen arbeitsfreie Feiertage beibehalten wurden oder neu hinzukamen“, berichtete das IMK. „Die Gleichung: Wenn Feiertage wegfallen, steigt das Wachstum, geht offensichtlich nicht auf. Denn sie ist zu simpel und wird einer modernen Arbeitsgesellschaft nicht gerecht“, teilte IMK-Direktor Sebastian Dullien mit.

Streichung eines Feiertags als Symbol

Die Abschaffung von einem oder mehreren Feiertagen zur Erhöhung der Wirtschaftsleistung wird seit einigen Monaten verstärkt diskutiert. Vorgeschlagen hat dies etwa der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Peter Adrian. Auch die „Wirtschaftsweise“ Monika Schnitzer hatte die Abschaffung eines Feiertages in Deutschland zu Finanzierung der Krisenlasten befürwortet. „Die Streichung eines Feiertages fände ich als Symbol genau richtig“, sagte die Ökonomin und Chefin des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Im März hatte der Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Clemens Fuest, für die Streichung eines Feiertages plädiert, um „das Arbeitsangebot der Menschen zu steigern“.

Das IMK untersuchte unter anderem, wie sich die Abschaffung des Buß- und Bettages in allen Bundesländern außer Sachsen ab dem Jahr 1995 auswirkte. Entgegen der einfachen Gleichung: Weniger Feiertage = mehr Wirtschaftsleistung habe sich das Bruttoinlandsprodukt 1995 in Sachsen aber stärker entwickelt als im Rest Deutschlands, so die Forscher.

„Nominal wuchs die Wirtschaftsleistung im Bundesschnitt um 3,4 Prozent, im ostdeutschen Freistaat dagegen um 9,7 Prozent.“ Das BIP in Sachsen sei damit auch stärker als in den angrenzenden Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen gewachsen, obwohl diese den Feiertag gestrichen hatten.

Produktivität und Innovation werden in der Debatte vergessen

Die gesamtwirtschaftliche Produktion gehe nicht nur auf die Zahl der Arbeitsstunden zurück – auch Produktivität und Innovation spielten eine wichtige Rolle, so das IMK. „Denkbar ist, dass die Beobachtung fehlender positiver Wachstumseffekte einer geringeren Zahl an Feiertagen darauf zurückgeht, dass die geringere Erholungszeit die Produktivität senkt“, schreiben die Autoren.

Möglich sei auch, dass stark belastete Erwerbstätige als Reaktion auf eine Feiertagsstreichung ihr Arbeitsangebot an anderer Stelle zurückfahren, etwa durch die Verringerung der Arbeitszeit in Teilzeitstellen. So hätten während der Pandemie Pflegekräfte als Reaktion auf die hohe Belastung ihre Arbeitszeit verringert.

Die faule Republik und der kollektive Freizeitpark

Die wichtigste Aufgabe einer Bundesregierung ist es, gute politische Rahmenbedingungen zu schaffen. Dann würden sich viele Themen von alleine regeln. Das Thema, dass die Menschen in Deutschland zu wenig arbeiten, hat immer wieder Konjunktur bei deutschen Politikern und Arbeitgeber-Vertretern. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl mahnte schon vor mehr als 40 Jahren, dass sich Deutschland nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren könne.

Auch in Kohls Regierungserklärung 1993 war der kollektive Freizeitpark Thema: „Wir haben in Deutschland im Durchschnitt sechs Wochen Urlaub und zwölf Feiertage pro Jahr. Bei der wöchentlichen Arbeitszeit liegen wir gleichzeitig mit durchschnittlich 37,5 Stunden niedriger als alle unsere Konkurrenten.“ Der frühere SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement forderte Anfang der 2000er Jahre, den Pfingstmontag abzuschaffen, um die deutsche Wirtschaftsleistung zu steigern.