TV-Koch Sebastian Lege im Interview: „Ich selber bin fettleibig und esse zu deftig“

TV-Koch und Produktentwickler Sebastian Lege nimmt Fertigprodukte auseinander. Er selbst geht aber auch gern mal ins Fastfood-Restaurant.
PrivatEr sei gerade am Set, verbringe nun seine Mittagspause mit dem Interview am Telefon, sagt Sebastian Lege gleich zu Beginn des Gesprächs. Weil er währenddessen auch noch sein Blumenkohlschnitzel mit Polenta und Salat essen muss – an diesem Tag ist Veggie-Day – kommen die Antworten manchmal etwas verzögert. Wenn ihn ein Thema wirklich aufregt, kann er sich allerdings richtig in Rage reden, beispielsweise wenn es um das Kulturgut Schweinshaxe oder das Einkaufsverhalten der Deutschen geht. Der Koch zerlegt in Formaten wie „ZDF Besseresser“ oder „ZDFzeit: Tricks der Lebensmittelindustrie“ regelmäßig hochverarbeitete Lebensmittel, findet darin immer wieder zu viel Würze, Zucker, Fett und Salz – und baut sie häufig mit den Grundzutaten und diversen Pülverchen nach.
Herr Lege, was bedeutet Ihnen Essen?
Essen ist ganz viel: Kultur, Verbindung, Kommunikation, Leidenschaft, Antrieb – und Genuss natürlich.
Aber sieht das auch die Mehrheit der Deutschen so? Oft hat man das Gefühl, da stünden Sparsamkeit und praktische Zubereitung eher im Vordergrund.
Ja, aber das ist auch ein bisschen zu entschuldigen, weil Deutschland ein Industriestaat ist. Es hat den Wohlstand über Innovation und Maschinentechnik erlangt und nicht über Kulinarik. Unser Essen ist ausgerichtet auf schnell verfügbare Energie. Deswegen sind wir Weltmeister in Brot- und Wurstsorten. Das ist die schnellste und praktischste Energiequelle, die man sich zunutze machen kann. Eine belegte Stulle kann man überall mit hinnehmen, sie enthält Eiweiß und Kohlenhydrate, die man braucht, um körperlich arbeiten zu können.
Gleichzeitig boomen Kochsendungen, Social-Media-Kanäle und Podcasts zum Thema Ernährung. Zumindest in der Theorie wollen die Deutschen also schon mal mehr als die Wurststulle ...
In den letzten Jahren ist schon viel passiert. Durch die Globalisierung haben wir einen guten Ansatz von multikulinarischem Empfinden bekommen. Die Menschen interessieren sich mehr für Kulinarik insgesamt und verschiedene Länder-Küchen. Food-Influencer sind inzwischen ein Riesenthema. Ich glaube, das ist eine gute Bewegung, aber da wird häufig vor allem darauf geachtet, dass das Essen „fancy“ ist, also ausgefallen und modern. Teilweise ist das ziemlich oberflächlich. Viele Food-Trends werden aus Fastfood-Produkten gemacht wie überladene Milchshakes, Limonaden oder Hamburger. Das ist das, was viral geht. Und das ändert gar nichts an unserem riesigen Zuckerproblem.
Hinterfragen wir noch zu wenig, was wir da genau essen?
Die Wissbegier nach guten Lebensmitteln wird schon größer. Allein schon deshalb, weil Körperbewusstsein und gutes Aussehen ein großes Thema geworden sind, da spielt natürlich auch Ernährung eine wichtige Rolle. Deswegen haben wir mit unseren Formaten auch so einen großen Erfolg, weil wir viele Informationen liefern. Für mich ist klar, dass die Bereitschaft, gute Rohstoffe zu verwenden, weiter wachsen muss. Dass man mehr hinterfragen muss, wo das Gemüse oder das Stück Fleisch herkommt oder wie das Brot gebacken wurde.
Wie kann man mehr Bewusstsein schaffen?
Früh ansetzen. Geschmack muss geschult und gelehrt werden. In Schulen gibt es nur vereinzelt vernünftigen Hauswirtschaftsunterricht, aber man sollte dort kulinarische Coachings machen. Man sollte gute Köche dorthin schicken, die die heranwachsene Generation prägen und ihr zeigen, dass Kochen richtig cool sein kann. Und man muss die Kinder dazu erziehen, dass sie selber entscheiden, was sie morgen kaufen und was nicht. Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass wir nur Couchpotatoes heranzüchten.
Führt der ganze Konsum von Ernährungs-Formaten eigentlich auch dazu, dass wir selbst mehr kochen?
Essen und Kochen sind ein Statussymbol geworden. Es hat schon auch mit persönlicher Leidenschaft, aber auch mit Positionierung in der Gesellschaft zu tun. Allein im Grillbereich ist da viel passiert. Da ist der teure Grill für über 1000 Euro Trend.
Sie nehmen in Ihren Sendungen Fertigprodukte auseinander und zeigen auf, was da alles so drinsteckt. Macht diese Tätigkeit manchmal zynisch?
Nein. Wir heben ja nicht unseren moralischen Zeigefinger. Wir informieren nur und das auf eine witzige Art und Weise. Ich selber sehe mich nicht als der heilige Samariter der Lebensmittel an.
Sie wollen also nicht als Vorbild gelten?
Ich selber bin doch fettleibig, esse gerne und viel zu viel Fett, viel zu deftig, und ich gehe auch mal in ein Fastfood-Restaurant an der Autobahn. Ich bin also kein positives Beispiel. Ich möchte positiv informieren und anregen. Ich kann die Menschen durch meine Sendungen sensibilisieren, sich wieder auf eine natürlichere Art und Weise zu ernähren und ein bisschen mehr auf verarbeitete Lebensmittel zu verzichten. Ich will niemanden zum Vegetarier machen oder zum Fleischfresser. Ich möchte eine gute Balance vermitteln und die Ursprünglichkeit fördern, dass Lebensmittel nicht geboostet, formverändert oder manipuliert werden müssen. Mit wenigen natürlichen Zutaten bekommt man ein wertvolles, nahrhaftes Essen.
Balance bedeutet: Schweinshaxe, Saumagen und Rindersteak haben nach wie vor ihre Existenzberechtigung?
Aber ja, das ist ja auch kulinarische Kultur, das sollte man nicht aus den Augen verlieren. Das isst man nicht jeden Tag, die Mischung macht das Gift. Solche Lebensmittel werden auch über unser Handwerk getragen, das langsam ausstirbt. Den guten Metzger, den guten Bäcker, die gibt es bald nicht mehr, wenn es so weitergeht. Das ist traurig. Viele rennen zum Discounter, angeln sich da ihre Brötchen und holen sich abgepackte Wurst.
Was war das schlimmste Produkt, das Sie bisher zerlegt und nachgekocht haben?
Light-Produkte sind ganz schlimm, das ist Horror. Man muss nur ein Element verändern, dann darf man es „light“ nennen. Da kann man beispielsweise den Zucker reduzieren und mehr Fett reinpacken.
Bräuchte es strengere gesetzliche Vorgaben für die Lebensmittelindustrie?
Ich glaube nicht. Wir brauchen nicht noch mehr künstliche Verkomplizierung unserer Bürokratie, die eh schon eine Katastrophe ist. Wir sollten eher junge Leute fördern, neue Ideen zu verwirklichen und Lösungen zu schaffen, statt überall alles zu regulieren und Formulare ausfüllen zu lassen. Wir sind so was von schwerfällig und künstlich bürokratisch geworden. Wobei es durchaus noch Bereiche gibt, in denen die Politik tätig werden sollte.
Welche?
Vor allem den Bereich Lebensmittelverschwendung. Man sollte unbedingt das Mindesthaltbarkeitsdatum auf beispielsweise Konserven, Zucker, Salz, Nudeln und trockenen Hülsenfrüchten abschaffen. Mit so einer kleinen Aktion könnte man eine große Wirkung erzielen. Wir schmeißen in Deutschland immer noch 300 Kilo Lebensmittel pro Stunde weg. Wir reden von CO2, wir reden von Wärmepumpen, Elektroautos, Solarstrom, aber wir könnten von heute auf morgen ganz viel CO2 einsparen, indem wir nicht mehr so viele Lebensmittel wegschmeißen.
Sie sind außergewöhnlich gut darin, Produkte nachzubauen ohne Zutatenliste. Welche Fähigkeiten braucht man dazu?
Das ist schwer zu sagen. Ich habe unbehandeltes ADHS und damit auch eine sehr gute Spontankreativität. Das ist eine Stärke. Ich kann mich in Dinge gut reinversetzen, mich gut reindenken. Das Wort „Gabe“ klingt immer so bescheuert, aber vielleicht kann ich so was einfach besonders gut.
Gibt es Produkte bei diesen Experimenten, bei denen Sie sofort wissen, das wird jetzt echt schwierig?
Na klar, wenn es pysikalische Prozesse gibt, die ich händisch nicht nachstellen kann wie bei einem Extruder. Ein Extruder drückt eine Masse durch eine Öffnung und gibt ihr Form. Das kann man nicht mal eben nachstellen.
Sie sind ja auch Produktentwickler. Was machen Sie in diesem Bereich?
Wir entwickeln Rezepturen, die auf maschinelle Art und Weise hergestellt werden können, zum Beispiel für Würzpasten. Dabei geht es um Lösungen, beispielsweise für Gewichtseinsparung oder gegen Verschwendung.
Zu Hause ist man ja auch immer wieder „Mahlzeitenentwickler“. Wie kann man für seine Kinder ohne großen Aufwand gesundes Essen zubereiten?
Alles in den Backofen zu werfen, ist beispielsweise eine einfache Kiste. Kartoffeln gehen immer. Ein Kürbis aus dem Backofen, dazwischen ein, zwei Chicken Wings mit einem leckeren Gewürz, das mag fast jedes Kind. Gut würzen ist wichtig, auch mal mutig sein. Oft wirkt auch ein Löffel Sojasauce schon Wunder. Gerade wenn man Kinder zu Hause hat, sollte man Essen auch mal bunt machen. Wenn sie gewisse Dinge nicht mögen, muss man diese halt zerkleinern, damit sie sie nicht sehen. Das ist ganz einfach. Wichtig ist auch, saisonal zu kochen, nicht immer nach Exoten aus dem Supermarkt zu greifen.
Sind auch mal Fertigprodukte in Ordnung?
Mein Gott, wo fangen Fertigprodukte an? Eigentlich umfasst das alles, was mehr als eine Zutat hat.
Also auch Nudeln, die ja die wenigsten Menschen selbst machen …
Genau. Ich denke, die Frage muss sich jeder selbst stellen und beantworten. Ein Teller Nudeln ist schnell gemacht, daran ist nichts Schlechtes.
Was ist eigentlich Ihr Lieblingsessen?
Chicken Wings liebe ich.
Kocht man als Koch auch in seiner Freizeit gerne?
Ich liebe das, ich koche zu Hause mehrmals die Woche.
Sie haben in mehreren Sendungen erwähnt, dass sie nicht gerne backen. Warum?
Brot und Pizzateig backe ich schon gerne. Aber ich hasse Kuchen. Den esse ich auch nicht gerne. Und ich mag es nicht, dass man beim Backen nicht nachjustieren kann, wenn der Teig mal im Backofen ist. Beim Kochen kann man noch eingreifen.
Koch, Fernsehdarsteller und Produktentwickler
Sebastian Lege (45) wurde in Bremen geboren und lebt in Meerbusch in Nordrhein-Westfalen. Der Koch durchlief nach seiner Ausbildung mehrere Stationen – darunter zuletzt als Küchenchef in einem Fünf-Sterne-Hotel. Seit 2011 ist er auch als Produktentwickler tätig und leitet seit vier Jahren ein Medien-Produktionsunternehmen. Bekannt ist Lege vor allem durch die zahlreichen TV- und Online-Formate, in denen er seit 2012 regelmäßig auftritt. Darunter sind „ZDFzeit“-Formate, Auftritte im „ZDF-Fernsehgarten“, bei „Galileo“ auf ProSieben, im ZDF-Magazin „Volle Kanne“ oder bei „Stern TV“, ab 2016 auch in seiner eigenen Sendung. Lege ist unter anderem Botschafter der Spendenorganisation „It‘s for Kids“.


