Gute Vorsätze
: Glücksforscher: „Wir sind nicht unbedingt glücklich, wenn wir erfolgreich sind“

Fürs neue Jahr kann man sich allerhand vornehmen – auch, glücklicher zu werden. Was Müsli und eine Blaskapelle damit zu tun haben können, erklärt Glücksforscher Christian Thiele.
Von
Thomas Veitinger
Ulm
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Glücksforschert Christian Thiele

Für Coach und Sprecher Christian Thiele macht es durchaus Sinn, nach seinem eigenen Glück zu suchen. Glückliche Menschen leben länger.

FLORIAN BACHMEIER
  • Glücksforscher Christian Thiele erklärt, wie man im neuen Jahr glücklicher werden kann.
  • Soziale Interaktionen, sinnvolle Aktivitäten und persönliches Wohlbefinden sind Schlüssel zum Glück.
  • Geld spielt eine Rolle, aber übermäßiger Fokus auf materiellen Besitz kann unglücklich machen.
  • Glückliche Menschen leben länger und neigen weniger zu extremistischen Parteien.
  • Experimentieren und kleine Freuden im Alltag genießen, sind wichtige Strategien.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn man sich nur eine Sache für das neue Jahr wünschen dürfte, wäre es vermutlich: Glück. Denn Glück fasst alles zusammen, was wir uns wünschen. Dabei haben Menschen ein unterschiedliches Glücksempfinden, sagt Glücksforscher Christian Thiele. Warum es schwierig ist, langfristig glücklicher oder unglücklicher zu werden.

Für manche Menschen bedeutet Glück, wenn ihr Computer läuft ...

Wir haben in der deutschen Sprache das Problem, dass das Wort Glück mit vielen verschiedenen Dingen belegt ist. Im Englischen gibt es das Wort „luck“, das Zufallsglück, etwa im Lotto. Dann aber auch „happiness“ für Wohlbefinden, Zufriedenheit. „Glück“ kann im Deutschen etwas Sinnvolles bedeuten, Lebensglück oder ein Glücksmoment am Strand, wenn die Beine hochgelegt und eine Piña Colada bestellt werden.

Kann man sich fürs neue Jahr vornehmen, glücklicher zu werden?

„Glück ist nicht das Ziel einer Reise, sondern das Ergebnis der Umwege“, heißt es in einem Sprichwort. Und da ist was dran: Zunächst sollten wir wissen, was für uns Glück bedeutet. Glück hängt häufig mit anderen Dingen zusammen, als wir glauben. Drei Kilo abzunehmen, den vierten Porsche daheim stehen zu haben, so und so viele Likes auf Instagram zu erreichen, macht uns in aller Regel weniger glücklich und weniger lange glücklich, als wir glauben.

Hat es dann Sinn, danach zu suchen?

Ja, wir sind sehr soziale Wesen. Gelungene Momente mit anderen zu erleben, sich in einen Verein einzubringen, in eine Partei, in die Nachbarschaftshilfe, in ein Ehrenamt, in eine Musikkapelle, kann alles glücklich machen. Aber auch Erfolge zu haben, Momente des Weiterkommens. Das sind natürlich alles Dinge, die wir uns vornehmen, planen können.

Aber wir sollten schon wissen, wo wir suchen sollten?

Dieses diffuse ,Ich muss das unbedingt schaffen!‘ ist nichts, wenn man nicht weiß, wie es sich erreichen lässt. Man sollte schon eine Vorstellung davon haben und Gedanken daran verschwenden, wie es sich erreichen lässt. Im schlimmsten Fall könnte ein zwanghaftes Fokussieren auf dauerpositive Gestimmtheit sogar dazu führen, dass sowas wie Glücksstress entsteht, toxische Positivität. Glücksstrategien auf Biegen und Brechen durchzuziehen wäre falsch.

Winkekatze illustriert

Diese illustrierte Winkekatze schaut schon mal glücklich. Sie soll unter anderem Wohlstand bringen.

©runrun2/adobe.stock.com

Die Suche nach dem Glück kann unglücklich machen?

Natürlich wollen wir zum Licht, auf die Sonnenseite des Lebens. Glück ist etwas Attraktives. Aber ob dabei die 37 Wege zum Glück aus einer Publikumszeitschrift helfen, bezweifle ich. Was bringt es uns, wenn wir auf einer Glücksskala den Schritt von sieben auf acht Punkte schaffen? Wir sollten uns anstrengen, unglückliche Umstände zu beseitigen und das ganz persönliche Glück zu suchen. Was mich glücklich macht oder glücklicher macht, das muss andere Menschen nicht unbedingt glücklich oder glücklicher machen. Ich bin zum Beispiel ein leidenschaftlicher Skitourengeher. Das macht meine Kinder, wenn sie mitgehen, manchmal ganz schön unglücklich. Für manche ist es die Modelleisenbahn daheim oder das Rumbasteln am Mofa. Für andere das Singen im Kirchenchor, der eigene Garten, eine Kreuzfahrt.

Experimentieren ist wichtig?

Ja. Aber die Forschung legt nahe: Generell alles, was in irgendeiner Form mit dem Gefühl von Sinnhaftigkeit zu tun hat, dem Verbinden mit anderen Menschen, hat gute Chancen, die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben zu erhöhen. In sich hineinspüren und vielleicht auch mit der Partnerin oder dem Partner überlegen, was es für Möglichkeiten gibt, könnte ein Weg sein. Was sind das für Dinge, die mir guttun, die mir Kraft geben, die uns vielleicht auch als Team, als Familie guttun? Wie lässt es sich punktuell, aber systematisch in den Alltag einbauen? Sinnvolles und Bedeutsames ist eben tendenziell wirksamer als sehr flüchtige Konsumerlebnisse.

Lohnt sich Glück?

Absolut. Wir wissen aus vielen Studien, dass Glück ein höheres Wohlbefinden in vielerlei Hinsicht bedeutet. Es gibt verschiedene Skalen, über die man Glück auch messen kann. Glückliche leben länger. Es gibt Studien aus Skandinavien, die darauf hinweisen, dass unglückliche Menschen dagegen deutlich eher dazu neigen, extremistische Parteien zu wählen. Und da wird Glück und Sinnempfinden als Teil von Wohlempfinden eben auch plötzlich gesellschaftlich und politisch relevant.

Eine uralte Frage: Macht Geld glücklich?

Das ist eine wichtige und komplizierte Frage. Ich möchte sie umgekehrt beantworten. Sind Menschen, die sehr wenig Geld haben, unglücklich? Tendenziell ja. Wenn ich als alleinerziehende Mutter bei jedem Schulausflug überlegen muss, ob ich meinem Kind eine Teilnahme ermöglichen kann, ob ich ihm einen warmen Anorak kaufen kann, macht das sicherlich nicht glücklich. Wenn Entscheidungen immer unter der Knappheit des Geldes leiden, dann hat es auch negative Auswirkungen auf unsere Teilhabe, das Einbringen, damit auch das Wohlbefinden. Die Wichtigkeit von Geld hängt von der Kultur ab, in der wir leben und dem Kontext. Ob wir uns an anderen orientieren, etwa am Nachbarn. Arbeitslosigkeit ist ein ziemlich zuverlässiger Prädiktor für Unglück.

Also ist der Job für Glück wichtig?

Absolut. Wir verbringen etwa ein Drittel unserer wachen Lebenszeit in der Arbeit oder mit Arbeit. Und Arbeit kann eine ganz wesentliche Quelle von Glück und Wohlbefinden sein. Wir würden uns in den meisten Fällen auch viel vergeben, wenn wir das nicht nutzten. Gleichzeitig gibt es natürlich auch Jobs und Arbeitszusammenhänge, die massiv unglücklich und krank machen. Etwa wenn ein extrem autoritärer Führungsstil herrscht, es mehr Gegeneinander statt Miteinander oder Füreinander gibt. Ich rate davon ab, sich einfach nur zu sagen: ,Ich denke mir den Job glücklich‘.

Ist Glück für den Job überhaupt wichtig?

Zufriedenheit ist wichtig für die Arbeitsleistung. Sinnhaftigkeit, Arbeitszufriedenheit, aber auch höheres Gehalt, gute Bewertungen durch den Chef, führen zu höherer Loyalität und geringerer Neigung zu kündigen. Es lohnt sich für Führungskräfte und Arbeitgeber, auf das Wohlempfinden und Glück der Arbeitnehmer zu achten. Was aber nicht heißt, dass ich die ganze Zeit wie ein Clown durch die Gegend laufen und Spaß machen muss. Das wäre ein Missverständnis. Wir sind nicht unbedingt glücklich, wenn wir erfolgreich sind, sondern wir sind tendenziell dann erfolgreicher, wenn wir glücklicher sind. Das merken Kunden, das merken Lieferanten, das merken Chefs.

Wenn Arbeitgeber in ihre Mitarbeiter investieren, dürften auch sie selbst glücklicher werden. Denn Geld für andere ausgeben macht glücklicher als für sich selbst...

Das ist richtig. Es gibt Studien, nach denen freiwilliges Engagement, Spenden, also prosoziales Verhalten zu höheren Glücksgefühlen führt als reiner Konsum.

Können auch weniger glückliche Menschen ein schönes Leben haben?

Treffen sich der Optimist und der Pessimist. Sagt der Optimist zum Pessimist: ,Wir leben übrigens länger! Sagt der Pessimist: ,Geschieht euch recht.‘ Das bringt's, glaube ich, ganz gut auf den Punkt. Interessanterweise stellen wir fest, dass wir tendenziell einen individuellen Fixpunkt haben im Glücksempfinden, der sich nicht wahnsinnig stark verändert, weder nach oben noch nach unten. Lottogewinner sind nach etwa einem Jahr, in dem sie viel Neues machen, tendenziell nicht weit von ihrem Ausgangsniveau entfernt. Das gilt auch für Menschen mit schweren Schicksalsschlägen, die einen Partner verlieren, einen Unfall hatten, eine Behinderung erleiden. Der Glückspunkt an sich ist aber bei jedem unterschiedlich.

Wie kommt es zum unterschiedlichen Glücksempfinden?

Das wissen wir noch nicht genau. Gene, Erziehung, Eigeninitiative spielen eine Rolle. Ich glaube, wir unterschätzen häufig, dass wir aber durchaus einen subjektiven Einfluss auf unser Wohlbefinden haben können. Auch in Zeiten, in denen im Außen so viel Unzufriedenheit, so viel Ungewissheit, so viel Unmut und auch so viel Umbruch ist, politisch und wirtschaftlich. Wir können unseren Partnern und Mitarbeitenden etwas Gutes tun, wenn wir immer wieder auf Quellen von Positivität schauen.

Wer ein Ziel hat, wer sich die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns und Lebens vor Augen führt, kommt auch besser durch schwere und unübersichtliche Zeiten, heißt es.

Ja, wer sich als Teil eines größeren Ganzen sieht und weiß, was sein Tun bewirkt, kann für andere Menschen eine große Quelle von Zufriedenheit, Wohlbefinden, Glück darstellen. Leid, Trauer, Zweifel sollten aber nicht aus einer falsch verstandenen toxischen Positivität aus dem Leben gestrichen werden.

Das Ganze hat doch auch eine kulturelle Note. Es gibt Gesellschaften, die glücklicher sind als andere.

Ja, das stimmt. Das hat auch kulturelle und ökonomische Faktoren. Skandinavische Länder liegen oft im Glücksindex sehr weit vorn. Ich denke, eine wichtige Erklärung ist, dass die Menschen dort sich durch den starken Sozialstaat viel weniger Sorgen machen müssen. Studien legen nahe, dass eine größere Gleichheit und eine größere Homogenität auch eher dafür sorgen, dass Menschen auf nationaler Ebene ein Stück glücklicher sind. Wenn die Einkommensunterschiede zu groß werden, steigt die Gefahr, dass das Land insgesamt unglücklicher wird mit vielen negativen Auswirkungen etwa auf Gesundheit und Produktivität.

Warum gibt es weltweit Glückssymbole?

Eine spannende Frage. Vielleicht ist es auch das Bedürfnis, dieses sehr abstrakte, subjektive, schwer greifbare Haschen nach Glück in ein kleines Objekt zu kondensieren, was ich dann am Autospiegel habe oder am Schlüsselanhänger. Und das kann vielleicht auch gar nicht schlecht sein, wenn mich so ein Anker daran erinnert, bestimmte Dinge nicht aus dem Auge zu lassen. Dinge, für die ich dankbar bin, Dinge, die mir gut tun, Dinge, die mich mit anderen verbinden. Dinge, die mir das Gefühl vermitteln, ich tue hier was Sinnvolles auch in schwierigen Zeiten.

Was macht Sie ganz persönlich denn glücklich?

Meine Frau und die Kinder sind ein ganz wichtiger Quell von Glück und Glückseligkeit. Ich komme aus den Bergen, war lange in Berlin und noch weiter im Ausland und empfinde es als ein großes Glück, nun in den Bergen leben und mit Skiern unterwegs sein zu dürfen, am besten mit Kameraden. Durch die Beschäftigung mit positiver Psychologie habe ich gelernt, kleine Freuden zu genießen: Einen Espresso in der Sonne etwa. Meine Frau macht mir morgens manchmal ein Müsli mit frischen Früchten, das koste ich auch aus. Ja, und natürlich machen mich meine sozialen Verbindungen, Freundschaften, gute Momente mit anderen Menschen glücklich. Wenn ich nicht den Verlockungen und Möglichkeiten durch Handy und Co. erliege.

Also sind Sie ein glücklicher Mensch?

Ich würde von mir selber sagen, dass ich mittelmäßig begabt bin in Sachen Glück. Aber ich verstehe mich durch die Beschäftigung mit Glück in vielen Situationen auch ein Stück glücklicher zu machen. Aber da ist noch Luft nach oben bei mir.

Zur Person

Christian Thiele ist eine ganze Menge: Coach, Teamentwickler, Trainer, Sprecher. Er hat Bücher geschrieben („Positiv Führen für Dummies“, „Stärken kennen und nutzen“ und andere) und ist Vorstandsmitglied im deutschsprachigen Dachverband für Positive Psychologie. Der 51-Jährige unterrichtet im Studiengang für Positive Psychologie an der Hochschule für Sport und Gesundheit. Thiele hat zwei Kinder im Alter von 14 und 17 Jahren und lebt in Garmisch-Partenkirchen.