Experten warnen vor KI-Blase
: Angst vor weltweitem Börsencrash

Schwache US-Konjunkturdaten, weltweite Rezessionsängste, das Ende der KI-Euphorie:  Zu Beginn der Woche rauschen die Börsen weiter nach unten – auch im Dax herrscht Ausverkaufsstimmung.
Von
Sabine Rößing und Alexander Bögelein
Frankfurt am Main
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Markets Continue To Drop Sharply On Recent Economic Reports: NEW YORK, NEW YORK - AUGUST 02: Traders work on the floor of the New York Stock Exchange during afternoon trading on August 02, 2024 in New York City. Stocks closed low after the July jobs report showed a slow down in the labor market, with the Dow Jones closing with a loss of over 600 points after being nearly down 1000 points and Nasdaq closing at a loss of over 400 points.   Michael M. Santiago/Getty Images/AFP (Photo by Michael M. Santiago / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / Getty Images via AFP)

Börsenhändler in der New York Stock Exchange: In den USA braut sich ein ungutes Gemisch  zusammen. Die hohen Kurseinbrüche von Technologiewerten ziehen die Aktienindizes weltweit nach unten.

MICHAEL M. SANTIAGO/AFP

Die massiven Einbrüche an den asiatischen Börsen in Tokio (minus 12,4 Prozent) und Südkorea (mehr als 10 Prozent im Minus) haben zu einem weiteren Ausverkauf der Aktien in Europa geführt: Der deutsche Leitindex sackte am Montag (5. August) im Tagesverlauf um mehr als drei Prozent auf 17.1075 Punkte ab und erreichte damit das Niveau von Ende Februar.  Zugleich fiel das Börsenbarometer unter die viel beachtete 200-Tage-Durchschnittslinie, die Hinweise auf den längerfristigen Trend an der Börse gibt. In den letzten Handelsminuten bis zum Handelsschluss des elektronischen Handelssystems Xetra konnte der Dax zwar seine Tagesverluste stark verringern. Dennoch verlor das wichtigste deutsche Börsenbarometer 1,82 Prozent auf 17.339 Punkte. Für die  vergangenen drei Handelstagen ergibt sich damit ein Minus von mehr als acht Prozent.

In den USA ging zum Start des Börsenhandels am Montag der Ausverkauf weiter. Vor allem Technologietitel verloren erneut drastisch. Für Apple, Microsoft, Nvidia ging es in den ersten Stunden zwischen 3,5 und 8 Prozent abwärts.  Für Millionen von Aktien- und Fondsbesitzern dürfte der Blick in ihr Wertpapierdepot keine große Freude bereiten, vor allem jenen, die auf die großen US-Technologiewerte gesetzt haben. Dort gab es Ende vergangener Woche herbe Kursrücksetzer, die sich in den vergangenen Tagen ausgeweitet haben. Dementsprechend heftig schmolz das Wertpapiervermögen in den Depots der Anlegerinnen und Anleger.

Schlimmste Verluste seit zwei Jahren

Der Börsencrash auf Raten hatte sich bereits Ende der vergangenen Woche angedeutet: Der Amazon-Kurs beispielsweise brach am Donnerstag und Freitag um rund 11 Prozent ein. Der Kurs von Halbleiter-Riese Nvidia an den beiden Tagen um fast 12 Prozent, wobei der in den vergangenen Monaten hoch gehypte US-Konzern seit Mitte Juni mehr als ein Viertel seines Börsenwertes verloren hat. Bis vor kurzem kannten die Kurse der „Magnificent 7“, also Apple, Meta, Alphabet, Microsoft, Amazon, Nvidia und Tesla, nur eine Richtung. Sie waren der Haupttreiber für die beispiellose Börseneuphorie in den vergangenen Monaten und profitierten von den immensen Erwartungen an die Künstliche Intelligenz (KI). Mehr als 30 Allzeithochs hatte der US-Index S&P 500 allein von Januar bis Ende Juni aufgestellt. Für rund die Hälfte der gesamten Kursgewinne waren die „Glorreichen Sieben“ verantwortlich. Doch das ist Geschichte.

Seit Mitte Juli geht es aber vor allem an der US-Technologiebörse Nasdaq abwärts. Beobachter sprechen von den schlimmsten Verlusten seit zwei Jahren. Insgesamt vernichtete der Einbruch bei den Aktien der Big Seven in diesen Tagen mehr als eine Billion US-Dollar. Dem Negativ-Sog können sich auch andere Märkte nicht entziehen – von Japan bis Großbritannien.

Weltweite Kurs-Einbußen

Der Deutsche Aktienindex hat am Donnerstag und Freitag jeweils mehr als zwei Prozent verloren. Der Wochenverlust von 4,1 Prozent ist der höchste seit zwei Jahren. Damit schmilzt für 2024 der Dax-Gewinn auf 5,4 Prozent. Beobachter sehen für den Absturz der Kurse mehrere Gründe. Die jüngst schwachen US-Konjunkturdaten drücken auf die Stimmung und schüren neue Rezessionsängste. In dieser Phase der Verunsicherung belastet auch die Lage in Nahost die weltweiten Märkte, weil dort das Risiko einer Ausweitung des Krieges in der Region gestiegen ist.

Allen voran steht jedoch die Enttäuschung über die aktuelle Entwicklung der US-Technologiewerte. Ausgelöst wurde diese durch die Quartalszahlen, die von Apple und Amazon in der vergangenen Woche vorgelegt wurden – und das, obwohl die Zahlen zum Teil leicht über den Erwartungen gelegen hatten. Vor diesem Hintergrund lautet die Einschätzung von Jochen Stanzl, Chefanalyst beim Broker CMC Markets: „Die Erwartungen an die ‚Glorreichen Sieben‘ liegen einfach zu hoch.“ Arne Rautenberg, Fondsmanager bei Union Asset Management, ergänzt: „Die Kursbewegung war zeitweise extrem und ist womöglich stellenweise zu weit nach unten gegangen – zumal es oftmals keine fundamentalen Gründe auf Unternehmensseite dafür gab.“

Beobachter fragen sich, ob die negativen Kursausschläge womöglich das Ende des KI-Börsenwunders ankündigen und wie lange Nvidia & Co. den Börsenboom noch tragen werden. Mehr noch: Anleger begannen zuletzt, in ihren Portfolios zugunsten länger vernachlässigter Bereiche umzuschichten. Fonds für kleinere Unternehmen, sogenannte Small Caps, erlebten in den USA Zuflüsse in Milliardenhöhe. Andere Investoren nehmen die erzielten Kursgewinne mit und ersetzen in ihrem Depot Tech-Werte durch sogenannte Standard-Werte, also Aktien von hoher Qualität und hohem Bekanntheitsgrad.

Hintergrund dieser Umschichtung bei Profi-Investoren ist die Sorge, dass sich die notwendigen und extrem hohen Investitionen in Rechenzentren nicht schnell auszahlen: Denn momentan gibt es schlicht noch zu wenig KI-Anwendungen, die Umsatz bringen. Von einer nachlassenden KI-­Euphorie spricht Mirko Maier, Technologie-Analyst bei der ­Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Außerdem reife die Erkenntnis, dass sich die explodierenden Investitionen wegen der technischen Trainings-Anforderungen großer Sprachmodelle später und nicht bei allen Playern gleichermaßen amortisieren dürften. Mittlerweile warnt nicht nur die Investmentbank Goldman Sachs vor einer Blase, sondern auch die Risikokapital-Beteiligungsgesellschaft Sequoia und der US-Investor Elliot. Letzterer ist der Auf­fassung, KI werde überbewertet. Viele Anwendungen seien noch nicht reif, echte Produktivitätssteigerungen gebe es bisher kaum.

Überfällige Korrektur nach überhitzten Kursen

Der Deutsche Aktienindex ist am Freitag (2. August) unter die Marke von 18.000 Punkten gerutscht. Er ging mit einem Minus von 2,33 Prozent auf 17.661 Punkte aus dem Handel. Große Sorgen machen sich Analysten wegen der Börsentalfahrt bisher nicht. „Der Markt ist sehr heiß gelaufen.“ Da tue es gut, dass es Korrekturen gebe. Das sei gesund, erläutert Marc Decker, Wertpapierexperte bei der Privatbank Merck Finck. Anleger sollten aber weiterhin investiert bleiben.