Aktienmärkte erholen sich
: Die Wahrheit hinter dem Börsenbeben

Dem Absturz der Börsen folgt einen Tag später die überraschende Kurserholung. Doch die Verunsicherung über die Zinsentwicklung bleibt. Zudem wird deutlich, was den globalen Fast-Börsencrash ausgelöst hat.
Von
Alexander Bögelein
Frankfurt am Main
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Börse in Frankfurt/Main: ARCHIV - 16.03.2020, Hessen, Frankfurt/Main: Die Bronzeplastiken von Bulle und Bär stehen vor dem Gebäude der Frankfurter Wertpapierbörse. (zu dpa: «Dax sackt erneut ab - Asiens Börsen knicken ein») Foto: Frank Rumpenhorst/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Bronzeplastiken von Bulle und Bär vor dem Gebäude der Frankfurter Wertpapierbörse: Die vergangenen Tage regierten die Bären und schickten die Kurse auf Talfahrt. Am Dienstag meldeten sich die Bullen zurück. Der Bulle steht für steigende Preise. Wie die beiden Tiere zu Börsensymbolen wurden, ist nicht sicher. Nach einer heute weit verbreiteten Erklärung soll das mit dem unterschiedlichen Kampfverhalten der beiden Tiere bei Schaukämpfen im 17. Jahrhundert in der Nähe der Londoner Börse zu tun haben.

Frank Rumpenhorst/dpa

Was für ein abrupter Wechsel! Am Montag noch fast panikartige Verkäufe an den weltweiten Börsen und die Angst vor einem weltweiten Crash. Einen Tag später erholen sich die Kurse auf breiter Front. Der japanische Leitindex Nikkei, der am Montag (5. August) um mehr als zwölf Prozent abgestürzt war, schoss am Dienstag um mehr als zehn Prozent in die Höhe. Auch der deutsche Aktienindex legte am Dienstag (6. August) wieder zu, nachdem er seine Tagesverluste zum Handelsschluss am Montag bereits deutlich reduziert hatte. Binnen drei Tagen hatte das  Börsenbarometer mehr als 1100 Punkte verloren, am Dienstag überwand es wieder die 200-Tage-Durchschnittslinie, die den längerfristigen Trend an der Börse anzeigt.

Die Lage habe sich erst einmal beruhigt, urteilt Analyst Jochen Stanzl vom Handelshaus CMC Marktes. Auch wenn es das Rezessionsgespenst wieder zurück auf das Parkett geschafft habe, finde diese Furcht vor einem wirtschaftlichen Abschwung momentan nur in den Köpfen der Anleger statt. Wirklich belastbare Beweise gebe es nicht. Schon am Montag hatten mehrere Analysten erklärt, der Kursabsturz sei nicht mit fundamentalen Gründen zu erklären, auch wenn die US-Arbeitsmarktzahlen auf ganzer Linie enttäuscht hätten. Die Experten von Capital Economics halten dennoch eine „weiche Landung“ der US-Wirtschaft noch immer für das wahrscheinlichste Szenario.

Spekulation mit Zinsdifferenzen löst Talfahrt aus

Doch wie kam es eigentlich zu diesem Ausverkauf und Kursabsturz? Am Tag danach sind sich die Experten einig. Eine zentrale Rolle spielte die überraschende Zinserhöhung der japanischen Notenbank.  Diese führte zur Auflösung von sogenannten Carry-Trades, sagte Michael Koehler, Senior-Kredit-Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, bei einer Online-Konferenz. Die Zinserhöhung in Japan verhagelte den Investoren ein beliebtes Geschäftsmodell. Und das geht so: Sie leihen sich Geld in einer Währung mit niedrigem Zins (in diesem Fall in Japan) und investieren es in Währungsräumen mit hohem Zins, wie beispielsweise in den USA und der Euro-Zone. Dafür setzen die Investoren Fremdkapital ein. In dem Moment, als die Zinsen in Japan stiegen, der Yen gegenüber dem Dollar zulegte und sich die Kosten für die Kredite in Yen erhöhten, kam das Geschäftsmodell ins Rutschen.

Obendrein wuchs auf einmal die Angst vor einer Rezession der US-Wirtschaft und ebenso die Erwartung, dass es zu einer Zinssenkung in den USA kommt. Daher verkauften viele Investoren ihre Wertpapiere, um ihre Kredite in Yen zurückzuzahlen und lösten so den Kursrutsch aus. Stephanie Link, Chefstrategin des Vermögensverwalters Hightower sagte dem „Handelsblatt“, sie gehe davon aus, dass 80 Prozent der Kursverluste vom Montag auf den Carry-Trade zurückzuführen waren.

Einmal mehr bewahrheitete sich der Grundsatz: Die Börse übertreibt gerne – nach oben wie nach unten, liegt aber auf längere Sicht im Großen und Ganzen richtig.