Zehn Tage nach dem Pascha-Auftritt von Friedrich Merz wurde das Thema bei „Markus Lanz“ am Donnerstag, 19.01.2023, erneut diskutiert. Wie steht es um unser Bildungssystem, welche Rolle spielt dabei die Migration und was muss jetzt getan werden?
Darüber diskutierten diese Gäste im Studio:
  • Daniel Günther (Politiker): Der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins (CDU) setzt in seiner Politik stark auf Bildung
  • Roman Pletter (Journalist): Der Zeit-Journalist recherchiert und schreibt regelmäßig Artikel zum Thema Aufstiegschancen durch Bildung
  • Heinz-Peter Meidinger (Pädagoge): Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes äußert sich zu Mängeln im Bildungssystem, dem Fehlen von Lehrkräften und seiner Forderung nach einer Migrantenquote für Schulklassen.
  • Cordula Heckmann (Schulleiterin): Die von ihr geführte Rütli-Schule in Berlin-Neukölln wandelte sich von der Problem- zur Vorzeigeschule. Heckmann erzählt, mit welchen Maßnahmen und Konzepten das gelang.
Den Start machte allerdings ein Einspieler von Friedrich Merz:
Knapp die erste Hälfte der Sendung hatte Lanz für das Thema reserviert und es zeichnete sich schon gleich zu Beginn ab, dass die Kombination der Themen Bildung und Migration bestenfalls unglücklich ist.
Die lachende Ergänzung von Markus Lanz, dass wir dort ja über unsere Kinder sprechen, die Merz sogar abschieben wollte, machte das mehr als deutlich.

Detailfragen, Studien und die Lebenslüge der Konservativen

Von Merz‘ populistischer Pascha-Aussage bis zu einer bildungspolitischen Lösung ist es ein weiter Weg. Das spiegelte sich auch in der Diskussion wider. Lanz bemühte sich sowohl Detailfragen („Wie bringen Sie die Eltern in die Schule“ an Frau Heckmann) zu besprechen, genügend Raum für zitierte Statistiken und Studien zu lassen (Herrn Meidinger: ein Fünftel der Kinder der 4. Klasse erreicht die Mindeststandards nicht) und auch grundsätzlich die Bildungspolitik infrage zu stellen.
Laut Zeit-Journalist Pletter suggeriere die Aussage von Friedrich Merz, das Thema hätte mit „uns“ nichts zu tun. Er fuhr fort: „Das hat mit der Lebenslüge der Konservativen zu tun, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei.“
Obwohl es zum Teil von den anderen Gästen erwähnt wurde, war es erneut Pletter, der sehr deutlich machte, dass es sich nicht um ein Problem von Migranten handele, sondern das vor allem arme Kinder betrifft, auch wenn Familien mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich oft von Armut betroffen sind.
Zwischendurch durfte Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, immer wieder Probleme und Lösungen für einzelne Bereiche der Bildung präsentieren, schaffe es allerdings nicht grundsätzliche Fragen und die Größenordnung der Probleme auf den Punkt zu bringen.
Es folgte eine längere Aufarbeitung der Geschichte der Rütli-Schule in Berlin mit der Schulleiterin Cordula Heckmann. Von Anekdoten bis zu den besonderen Lösungsansätzen blieb vor allem eines von Frau Heckmann hängen: Bereits 2006 hatte der Campus-Rütli dem Berliner Senat geschrieben, sie bräuchten eine Berufswerkstatt für die Kinder, die Schwierigkeiten hatten zu lernen. Das werde sie aber wohl aktiv nicht mehr erleben.
Wenn es das bis hierhin nicht sowieso schon war, machte es deutlich, wie alt das Thema ist. Wer die Wahlkämpfe der letzten 30 Jahre beobachtet hat, dürfte sich ohnehin fragen, wohin das ganze versprochene Geld für Bildung verschwunden ist.

„Warum dauert das so lange, Herr Günther?“

Passenderweise sollte jetzt der einzige Politiker der Runde in die Mangel genommen werden. „Warum dauert das so lange?“ fragte Lanz Daniel Günther, den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein (CDU). Es folgte eine Erinnerung daran, wie Politiker in Talkshows auftreten.
Zur Kitapflicht, die er richtig finde, sagte er: „Wir diskutieren im Moment darüber.“ Das machte deutlich wie weit wir in der Thematik seit dem Rütli-Brief schon gekommen sind. Richtigerweise ergänzte er, dass die begrenzte Ressource nicht nur Geld sei. Vor allem Menschen müsse man finden, die sich für den Bereich begeistern. Leider fehlte die Transferleistung, wie man das lösen könnte.

Fazit: Keine Spur von Doppel-Wumms

Am deutlichsten fasste den Abend Hans-Peter Meidinger zusammen. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, wir haben ein Handlungsproblem.“
Insbesondere nachdem Mitte November der Soziologe Aladin El-Mafaalani – auch bei Lanz – sehr deutliche Worte zum Zustand des deutschen Bildungssystems fand und den Bildungs-Doppel-Wumms von Olaf Scholz forderte, wirkte die Diskussion dünn, unmotiviert, wenn nicht sogar unnötig.