Nur nicht aufmucken! „Wer dem Unrecht in den Arm fällt/ Den will man nirgendwo haben./ Wer über die Rohheit in Zorn gerät/ Der lasse sich gleich begraben./ Wer die Gemeinheit nicht duldet/ Wie soll der geduldet werden?“ Bertolt Brecht hat das gedichtet, vor auch schon bald 86 Jahren. Und als Opferbeispiel diente dem Macho eine Frau.

Die Szene spielt in einem Filmstudio in Hollywood; Anna, eine Statistin, nimmt einem Starschauspieler die Peitsche weg, weil der ein Pferd misshandelt. Schwerer Fehler. Nur wenn sich Anna auf die Knie wirft und dem Mann die Hand küsst, wird sie weiterbeschäftigt. „Die sieben Todsünden“ heißt das Ballett mit Gesang, das Kurt Weill 1933 komponierte. Eine olle kapitalismuskritisch-nostalgische Kamelle? Gar nicht mal so, in MeToo-Zeiten.

Es hat also Anna sich in den großen Städten als Tänzerin und Prostituierte zu verkaufen, damit die Familie mit dem Geld ein Häuschen bauen kann – das ist die Geschichte der moralischen Anklage. Vor Faulheit, Habgier oder Wollust muss sie sich hüten, das sind ihre kleinbürgerlichen Sünden, aber das sind, andererseits, die Tugenden der anderen in der patriarchalischen Gesellschaft, die es sich leisten können. Nette Parabel auf die strukturelle Gewalt, sagt sich Anna-Sophie Mahler in Stuttgart und zeigt das auch kunstvoll abgeklärt. Doch dann kommt im Schauspielhaus Peaches auf die Bühne, die Sängerin und Top-Performerin der feministischen und queeren Szene, und dreht den Spieß um, zieht eine Electroclash-Show ab, bei der, mit Verlaub, selbst Brecht den Schwanz eingezogen hätte. „Fuck the pain away“, empfiehlt sie den Geschlechtsgenossinnen.

Und ähnliche Lyrik mehr, die wir jetzt lieber nicht ausführlich zitieren. Das Magazin „Rolling Stone“ beschrieb das Debütalbum der Kanadierin, „The Teaches of Peaches“, als „surreal lustig und versaut“, und so darf man sich das auch vorstellen. Sie ist kein Opfer, schon gar keine Frauenfigur in einem epischen Theater, sondern eine furios singende, also selbstbestimmt handelnde Punk-Ikone, die keine Sünden kennt, sondern sie auslebt: „Seven Heavenly Sins“ heißt der zweite Teil dieses Abends der Staatstheater. Zorn, Stolz, Wollust, jetzt aber wirklich und „himmlisch“ provokant. Auch das ist Dialektik, nur nicht von Brecht. Tolle Dramaturgie.

Die Staatstheater – das ist wörtlich zu nehmen: Es ist die erste Kooperation der drei Sparten seit 23 Jahren. Die Staatsoper ist mit dem Staatsorchester unter Leitung von Stefan Schreiber dabei und auch einem Gesangsquartett – die Herren, die als „Familie“ karikierend den Weg von Anna begleiten, treten als Ringrichter auf. Denn die „Sieben Todsünden“ sind, sehr brechtisch, hier als Boxkampf inszeniert. Es treten an im Ring und verausgaben sich mit ungeheurem körperlichen Einsatz: Schauspielerin Josephine Köhler und Tänzer (und Choreograf) Louis Stiens. Peaches aber kann nicht nur Electro, sondern auch Weill, und singt in Lotte-Lenja-Klasse die Songs.

Sex und Beats

Schlager-Sound mit Streicher-Schnulze, Walzer-Demo und pfiffige Rhythmen. Dann aber tritt Josephine Köhler aus der Rolle und stellt klar: „Ich spreche als Proletarierin der Weiblichkeit.“ Und Peaches, vielbrüstig behängt im Trash-Outfit bis hüllenlos, lebt das alles aus – auch im Riesenkondom. Eine Riesenparty, Anfeuerungsrufe.

Nach dem Sex- und Beat-Beben folgt ein Nachspiel in heiliger Verklärung: „The Unanswered Question“ von Charles Ives erklingt aus dem Off, ein ruhiger Streicher-Choral, in die eine Solo-Trompete ihr fragendes Motiv sieben Mal hineinstößt und dissonante Antworten erhält. So ist das Leben. Aber vor grellem Licht auf leerer Bühne steht charaktervoll die 64-jährige Melinda Witham, die seit der Cranko-Zeit ihre Tänzerinnenkarriere in Stuttgart verbracht hat und sich mit dieser Rolle verabschiedet. Da geht eine erfahrene, weise Frau, die am Ende mit sich im Reinen ist. Nach Brecht und Peaches ist das eine weitere Lesart von „Stolz“. Ein wunderbares Finale. Standing Ovations nach einer sensationellen Premiere.

Ein Kapitel Theatergeschichte


Kurt Weill und Bertolt Brecht, das war das Welterfolgs-Team der „Dreigroschenoper“, das 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ins Exil flüchtete – und sich in Paris zu einem letzten gemeinsamen Theaterprojekt traf. Weill hatte einen Auftrag der Truppe „Les Ballets 1933“ unter Leitung des Choreografen George Balanchine erhalten und wollte ein „ballet chanté“ komponieren, ein Ballett mit Gesang. Nachdem Jean Cocteau abgesagt hatte, kam Brecht als Textdichter ins Spiel. Die Uraufführung der „Sieben Todsünden“ fand am 17. Juni 1933 im Pariser Théâtre des Champs-Elysées statt.