Katharina Wieder hat eine Idee. Was, wenn man auf der Wilhelmsburg einen Ort schaffen könnte, an dem Stadt, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam an grünen Themen arbeiten? Einen Ort, wo viele unterschiedliche Leute Platz finden, einen, den es so noch nicht gibt in Ulm? Einen Ort, der von der Landesgartenschau zusätzlich befruchtet wird? „Das ist jetzt total gesponnen“, sagt die Projektentwicklerin, die sich bei der SAN um die Wilhelmsburg kümmert, und lacht.

Dabei ist die Realität vielleicht gar nicht so weit von ihrer Wunschvorstellung entfernt. 2030 kommt die Landesgartenschau (LGS) nach Ulm. Gewonnen hatte die Stadt den Wettbewerb mit der Idee, die Bundesfestung in den Mittelpunkt zu stellen und ein grünes Band von der Donau bis zur Wilhelmsburg zu knüpfen, Verkehrs-Unorte inklusive.

Gleichzeitig entwickelt sich die Burg stetig weiter: Vor drei Jahren hat die Stadt begonnen, sie innen wie außen zu erschließen, Räume saniert, einen Trakt für den Theatersommer nutzbar gemacht, den Innenhof gestaltet. Gerade hat die Verwaltung erneut einen Antrag für das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ gestellt. 30 Millionen Euro könnte sie in den kommenden fünf Jahren investieren, sollten alle Punkte gefördert werden. Und selbst, wenn nicht: Der Gemeinderat unterstützt die Wiederbelebung der Burg, auch im nächsten Jahr soll es wieder einen Sommer voller Kultur geben.

Burg im Fokus

Stellt sich also die Frage: Wie kann man beides miteinander verbinden, wie gemeinsam gestalten? „Das ist eine Riesenchance“, ist Wieder überzeugt. „Beide Projekte können voneinander profitieren.“ Gartenschaubesucher etwa könnten die Gastronomie nutzen, sie sich hoffentlich bis dahin in der Wilhelmsburg angesiedelt hat. Aber noch ist das Reden von der Zukunft eines, das meistens im Konjunktiv stattfindet.

Denn noch gibt es keine fixen Pläne für die Gartenschau, noch ist unklar, wie sich die Burg weiterentwickelt. Jochen Aminde, persönlicher Referent des Baubürgermeisters, entwirft zwei Szenarien: „Entweder boomt die Wilhelmsburg in zehn Jahren und ist randvoll – dann wird die LGS ausgebremst.“ Wenn der Innenhof bis dahin die gefragte Frei- und Erholungsfläche ist, brauche es die Schau an der Stelle gar nicht mehr. Dann würden sich die Ausstellungsflächen eher drumrum gruppieren. „Aber auch dann braucht es den Innenhof als Raum für die Gartenschau-Besucher“, ist Wieder überzeugt.

Oder es geht langsamer voran: „Dann könnte die LGS der Motor sein, der das Ding zum Laufen bringt“, sagt Aminde. Auch Wieder glaubt, dass die Schau die Burg in den Fokus rückt. „Durch so etwas werden Orte belebt, die man vorher nicht wahrgenommen hat. Nur durch Förderung kriegt man das nicht hin.“

Doch nicht nur Chancen, auch Konflikte könnten entstehen. Etwa auf einer Fläche südöstlich der Burg, die sich wohl am ehesten für den Bau einer Parkgarage eignen würde, bisher aber auch als Ausstellungsfläche für die Gartenschau gedacht ist. „Da muss man sich überlegen, was wichtiger ist“, sagt Aminde. Ähnliche Überschneidungen kann es überall in der Stadt geben.

Weshalb die Stadtverwaltung sich im Herbst zusammengesetzt hatte, um zu schauen, wie es weiter geht mit der LGS-Planung. Und um einen Schritt zurück zu machen und zu prüfen: Sind die Ziele einer unter enormem Zeitdruck entstandenen Bewerbung noch aktuell? Oder, wie Aminde es formuliert: „Wo wollen wir in zwölf Jahren sein?“

Wilhelmsburg muss mit dem Nahverkehr erreichbar sein

Wirklich sicher scheint nur eines zu sein: Eine Machbarkeitsstudie zur Erreichbarkeit der Wilhelmsburg mit dem Nahverkehr, die muss sein. Da sind sich Aminde und Wieder einig. Ob dann eine einfache Buslinie oder ein Anruftaxi reicht oder eher eine aufwendige technische Lösung für viele Jahre her muss, werde sich dann zeigen, glaubt Aminde.

Schon ist man damit bei der Seilbahn auf die Burg, einer Idee, die seit Jahren wie ein Wiedergänger immer mal wieder durch die Stadt geistert. Darauf angesprochen, wiegelt Aminde gleich ab: „Da hängt nicht mein Herz dran.“ Man müsse praktisch denken: Wenn bei der Machbarkeitsstudie, die die Stadt in Auftrag geben will, herauskommt, dass man mit einer Seilbahn viele Menschen befördern könnte und es einen guten Umsteigepunkt zur Straßenbahn gibt, wäre sie wohl eine Möglichkeit. Wieder ergänzt: „Wenn rauskommt: Es ist die wirtschaftlichste, sinnvollste, machbarste Art, da hochzukommen – warum nicht?“

Wenn aber etwa ein emissionsfreier Bus mehr Menschen befördert und billiger ist, sei das besser: „Wir können nicht zehn Millionen verbauen, weil’s nachher nett ist, aus der Kabine zu schauen.“ Auch hier wird es wieder auf das Zusammenspiel mit der Wilhelmsburg ankommen und darauf, wie weit man 2030 ist, betont Wieder: „Wenn wir oben nachher keine ausgebauten Räume haben und sie keiner nutzt, nützt uns auch die schönste Seilbahn nichts.“ Die beiden haben noch ganz andere Ideen: Wer weiß, ob nicht auch eine Zahnradbahn wie in Stuttgart möglich wäre? Oder ein Volocoptor wie in New York, also eine autonom fliegende Ein-Personen-Drohne?

Auch die Anwohner einbeziehen

Ergebnisoffen arbeiten ist das eine. Das andere: Die Anwohner am Michelsberg mitzunehmen. „Wie kann man das alles in einen sinnvollen Zusammenhang bringen?“, umreißt Katharina Wieder die Aufgabenstellung. Auch darum wird es in den nächsten Jahren gehen. Denn klar ist, dass spätestens zur Gartenschau viele Besucher Richtung Wilhelmsburg strömen werden.

Sie wird mit großer Sicherheit Teil des Hauptgeländes, das vom Blaubeurer Tor über die Wilhelmsburg bis hin zur Gaisenberg-Bastion reichen soll. Das hat pragmatische Gründe, erklärt Jochen Aminde: Es ist das Areal, das man am ehesten als Bezahlfläche abgrenzen kann, in dem es Schaugärten geben wird und wo Aktivitäten stattfinden werden.

Der zweite Bereich ist der, bei dem sich die Frage stellt: „Wo müssen wir als Planer die meiste Energie reinstecken?“ Das seien eher Orte wie die B 10 und das Ehinger Tor. „Das muss nicht unbedingt das interessanteste für die Bürger sein.“ Wohl aber fürs Fachpublikum.

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Workshop fürs Ehinger Tor


Verkehr Die Stadtverwaltung beschäftigt sich derzeit gemeinsam mit dem Büro Planstatt Senner mit einem zentralen Motiv der LGS-Bewerbung: der Frage nach der Verkehrsbelastung. Wie gehen andere Städte in Europa damit um? Gibt es andere Herangehensweisen als „nur“ Lärmschutz? Die größte Herausforderung bleibt weiterhin das Ehinger Tor. Aminde fragt sich, ob die dortige Organisation „der Weisheit letzter Schluss“ ist. 2019 soll es deshalb einen Expertenworkshop mit Verkehrsplanern und Landschaftsarchitekten geben, die sich verschiedene Varianten überlegen sollen. „Vielleicht könnte man die Flächen durch Umorganisation besser gestalten.“