Ulm / Jürgen Kanold  Uhr

Das mit dem Glück ist ja so eine Sache, vor allem in der Operette. In der „Fledermaus“ etwa lautet die Devise: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Aktiver Fatalismus, emotionale Verdrängungskunst; und mit Champagner wird am Ende der ganze Wahnsinn weggespült. Um Realitätsverlust geht es auch in Eduard Künnekes Schlager „Der Vetter aus Dingsda“, aber es ist auch eine sentimentale Geschichte: „Ganz unverhofft kommt oft das Glück.“

Da wartet Julia, die gerade volljährig und heiratsfähig wird und froh ist, von Onkel und Tante befreit zu werden, auf ihren Romeo, der Roderich heißt. Vor sieben Jahren ist er nach Dingsda, also Batavia, aufgebrochen und hat sich seither nicht mehr gemeldet. Und dann klingelt ein Wandersgesell, der nicht nur Julias Herz entflammt und sich selbst in sie verliebt, sondern der auch schnell kapiert, dass er nur als Roderich ans Ziel kommt. Was aber kein Problem ist, denn Julia glaubt ihm sofort, bei fantasierten Märchenprinzen kommt es auf die wahre Identität nicht an.

Und man will es auch gar nicht so genau wissen, die Vergangenheit nicht aufrollen. 1921, nur drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, kam der „Vetter aus Dingsda“ in Berlin heraus – es begannen die gar nicht so Goldenen Zwanziger, wobei Künnekes „Vetter“ jetzt nicht gerade einen Tanz auf dem Vulkan feiert, sondern unbeschwert unterhält. Aber bezeichnend: Vor sieben Jahren war Roderich also ins ferne Urwaldparadies aufgebrochen – das wäre, von 1921 abgerechnet, 1914 gewesen, vor dem Ausbruch des Krieges. Welch ein Traum: Jetzt zurückkommen, als hätte man das Elend nicht erlebt, man könnte einfach unbelastet das Glück in der Zukunft suchen!

Wie lässt sich diese Operette fast 100 Jahre später inszenieren? Regisseur Christian Poewe, Olga von Wahl (Bühne) und Carl-Christian Andresen (Kostüme) zeigen am Theater Ulm lustvoll schräge Typen in einer schrägen Welt, die gar nicht so heil ist, aber ein Happy End garantiert. Ein expressionistisches Puppenhaus ohne rechten Winkel zunächst, eine Bühnen-Totale mit Zimmer-Waben, in allen Farben ausgeleuchtet: ein starkes Bild, das synchrones Geschehen erlaubt, aber die Figuren auch gelegentlich in der Aktion bremst. Aber wenn die Verwechslungskomödie auf den dramatischen Höhepunkt zuläuft, der nächste Roderich auftaucht, die Welt aus den Fugen gerät, geht auch das Bühnenbild kaputt, bricht alle Illusion auseinander, führt eine Treppe nur noch ins Nichts. Eine treffliche Pointe.

Deswegen hat Poewe noch lange nicht diese Operette dekonstruiert oder böse selbstironisch ins Heute gezogen. „Kindchen, du musst nicht so schrecklich viel denken/Küss mich und alles ist gut“, schmachtet der falsche Roderich – und niemand stört sich daran. So tief geht auch die Handlung nicht. Poewe zeigt unverstaubte Unterhaltung zwischen Herzschmerz und närrischem Tanz (Gaëtan Chailly), die noch an Tempo gewinnen könnte. Das Ensemble überzeugt: Therese Wincent gibt die Julia als Unschuld vom Lande, Maria Rosendorfsky deren durchtrieben fröhliche Freundin Hannchen; Martin Gäbler ist der kauzige Kuhbrot, Elke Kottmair spielt dessen Frau Wilhelmine aufgedreht als liebessüchtige Furie, Joska Lehtinen den zweiten Fremden als gutmütigen Biker. Dazu Girard Rhoden und J. Emanuel Pichler als trottelige Diener. Glänzend: Markus Francke als falscher Roderich, der nicht nur wunderbar davon schmalzt, dass er ein armer Wandersgesell ist – ein Tenor mit Schellackplatten-Timbre. „And what about me?“ Herrlich, wie Luke Sinclair in dieser Inszenierung keinen Egon, sondern einen sehr britischen Egbert Shelterbelt naiv säuselt, den verschmähten Liebhaber Julias.

Von Wagner-Dramatik über die Schnulze bis zum antreibenden Foxtrott ist alles drin in der Partitur. Die Ohrwurmdichte ist enorm, auch weil nicht nur Künneke vieles genial verwurstete, sondern er selbst beklaut wurde. „Onkel und Tante, ja, das sind Verwandte“ hüpft rhythmisch so fröhlich wie „Blumen im Garten, so zwanig Arten . . .“ So beginnt „Mein kleiner grüner Kaktus“. Es ist ein musikalisches Vergnügen, das Levente Török mit den Philharmonikern ausbreitet, und wenn im Zusammenspiel mit dem Ensemble noch locker-rhythmisch die Präzision wächst, kommt das Glück nicht unverhofft, sondern unvermeidlich.

Statist und Hörgeräte-Akustiker

In der Fotoserie mit Bildern aus „Ulmer Wohnzimmern“ posiert der Neu-Ulmer Hörgeräte-Akustiker Lennard Lemke mit seinem Mann André für das Spielzeitheft „neigschmeckt“ – und verrät, dass sie das vormalige Theaterlogo sogar als Gravur auf dem Ehering als Zeichen der Verbindung zur Kunst und zueinander tragen. Man kann auch sagen, dass Lemke ziemlich theaterbesessen ist, aber nicht nur als Zuschauer, er wirkte schon in einer Produktion der „Lustigen Witwe“ mit, und jetzt steht er als Statist im „Vetter aus Dingsda“ auf der Bühne. Wobei das untertrieben ist, denn Lemke tanzt schlaksig-lustig und gekonnt im Ensemble mit und zieht mit Solo-Auftritten die Blicke auf sich  – er spielt als Running Gag einen Postboten, der Pakete im Hause Kuhbrot abliefert.

Besetzung „Der Vetter aus Dingsda“ steht bis Anfang Mai auf dem Spielplan. Therese Wincent singt aber nur noch am 12. und 16. Februar die Julia, dann übernimmt Maryna Zubko die Partie.