Die Dramaturgie in Lena Lutzeiers noch jungen Karriere nimmt am 16. Mai 2015 hollywoodreife Züge an: USA, College-Tennis, Finale der nationalen Meisterschaft. Armstrong State (Savannah) gegen Barry (Miami). Auf dem Court: zwei Deutsche. Die Blausteinerin Lutzeier gegen ihre Dauerrivalin Sonja Larsen aus Verden. Matchball für Lutzeier. Hochspannung. Ein kurzes Hin und Her, dann holt Lutzeier aus – und knallt den Ball mit der Vorhand unerreichbar ins Feld ihrer Gegnerin. Glücksgefühle. Siegesrausch. Der neue Champion heißt Armstrong State.

Lena Lutzeier: Schlüsselmoment ihrer bisherigen Laufbahn

Auch vier Jahre später ist die Gänsehaut noch auf Abruf da. Immer wenn sich Lutzeier das Video des denkwürdigen Duells ansieht, kommen die Emotionen von damals hoch. Sie bezeichnet den Sieg als Schlüsselmoment ihrer bisherigen sportlichen Laufbahn. „Auf einmal hatte ich ein ganz anderes Selbstbewusstsein und Auftreten“, sagt die 24-Jährige. Sie betont: „Dieses Erlebnis war die Grundlage für meine weiteren Erfolge in den USA.“

Vom TSV Blaustein in den Olymp des amerikanischen College-Tennis – für die „schüchterne Lena“, wie sie oft genannt wurde, war es ein langer Weg. Kurz nachdem sie den Sprung ins Damenteam des SSV Ulm 1846 geschafft hatte, wechselte die damals 16-Jährige ans Sportinternat des 1. FC Köln, das deutsche Elite-Sammelbecken für junge Talente aus verschiedenen Sportarten. Schule, Training, Schlafen. Schule, Training, Schlafen. Alleine in der Metropole. Für die junge Frau war das eine Zerreißprobe. „Es war hart, sehr hart. Ich war die meiste Zeit alleine, aber mein Ehrgeiz trieb mich voran“, blickt Lutzeier zurück. Mit einem Einser-Abitur und Angeboten von verschiedenen US-Colleges in der Tasche kehrte sie zurück nach Hause.

USA: Der Hype um den College-Sport

Amerikanische Colleges reißen sich um Talente aus dem In- und Ausland. Der Hochschulsport hat dort eine andere Dimension als in Deutschland. Im Football und Basketball fließen Millionen. Teenager füllen Stadien. Sind Helden, wenn sie ein Spiel entscheiden. Tennis hat zwar einen geringeren Stellenwert, doch auch hier geht es um Geld und um den Ruf der stolzen Einrichtungen. Viele Scouts sind in Europa unterwegs und versuchen, hochveranlagte junge Sportler in die USA zu locken.

Lutzeier freute sich über das Interesse aus Amerika. Doch sie zögerte. Englisch war ihr einziges schlechtes Schulfach gewesen. Die introvertierte Sportlerin hatte sich im Unterricht zu selten getraut, zu reden. Dann, nach reiflicher Überlegung, packte sie der Ehrgeiz erneut. Die Entscheidung fiel zwischen Barry (Miami) und Armstrong State (Savannah). „Ich entschied mich für Armstrong, weil es den familiäreren Eindruck machte“, erzählt Lutzeier.

Die bisher schönste Zeit ihres Lebens

Herzklopfen. Heulen. Heimweh. Der Horrorflug wollte nicht aufhören. Erst kurz vor der Landung wischte sich Lutzeier die letzte Träne aus dem Gesicht. Sie erinnert sich genau: „Meine große Angst war, dass ich mich mit niemandem unterhalten kann.“ Angekommen im Bundesstaat Georgia, wählte sie in ihren ersten Tagen am College Kurse wie Mathematik oder Statistik, um möglichst wenig sprechen zu müssen. Während sie im Hörsaal schweigsam war, blühte Lutzeier auf dem Court wie gewohnt auf. Schnell erspielte sie sich den Respekt ihrer Teamkolleginnen, wie Lutzeier erzählt.

Die Frauen, eine Reihe talentierter Spielerinnen aus verschiedenen Teilen Europas, verbrachten viel Zeit miteinander, redeten miteinander und motivierten Lutzeier dazu, auch abseits des Platzes aus sich herauszukommen, was ihr Schritt für Schritt gelang. Die Gruppe wuchs zusammen, besiegte eine College-Auswahl nach der nächsten und schaffte es ins Finale der nationalen Meisterschaften. Als Lutzeier Sonja Larsen, ihre große Konkurrentin aus Kölner Zeiten, schließlich im Entscheidungsspiel schlug, war die „schüchterne Lena“ die neue Heldin von Armstrong State.

Lutzeier: Die erste Deutsche auf Platz 1 der College-Rangliste

Danach war der Knoten geplatzt, Selbstvertrauen statt Schüchternheit. „Ich hatte auf einmal Spaß am Englisch sprechen, schrieb gute Noten. Ich fühlte mich richtig wohl“, sagt Lutzeier. Die Mannschaft konnte 2016 den Titel sogar verteidigen. Ihren größten Einzelerfolg verbuchte Lutzeier in ihrer letzten Saison in den USA, 2017/18: Als erste Deutsche schaffte sie den Sprung auf Platz eins der amerikanischen College-­Rangliste, für Lutzeier ein wahr gewordener Traum. „Es war bisher die schönste Zeit meines Lebens“, resümiert sie.

Lutzeier trainiert für die Deutschen Meisterschaften in Biberach

Derzeit lebt Lutzeier wieder in Blaustein. Sie trainiert in Ulm und spielt für den TC Ludwigshafen-Oppau in der 2. Bundesliga. Die Nummer 39 der nationalen Damenrangliste bereitet sich in diesen Tagen auf die Deutschen Meisterschaften in Biberach vor, die an diesem Sonntag beginnen. Für Lutz­eier ein wegweisendes Turnier: „Ich kann mich dort mit der deutschen Elite messen und gucken, wo ich stehe“, sagt die 24-Jährige.

Sie arbeitet an ihrer Profi-Karriere, träumt von einer Teilnahme an den US-Open, ihrem Lieblings-Grand-Slam. Dank ihrer Abschlüsse in „Business Economics“ und „Marketing“, die sie auf dem College erworben hat, hat sie immer einen Plan B parat.