Mord und Totschlag und hundert Delikte mehr, sie werden auch auf der Theaterbühne verhandelt, in großen und kleinen Dramen, in Klassikern, Komödien, Gegenwartsstücken – dort freilich darf der Zuschauer sich unterhalten, ein Urteil fällt er nur darüber, ob die Kunst ihm gefällt oder nicht. Ferdinand von Schirachs Schauspiel „Terror“ aber fordert das Publikum als Laienrichter direkt. Das ist immer noch ein zugespitztes Spiel, vielleicht auch ein populistisches, weil reale Justiz „im Namen des Volkes“ komplizierter ist als ein Prozess auf der Bühne – aber auch die Ulmer Inszenierung ist ein Plädoyer dafür, dass politisches Theater die Menschen umtreiben kann.

„Der Wahrheit und der Gerechtigkeit dienen“ – das ist die Pflicht der Schöffen. Das Gesetz stattet sie mit der Macht aus, über das Schicksal eines Menschen zu entscheiden. „Bitte nehmen Sie die Verantwortung ernst. Sie werden ausschließlich über das urteilen, was Sie hier in der Verhandlung hören, deshalb vergessen Sie heute alles, was Sie über den Fall gelesen oder gehört haben“, ermahnt der Vorsitzende Richter das Publikum, die Schöffen.

2222 Verhandlungen

Das ist gut gesagt. Der Strafverteidiger und Bestsellerautor von Schirach brachte „Terror“ 2015 als Theaterstück heraus, ein Welterfolg, verfilmt auch als TV-Event. Eine Statistik des Bühnenverlags Kiepenheuer zählt (Stand gestern) im Internet 2222 Verhandlungen (Aufführungen) auf, mehr als eine halbe Million Schöffen gaben ihre Stimme ab, 62,8 Prozent entschieden sich für einen Freispruch. Nicht einfach also, unvoreingenommen diesem Fall zu begegnen, aber es lohnt sich auch in Ulm, wo Monika Gora nicht einfach einen realistischen Schwurgerichtssaal nachgebaut hat, sondern eine dezent expressionistisch aufgeschlitzte Bühne zeigt, auf der sich die Akteure gegenübersitzen und eine Live-Kamera die Personen auf der Zeugen- und Angeklagebank auf eine Leinwand zoomt – die Welt ist sichtbar in Unordnung.

Ansonsten zählt das Wort, auch in dieser von Sarah Kohrs inszenierten Verhandlung: eine solide Ensembleleistung. Vielleicht wird zuweilen zu viel „gespielt“, ist es teils zu erkennbar, dass Schauspieler eine Rolle geben. So akzeptiert das Publikum die Gerichtssituation nicht blind: Gelächter, wenn der von Fabian Gröver nicht mit letzter Autorität verkörperte Richter die Zuschauer (im Theater/Gerichtssaal) bittet, sich zu erheben.

Selbstmordattentäter haben ein Flugzeug entführt und nehmen Kurs auf die Münchner Allianz-Arena, wo gerade ein Fußball-Länderspiel läuft. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center weiß man, was passieren kann. Was aber jetzt tun in dieser Notlage? Befehlsketten laufen ab, die Verteidigungsministerin untersagt schließlich, nach der gültigen Rechtslage, den Abschuss – wie Zeuge Lauterbach von der Luftwaffe (Stephan Clemens) aussagt. Doch Bundeswehr-Pilot Lars Koch (in strammer, klarer Haltung: Jakob Egger), der in seinem Eurofighter den Airbus verfolgt, fühlt sich seinem Gewissen verpflichtet und handelt: Er schießt die Maschine ab, weil er die Katastrophe im Stadion vermeiden will. Jetzt steht er vor Gericht, angeklagt des Mordes an 164 Menschen, die in dem Flugzeug saßen.Ist Koch ein Held oder ein Verbrecher, darf man 164 Menschen opfern, um 70 000 zu retten? Das ist die Kernfrage.

In Deutschland wurde 2005 ein Luftsicherheitsgesetz erlassen, das als äußerste Maßnahme den Abschuss eines Flugzeugs erlaubte. 2006 aber erklärte das Bundesverfassungsgericht den Passus für verfassungswidrig, weil er gegen die Garantie der uneingeschränkten Menschenwürde verstoße. Darf Leben mit Leben verrechnet werden? Ist ein Mensch mehr wert als der andere? Hängt das Abwägen von der Zahl der möglichen Opfer ab? Wer entscheidet das? Hat der Luftwaffen-Pilot die Menschen zu Objekten gemacht? Hätte der Pilot auch einen Airbus abgeschossen, wenn seine Familie zu den Passagieren gehört hätte? Eine Zeugin (Marie Luisa Kerkhoff), deren Mann zu den Opfern gehört, vermenschlicht die Theorie berührend. Und hätte man nicht das Stadion räumen können, um den Notstand zu vermeiden?

Der Verteidiger (Gunther Nickles) und die Staatsanwältin (Christel Mayr) halten umfassende Plädoyers. Es ist dann eine Gewissensprüfung auch des Publikums, der sich in der Premiere am Ende offenbar nicht jeder stellen wollte. Das Urteil: Freispruch, 282 zu 255. Also drückten sich viele Zuschauer/Schöffen im fast ausverkauften Großen Haus um eine Entscheidung. In der Realität wäre das wohl die Grundlage für eine Revision des Prozesses. Im Theater Ulm aber kann man sowieso noch viele Vorstellungen zur Meinungsbildung besuchen.

Wie am Ende abgestimmt wird


Bei der Uraufführung von „Terror“ am Schauspiel Frankfurt 2015 etwa erhielten die Zuschauer am Eingang eine kleine Fernbedienung, um am Ende abzustimmen: die Eins für „schuldig“, die Zwei für „unschuldig“. Am Theater Ulm müssen sie – offen – nach der Pause an Türen sich für den entsprechenden Durchgang entscheiden; und das Einlasspersonal zählt.