Alleine der Kopf der überdimensionalen Ackerhummel misst zwei Meter in der Höhe. Ihr Blick: bedrohlich. Auch ihr Gefährte, ein gigantischer Blattkäfer, schaut furchteinflößend drein. Libelle und Rückenschwimmer nehmen den Betrachter ins Visier, während der Stachel einer XXL-Wespe gefährlich hervorblitzt. Die Riesen-Insekten haben die Ulmer Friedrichsau erobert – glücklicherweise nur im Rahmen eines Graffito. An der Betonwand des Basketball-Courts am alten Bärenzwinger prangen ihre Abbilder, veredelt mit leuchtenden Farben.

Spektakuläres Graffito: Die Riesen-Insekten sind in der Friedrichsau gelandet
Spektakuläres Graffito: Die Riesen-Insekten sind in der Friedrichsau gelandet
© Foto: Partners in Paint

„Partners in Paint“: Ulmer Sprayer-Duo

Die Insekten-Invasion ist das neueste Werk des Ulmer Sprayer-Duos „Partners in Paint“. 30 Liter Wandfarbe und 150 Dosen haben Jonas Seif und Christian Schindler verbraucht, um das Projekt umzusetzen. Unterstützt wurden sie dabei von ihrem Freund Marc Haug. „Wir wollten der alten Wand unbedingt neues Leben einhauchen“, blickt Haug zurück.

In Absprache mit der Stadt Ulm sei die Idee entstanden, das Insektensterben zu thematisieren. „Wir möchten den Leuten diesen Missstand ins Gedächtnis rufen“, betont Haug. Die Makro-Fotos, die als Vorlagen dienten, stammen von Thorben Danke aus Stuttgart. Schindler: „Sie lösen beim Betrachter einen Wow-Effekt aus. Diesen wollten wir auf die Wand übertragen.“

Schindler: „Ruf der Graffiti-Kunst hat sich verbessert“

Dass er mal im Auftrag der Stadt Ulm sprühen würde, hätte Schindler noch vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten: „Früher waren Graffiti verpönt, alle Sprayer wurden über einen Kamm geschert und in die kriminelle Ecke gestellt“, erinnert sich der 29-Jährige. „Das hat sich zum Glück gewandelt, mittlerweile ist die Kunstform salonfähig.“ Seit der Mittelstufe begeistert sich Schindler für das Sprühen. Die Werte der Subkultur – Loyalität, Respekt und Offenheit – haben seine Persönlichkeit nachhaltig geprägt. „Man kann sich als Graffiti-Künstler verwirklichen, auch ohne Züge oder öffentliche Gebäude zu besprühen“, erklärt er.

Basketballer von Ratiopharm Ulm: Prägnantes Graffito im Wiley-Park

Demnach sind Schindler und seine Kompagnons ausschließlich an legalen Wänden aktiv. Eines ihrer bekanntesten Werke ist das Panorama-Bild der Basketballer von Ratiopharm Ulm, das im vergangenen Jahr im Neu-Ulmer Wiley-Park für Aufsehen sorgte. Inzwischen ist das Graffito allerdings übersprüht – Alltag an legalen Wänden.

Auch aus diesem Grund bevorzugt Schindler Auftragsarbeiten, die er im Namen der „Partners in Paint“-GbR gemeinsam mit Jonas Seif umsetzt. Das Duo hat bereits eine Fassade beim Ulmer Prüfmaschinenhersteller „Zwick Roell“ verschönert, auch die Physiotherapie-Praxis „Janson“ aus Senden hat die Dienste der Sprayer schon in Anspruch genommen. „Natürlich ist es eine tolle Sache, sich mit seiner Leidenschaft ein Taschengeld dazuzuverdienen“, sagt Schindler. „Außerdem können wir mit den Bildern positive Emotionen beim Betrachter wecken und ihn zum Nachdenken anregen.“

Sprayer träumen von Graffito-Spatz an der Wand des Ulmer Stadthauses

Für Marc Haug, der in seiner Freizeit vor allem Bleistiftporträts zeichnet, ist das Sprühen eine willkommene Abwechslung. „Ich kann dabei abschalten. Zudem finde ich es schön zu sehen, wie man mit etwas Farbe und einer klaren Vision die maroden Flächen einer Stadt neu erfinden kann. „Immer wenn ich durch Ulm laufe, stechen mir potenzielle Stellen ins Auge“, so Haug. Mit Schindler ist er sich einig: „Einen großen Spatz an die weiße Wand des Ulmer Stadthauses zu sprühen, wäre unser Traum.“