Alle drehen sie durch, wegen der Männer. Das Unglück in der Liebe raubt diesen Frauen den Verstand: Sie heißen Elvira und Amina, Linda di Chamounix, Anna Bolena oder Imogene – oder eben Lucia. Sie sind eigentlich ein Fall für die Psychiatrie, triumphieren aber musikalisch: In den Opern Vincenzo Bellinis und Gaetanos Donizettis hat der Wahnsinn Methode.

Lucia hat die vielleicht schlechtesten Nerven. Was man verstehen kann: Sie hat ihr Herz an Edgardo verloren, der ausgerechnet aus einem verfeinden Clan stammt. Ihr Bruder Enrico, der in politischen Schwierigkeiten und vor allem in Geldnot steckt, will Lucia mit dem reichen Lord Arturo verheiraten – und verfährt nach einem höllischen Plan. Er setzt Lucia intrigierend unter Druck, und als sie aus einem gefälschten Brief von Edgardos angeblicher Untreue erfährt, ergibt sie sich der Familienräson der Asthons und unterzeichnet den Ehevertrag mit Arturo. Die Tinte aber ist noch nicht trocken, da taucht der sie stürmisch liebende Edgardo wieder auf. Tragisch.

Und mörderisch: Lucia ersticht Lord Arturo in der Hochzeitsnacht, es ist der reine Wahnsinn. Tränen, Blut – und eine irre Musik. Donizetti lässt die Melodie geradezu zerfallen, es sind manisch-depressive Koloraturen, die Töne jagen durch alle Seelenlagen dieser Frau, von Todesverzweiflung bis Glücksverheißung, Lucia stammelt, lacht und schluchzt, und sie träumt vergeblich paradiesisch. Das ist dann nicht mehr von dieser Welt. Was auch die sphärischen, faszinierend unheilvollen Klänge der Glasharmonika signalisieren: mit angefeuchteten Fingern in Schwingung versetzt, sind das flötenähnliche, aber geradezu körperlich angreifende Töne. Es ist ein gespenstisches Duett

Das ist jetzt tatsächlich am Theater Ulm zu erleben in einer Aufführung von „Lucia di Lammermoor“, die Ansgar Haag als Regisseur vom Meininger Staatstheater mitgebracht und mit dem Ulmer Ensemble neu einstudiert hat. Denn die Ukrainerin Maryna Zubko, die schon als Sophie in der Kammeroper „Weiße Rose“ ihre enormen Qualitäten zeigte, singt die Titelpartie grandios: technisch nahezu perfekt, aber auch sehr emotional, mit vielen Farben, dramatisch stringent. Sie gestaltet die Partie mit einer jugendlichen Leichtigkeit, demonstriert nicht die gefallene Heroine – so ergreift der Wahnsinn der unschuldigen Lucia um so mehr. Und Sebastian Reckert spielt, sichtbar am rechten Proszenium, die Glasharmonika virtuos.

Diese Opern-Produktion unterstreicht, dass Intendant Kay Metzger ein starkes Musiktheater-Ensembles formiert hat. Auch der aus Meiningen gekommene Dae-Hee Shin als Lord Enrico: ein ausgezeichneter Heldenbariton mit noblem, staunenswert abgerundetem Timbre. Joska Lehtinen schlug sich als Edgardo vortrefflich mit einem lyrisch-kompakten, gleichwohl höhensicheren Tenor. Auch Luke Sinclair als schnieker Arturo, Erik Rousi als Moralapostel Raimondo, I Chiao Shih als Alisa und Joung-Woon Lee als Normanno sowie der souveräne Theaterchor garantierten eine umjubelte Premiere.

Überzeugend, dass Generalmusikdirektor Timo Handschuh die „Lucia“ zur Chefsache erklärte. Er dirigierte eine organische Belcanto-Begleitung, entfaltete mit den Philharmonikern fein die Instrumental-Soli und jedes Detail und ließ die Melodielinien der Sänger fließen. Manchmal dürfte das Romantische noch durch eine Spur zupackende Italianità verschärft werden.

Mit dem Begriff „Belcanto“ verband der 2012 verstorbene Klaus Rak den „absoluten Vorrang der menschlichen Stimme gegenüber allem Anderen im Musiktheater“. Und das hatte er als Ulmer Operndirektor unter Intendant Haag auf dem Spielplan auch umgesetzt. Haag hat als Regisseur gewissermaßen sein Erbe angetreten. In dieser „Lucia“ singt das Ensemble in einem beeindruckenden, schön schaurigen Bühnenbild von Christian Rinke ungehindert an der Rampe. Ein düsteres Schloss mit Bombentreffern, ein Friedhof im Garten und eine Schlachtküche, in der nicht nur Wild zerlegt wird, sondern wo offenbar Menschen gemordet wurden und in der auch ein blutüberströmtes Braut-Double gespenstisch haust: Hier tobte Krieg, auch in den Herzen, und man hat Leichen im Keller – eine friedlose Gesellschaft (in der frühen Moderne, so deuten es die Kostüme Renate Schmitzers an). Das ist der klar angesagte Hintergrund der Geschichte. Den Rest erzählt die Musik.

Das Finale hat dann übrigens solo ein Mann, der auch irre wird: der verzweifelt sterbende Edgardo, dem visionär noch einmal die tote Lucia ein Kerzenlicht bringt. Gleichberechtigung im Wahnsinn, bereits im Belcanto.

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Rotation der Tenöre


Die Aufführung von „Lucia di Lammermoor“ steht am Theater Ulm bis Mitte Februar auf dem Spielplan. Die Partien sind teils doppelt besetzt. Rotation bei den Tenören: Heute, Samstag, 19 Uhr, debütiert der Tenor Markus Francke in der Partie des Edgardo. Deshalb singt Joska Lehtinen dann den Arturo; und Luke Sinclair übernimmt heute den Normanno.

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln ist Donizettis Oper im Großen Haus zu erleben. Die neue Übertitelungsanlage, die vom Verein der Theaterfreunde mitfinanziert worden ist, funktioniert prächtig: Die Texte leuchten jetzt mit LED-Technik und sind sehr gut lesbar.