Ist auf einer öffentlichen Straße in Deutschland jemals ein Auto von einem Eisbrocken getroffen worden, der vom Rotor eines Windrads heruntergeschleudert wurde? Weder dem ADAC noch dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft sind entsprechende Vorfälle bekannt. Insofern könnte der Unfall am Vormittag des 11. Februar auf der Kreisstraße 2628 zwischen dem Bühlerzeller Ortsteil Kammerstatt und dem Bühlertanner Teilort Fronrot ein Präzedenzfall sein. Direkt an der Straße hat Energiekonzern ENBW vor Kurzem vier Windräder errichtet. Im Jahr 2017 war der „Windpark Bühlertann“ eingeweiht worden.

Getroffen wurde das Fahrzeug von Fred Ohnewald, Redaktionsleiter der „Schwäbischen Post“ in Ellwangen. Zunächst habe es vor seinem Auto einen wuchtigen Einschlag gegeben, dann sei der Pkw von einem hühnerei- bis faustgroßen Brocken getroffen worden, der eine „nicht gerade kleine Beule“ im Dach hinterlassen habe, berichtet Ohnewald.

„Nachdem wir von dem Redakteur informiert worden waren, hatten wir die Anlagen vorsorglich für die Dauer der umgehend eingeleiteten Untersuchung außer Betrieb genommen. Angesichts der Ergebnisse können wir von einer ordnungsgemäß funktionierenden Eiserkennung ausgehen und haben die vier Windenergieanlagen am Freitag, 15. Februar, wieder in Betrieb gesetzt“, schreibt ENBW-Sprecher Jörg Busse auf Nachfrage unserer Zeitung. Nach umfangreicher Prüfung der Betriebsdaten und des Eiserkennungssystems gehe man davon aus, „dass die Systeme ordnungsgemäß und fehlerfrei funktionieren“.

Keine Windrad-Eismeldeanlage meldete Eis auf einem Windrad

Zudem hege man Zweifel, dass sich zum Unfallzeitpunkt überhaupt Eis auf den Rotoren befunden habe. „Die Betriebsdaten deuten nicht darauf hin“, schreibt Busse. Darüber hinaus habe man die Daten des 11. Februar von benachbarten Windparks analysiert. Auch diese hätten an besagtem Vormittag kein Eis erkannt. „Wenn kein System anspricht, ist es nicht realistisch, davon auszugehen, dass der Eiswurf von der Anlage kam, so der ENBW-Sprecher. „Es wäre schon sehr ungewöhnlich und nicht nachvollziehbar, wenn sämtliche Systeme nicht auf Eis reagiert hätten.“ Die EnBW werde die Windenergieanlagen bei Bühlertann dennoch im Blick behalten, „insbesondere bei einer entsprechenden Wetterlage“.

Mit der Stellungnahme der ENBW konfrontiert, bleibt Fred Ohnewald bei seiner Überzeugung: Der auf sein Auto gefallene Eisbrocken könnte nicht von Bäumen stammen, da es an der Unfallstelle keine in Straßennähe gebe. Womöglich sei das Eiserkennungssystem des Windrads nicht angesprungen, da das gefrorene Wasser auf den drei Rotoren sehr regelmäßig verteilt gewesen und somit keine Unwucht entstanden sei. Schadensersatz fordern möchte Ohnewald von der ENBW aber nicht – auch weil sein Auto schon ziemlich in die Jahre gekommen sei und ohnehin schon ein paar Schrammen aufweise.

Gefahr für Autofahrer wegen fliegendem Eis laut Betreibern gering

Nicht nur die ENBW, sondern auch andere Windparkbetreiber im Landkreis schätzen die Gefahr durch Eiswurf für Autofahrer als extrem gering ein. „Bereits im Genehmigungsverfahren werden Eis- und Verkehrsgutachten verlangt, wenn sich Straßen in der Nähe befinden, sagt Matthias Pavel, Projektleiter bei der Firma Uhl Windkraft aus Ellwangen. Dabei werde genau überprüft, wie weit die Eisbrocken von den Rotoren der Windräder maximal geworfen werden können, und Wahrscheinlichkeiten errechnet. „Die Gefahr, dass ein Auto getroffen wird, liegt dabei bei eins zu mehreren Millionen“, betont Pavel.

Bei den von der Firma Uhl betriebenen Windrädern an der Kohlenstraße bei Michelbach/Bilz seien spezielle Eisabschaltsysteme eingebaut worden. Diese reagieren laut Pavel nicht nur auf Unwuchten, die durch bereits vorhandenes Eis und Schnee auf den Rotoren entstehen. Bereits dann, wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit Werte erreichen, die zu Eisbildung führen könnten, würden die Anlagen abgeschaltet.

Warnleuchten im Wald

Zudem würden nahe an der Straße stehende Windräder so errichtet, dass sich die Rotoren pa­rallel zur Fahrbahn drehen. Durch den errechneten Wurfradius sei gewährleistet, dass herunterfallende Eisbrocken nicht auf die Straße, sondern in den Wald geschleudert werden. Dort warnen Hinweisschilder Wanderer davor, sich den Windrädern bei winterlicher Witterung zu nähern.

Generell sollte man sich gut überlegen, nach starken Schneefällen in den Wald zu gehen, so Pavel. „Eis, das von Bäumen fällt, ist mindestens genauso gefährlich.“ Komme es wider Erwarten durch Eiswurf zu Personen- und Sachschäden, greife die Versicherung der Windrad-Betreiber.

Bei den von den Stadtwerken Schwäbisch Hall errichteten Windrädern an der Kohlenstraße und auf der Roten Steige zwischen Mainhardt und Michelfeld warnen zusätzlich gelbe Rundumleuchten bei entsprechender Witterung vor Eiswurf. Die Anlagen verfügen über Eiserkennungsysteme, die bislang sehr gut funktioniert hätten, sagt Geschäftsführer Gebhard Gentner. Ein Wiederanfahren der Anlagen sei erst wieder bei Eisfreiheit möglich. Sind die Windräder abgeschaltet, falle das Eis senkrecht – allenfalls leicht durch Wind beeinflusst – nach unten.

Dass sich das Windrad bei Bühlertann zum Zeitpunkt des Unfalls drehte, glaubt Gentner nicht. Dass zwei „Eisklumpen“ direkt hintereinander herunterfielen, spreche eher für ein stehendes Windrad.

Das könnte dich auch interessieren

18 ENBW-Windparks in Baden-Württemberg


18 Windparks mit insgesamt 58 Anlagen betreibt die ENBW in Baden-­Württemberg. Bundesweit sind es 51 Windparks mit 265 Anlagen.

In der Nähe von Dransfeld in Niedersachsen musste 2016 eine Straße gesperrt werden, nachdem Eis von einem neuen Windrad geschleudert wurde. 2017 verfehlte bei Bocholt (NRW) ein 60 Zentimeter breiter Eisbrocken Fußgänger nur um wenige Meter.