Der Bauch wächst, der Geburtstermin rückt näher: Melanie Haag aus Hall ist im neunten Monat schwanger. Ihre Vorfreude auf das zweite Kind wird aber getrübt. Die Hallerin darf Stand heute nach der Geburt weder vom Ehemann noch vom eineinhalbjährigen Sohn besucht werden. Hintergrund ist die Corona-Pandemie. Es gelten Besuchsverbote in Krankenhäusern.

In manchen Geburtskliniken in Deutschland dürfen Väter bei der Geburt gar nicht mehr dabei sein. Die Kliniken in der Region, darunter das Diak sowie die Häuser in Crailsheim, Öhringen, Bad Mergentheim und Heilbronn, haben sich für einen anderen Weg entschieden. Der Vater oder eine andere Person darf bis zu zwei Stunden nach der Geburt im Kreißsaal bleiben, sofern er keine Symptome zeigt und nicht in einem Risikogebiet war. Weder bei Einleitungen noch in Latenzphasen ist eine Begleitung erlaubt. Auch nicht auf der Wochenbett-Station und bei ambulanten Kontrollen. Schwangere sollen sich telefonisch anmelden, bevor sie zur Klinik fahren.

Betreuung wird zum Problem

„Diese Aussicht macht meiner Frau extrem zu schaffen“, berichtet Adrian Haag. „Wir müssen die Regeln nun akzeptieren, wir haben keine Wahl.“ Für die Familie täten sich mehrere Probleme auf: Wer übernimmt etwa die Betreuung des eineinhalbjährigen Sohns Niklas, wenn er doch nicht zu den Großeltern soll? „Bei uns ist der Kaiserschnitt noch Thema, da die Narbe nach der ersten Geburt nicht ganz verheilt ist“, so Haag. Würde dieser Eingriff im Diak terminiert, könnte Haags Schwester aus Ludwigsburg zur Betreuung des Sohns anreisen. „Bei einer regulären Geburt reicht da die Zeit nicht“, meint der 32-Jährige.

Werdende Eltern machen sich Sorgen

Wie Familie Haag machen sich etliche werdende Eltern Sorgen. Die Haags zumindest haben schon eine Geburt hinter sich. Sie wissen, was auf sie zukommt. Für Erstgebärende ist die Situation dramatischer, zumal nun auch alle Geburtsvorbereitungskurse abgesagt sind. In der Haller Geburtsklinik stünde das Telefon nicht mehr still, schrieb vergangene Woche Lisa Kunz von der landkreisweiten Hebammenzentrale. Mittlerweile habe sich die Lage beruhigt, nachdem klar ist, dass der Partner bis zwei Stunden nach Entbindung dabei sein kann, berichtet Kollegin Melanie Bendl.
Eine Geburt sei ein existentielles Erlebnis, so die Hebamme. „Für Frauen ist das ganz schlimm, wenn der Partner nicht dabei sein darf. Natürlich auch für den Mann.“ Die Arbeit der Hebammen in geburtenstarken Phasen sei erschwert. „Es kommt immer wieder vor, dass wir mehrere Frauen gleichzeitig betreuen. Da müssen wir zwischen den Räumen hin und her springen.“ Gerade dann sei es wichtig, dass die Gebärende jemanden an der Seite hat, „der ihr etwas zu trinken reicht, an dem sie sich festhalten kann, der einfach da ist“.
Die Geburtshilfe sei nicht planbar. „Manchmal kommen innerhalb von 30 Minuten drei Frauen in den Kreißsaal.“ Da werde es für das Personal eng – selbst dann, wenn die Rufbereitschaft anrückt. „In der Regel schaffen wir es aber, in der entscheidenden Phase bei der Frau zu bleiben.“
Die aktuelle Regelung sei ein Kompromiss, um die Mitarbeiter zu schützen. „Wenn sich das Personal ansteckt und ausfällt, wird die Situation verschärft. Dem wollen wir vorbeugen“, so Bendl. Derzeit seien die Geburtskliniken in Hall, Crailsheim und Öhringen noch gut besetzt. Was aber auffalle, so Bendl: Immer mehr Frauen entschieden sich, direkt nach der Geburt nach Hause zu gehen, statt drei Tage in der Klinik zu bleiben. Wegen nötiger Untersuchungen müsse das aber abgesprochen werden, insbesondere, wenn Mütter keine Wochenbettbetreuung durch Hebammen haben. Landesweit sei auch zu beobachten, so Bendl, dass Anfragen nach Hausgeburten stiegen.
„Der Gedanke ist: Bevor ich im Krankenhaus alleine liege, bekomme ich das Kind lieber zu Hause, wo der Mann dabei sein kann.“ Längst seien die Kapazitäten überschritten, da nicht jede Hebamme diesen Service leisten könne. „Das ist mit massiven Einschränkungen im Privatleben verbunden. Ich müsste rund um die Uhr erreichbar sein, müsste immer in der Nähe bleiben.“

Hausgeburt ist keine Option

An eine Hausgeburt hatten die Haags auch gedacht. Da sie keine Hebamme haben, ist das keine Option. Traurig sind sie, dass der Bruder seine kleine Schwester nicht im Diak besuchen kann, dass er mehrere Tage ohne Mutter verbringen muss. Dazu kommt, dass die Großeltern das Neugeborene nicht gleich sehen können – ein Besuch ist für die Familie ausgeschlossen. „Ich arbeite im Einzelhandel, bei mir lässt sich im Gang der Kontakt zu Kunden kaum vermeiden“, so Adrian Haag. „Da ist das Risiko groß, dass ich den Virus bekomme und andere anstecke.“

Geburtsvorbereitungskurse online


Die Hebammenzentrale hat einen Flyer veröffentlicht, der auf der Homepage abrufbar ist. Unter anderem heißt es darin, dass es aktuell keine Hinweise gebe auf ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten oder darauf, dass das Virus auf das Baby übertragen werden könnte. Das könne nach aktuellem Stand auch nicht beim Stillen passieren. Sind Mütter infiziert, sollten sie einen Mundschutz tragen, um Säuglinge vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen.

Mit der Anschubfinanzierung des Landkreises und der Hilfe des Fördervereins „Guter Anfang“ ging die Hebammenzentrale im Dezember 2019 an den Start. Sie soll zum einen Hebammen und Frauen unkompliziert zusammenbringen, zum anderen die Arbeit der Hebammen durch Vernetzung und Koordination erleichtern. Stand 1. März 2020 gab es Anfragen von 188 Frauen, wovon 40 vermittelt wurden. Mehr auf www.hebammenzentrale-sha.de; Telefon 01 51 / 64 41 74 64, info@hebammenzentrale.de

Bei Fragen rund um die Geburt können Frauen wie gewohnt direkt im Kreißsaal anrufen, teilt das Diak mit. Alternativ beantwortet auch die Hebammenzentrale Fragen zum Ablauf in allen Geburtskliniken der Region. Die Hebammenzentrale ist folgendermaßen erreichbar: 01 51 / 64 41 74 64, info@hebammenzentrale.de

Die bundesweite Plattform des Hebammenverbandes, in der auch die Haller Angebote verknüpft werden, soll am Montag auf www.ammely.de online gehen. Dort sollen auch Online-Geburtsvorbereitungskurse vermittelt werden. thumi