Reutlingen / Von Carola Eissler

Als eine einmalige städtebauliche Chance sehen Gemeinderäte und Stadt die Entwicklung des ehemaligen Postareals hüben und drüben der Bahngleise. Die 30 Hektar große Fläche ist seit drei Jahren im Besitz von Stadt und GWG. Jetzt soll ein städtebaulicher Ideenwettbewerb Konzepte für die Entwicklung eines ganz neuen Stadtviertels mit Kultur, Gastronomie, Plätzen, Wohnungen liefern. Vor allem aber soll dort ein weiterer Standort der Stadtverwaltung untergebracht werden. Der Gemeinderat stimmte am Donnerstagabend, erstmals unter der Leitung des neuen Oberbürgermeisters Thomas Keck, dem Ideenwettbewerb zu. Das ehemalige Postareal ist Teil der gesamten City Nord, wo derzeit am Stuttgarter Tor gebaut wird. Die City Nord soll in den kommenden Jahren entlang der Bahntrasse weiterentwickelt werden. Ein Ideenwettbewerb wurde bereits durchgeführt, 28 Arbeitsgemeinschaften hatten sich daran beteiligt. Die Siegerentwürfe sollen nun Grundlage für die Entwicklung der Postflächen sein.

Konkret geht es darum, zum einen die Flächen an die Altstadt anzubinden und die Trennung über Karlstraße und Bahnlinie hinweg zu überwinden. Zum anderen geht es um die Einbindung der zukünftigen Regionalstadtbahn. Schlüsselgrundstücke sind die Hauptpost an der Eberhardstraße und die Paketpost Unter den Linden. Noch erhalten ist der alte Posttunnel, der zwar geschlossen ist, der aber als Fußgänger- und Radunterführung in eine neue Konzeption eingebunden werden könnte.

Stefan Dvorak, Amtsleiter für Stadtentwicklung und Vermessung, stellte dem Gemeinderat nochmals detailliert die Vorgaben für den Ideenwettbewerb vor. Klar ist, dass die Stadtverwaltung einen neuen Standort braucht. Die Stadt ist gewachsen, die Verwaltung ebenso, viele Aufgaben sind in den letzten Jahrzehnten hinzu gekommen. Mitarbeiter und Ämter sind ausgelagert, weil sie im jetzigen Rathaus keinen Platz finden. Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz betonte, das Rathaus müsse generalsaniert werden. Dies gehe aber nur, wenn man einen neuen Standort habe.

Das neue Quartier soll vor allem lebendig sein, sagte Dvorak. „Es müssen Plätze entstehen, wo sich Menschen gerne treffen.“ Dazu gehöre auch, dass es dort Wohnungen gebe. Und natürlich soll eine Kulturmeile entstehen.

Eine zentrale Haltestelle der zukünftigen Stadtbahn soll in das neue Stadtquartier integriert werden. Je nachdem, wie die Strecke verläuft und wie die Einschleifung konzipiert wird, könnte auch die derzeitige Hauptpost abgerissen werden müssen. Ob das Gebäude erhalten bleibt oder nicht, steht derzeit noch nicht fest.

Für Dvorak steht fest, dass die Stadtbahn-Trasse nur über die Lederstraße führen kann. Eine zunächst anvisierte Führung durch die Gartenstraße sei technisch nicht machbar. Einen Gemeinderatsbeschluss gibt es diesbezüglich allerdings noch nicht, denn die entsprechende Machbarkeitsstudie für die Vorzugstrasse wird derzeit erst erstellt. Weshalb Holger Bergmann (Grüne) Dvoraks Vortrag als „absurde Schwarzmalerei“ bezeichnete. „Ihre Argumente gegen die Gartenstraße sind sehr einseitig.“

Helmut Treutlein (SPD) erinnerte an den Anschluss der Stadt Reutlingen an das Eisenbahnnetz vor genau 160 Jahren. „Das war eine riesige Entwicklung.“ Jetzt habe man das Problem, dass die Bahngleise die Stadt trennen. Dies gelte es durch eine durchdachte Planung zu überwinden. Andreas vom Scheidt (CDU) sagte, er sei gespannt auf die Ergebnisse aus dem Ideenwettbewerb. Und er betonte, am Beispiel Postareal zeige sich nun wie wichtig es sei, dass die Stadt eine offensive Flächenpolitik betreibe.

Für Gabriele Janz (Grüne) ist das Problem nicht nur die Bahnlinie. Auch die Karlstraße und die Eberhardstraße bildeten ein Hindernis, sagte sie. „Deshalb hätten wir den Geltungsbereich des Wettbewerbs-Areals gerne bis zum Federnseeplatz erweitert.“ Zudem hätten die Grünen das alte Paketpostgebäude gerne erhalten, was aber mehrheitlich abgelehnt wurde. Janz plädierte vor allem dafür, im neuen Quartier reichlich Raum für Kultur zu schaffen. Künstler in der Stadt bräuchten Ateliers und Probenräume. Für Regine Vohrer (FDP) ist der Dreh- und Angelpunkt, „wie klug die Stadtbahn durch das neue Quartier durchgeführt wird“.

Erfolgreich mit ihrem Antrag war die Linke. Rüdiger Weckmann warb wortreich für das Café Nepomuk, dessen Konzept „Jugendhotel mit Restaurant in Selbstverwaltung 2022“ in das Wettbewerbsverfahren aufgenommen werden soll. Obwohl seitens des Nepomuk noch gar kein konkretes Konzept vorliegt, sondern ein solches derzeit erst diskutiert werde, wie Weckmann sagte, stimmte die Mehrheit des Gemeinderats dafür.

30

Hektar groß sind die ehemaligen Postflächen, die Stadt und GWG vor drei Jahren gekauft haben. Das Areal soll zu einem neuen Stadtquartier entwickelt werden.