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Europawahl
Kreis Reutlingen / Von Ralph Bausinger und Peter Kiedaisch  Uhr

Als die erste bundesweite Prognose zur Europawahl um 18 Uhr über den Bildschirm flimmert, bricht bei den Reutlinger  Grünen, die sich in der „Zentrale“ zu ihrer Wahlparty versammelt haben, riesiger Jubel aus. Aber es dauert fast eine Stunde, bis die ersten Zahlen aus dem Wahlkreis Reutlingen eintreffen. Die Gomadinger haben als Erste ausgezählt. Und sie geben den Trend vor, der sich im Laufe des Abends fortsetzen wird. Heftige Verluste für die CDU und SPD, massive Gewinne für die Grünen.

Das Ergebnis der Europawahlen hat auch im Wahlkreis das Parteiengefüge grundlegend verändert. Zwar bleiben die Christdemokraten mit 30,4 Prozent die stärkste Kraft zwischen Walddorfhäslach und Zwiefalten. Im Vergleich zur Europawahl 2014 haben sie jedoch fast zehn Prozent eingebüßt. Die Sozialdemokraten erlitten ein ähnliches Debakel wie bei der Bundestagswahl im Herbst 2017, mit 12,7 Prozent haben sich gerade noch einmal als drittstärkste Kraft behaupten können.

Ganz anders die Grünen: Die Partei hat die Sozialdemokraten im Landkreis überrundet. 22,5 Prozent sind ihr bislang bestes Ergebnis. Die Alternative für Deutschland (AfD) konnte ebenfalls zulegen: Mit 10,7 Prozent gelang es ihr, die FDP (9,8 Prozent) auf Distanz zu halten. Die Linke verlor und liegt nun bei 3,5 Prozent. Erfreulich: Die Wahlbeteiligung ist im Vergleich zur Europawahl 2014 um zwölf Prozent gestiegen.

Mit 25,2 Prozent, das sind 9,5 Prozent mehr als 2014, haben die Grünen in der Stadt Reutlingen das zweitbeste Ergebnis im Wahlkreis erzielt – nur in Wannweil waren sie mit 27,1 Prozent noch besser. In der Stadtmitte haben sie mit 27 Prozent sogar die CDU überholt. Die Christdemokraten mussten auch unter der Achalm Verluste hinnehmen, bleiben aber mit 27,1 (-6,2) Prozent immerhin stärkste Partei. Die FDP baute ihren Stimmenanteil um ein Drittel auf sieben Prozent aus, die AFD legte leicht um 0,7 auf 10,4 Prozent zu. Die SPD konnte sich nicht gegen den Bundestrend stemmen, sie verlor fast neun Prozent und sank auf 15,5 Prozent. Verloren hat auch die Linke, die auf 3,9 Prozent kommt.

In Pfullingen gibt es zwei Gewinner: Die Grünen konnten ihren Stimmenanteil um mehr als zehn Prozent auf 24 Prozent  steigern, die FDP legte auf 9,1 Prozent zu, 4,3 Prozent mehr als bei der Europawahl 2014. Alle anderen verloren, die CDU sank auf 31,5 (38,6 ) Prozent, die SPD fiel um 8,7 auf 12,8 Prozent, die Linke von 3,9 auf 3,3 Prozent. Entgegen des Trends verlor die AfD leicht und kam auf 9,2 Prozent.

Mit 22,9 Prozent schnitten die Grünen in Eningen etwas schwächer als im benachbarten Pfullingen ab, am meisten Prozentpunkte holte auch hier die CDU (30,5). In ihrer ehemaligen Hochburg schafften es die Sozialdemokraten auf 13,6 Prozent, einer der besseren Werte im Wahlkreis. Mit 9,3 (+3,7) Prozent konnte die FDP zulegen, blieb  aber schwächer als sonst im Wahlkreis. Ähnliches gilt auch für die AfD, die 9,8 Prozent erreichte.

In Lichtenstein mussten die beiden Volksparteien CDU und SPD schwere Verluste von jeweils rund neun Prozent hinnehmen. Dennoch liegen die Christdemokraten (33,5 Prozent) in der Echaztalgemeinde noch über dem Wahlkreisdurchschnitt, die SPD (12,7 Prozent) konnte sich gerade noch einmal als dritte Kraft vor der AfD (12,0 Prozent) behaupten. Während die Linke leicht verlor, gelang es den Grünen, ihren Stimmenanteil auf 20,1 Prozent zu verdoppeln.

Für Beate Müller-Gemmeke ist das Ergebnis der Grünen „einfach großartig“. Es zeige, „dass die Menschen ihre Partei beim Thema Klimaschutz für glaubwürdig halten“, sagte die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen. In ihrem Wohnsitz in Pliezhausen erreichten die Grünen mit 24,1 Prozent  ihr drittbestes Ergebnis.

Umwelt- und Klimapolitik: Das sind die zwei Begriffe, um die sich diese Wahl gedreht hat. Für die einstigen Volksparteien gibt es im Wahlkreis Reutlingen nur wenige Inseln der Glückseligkeit. Für die CDU sind Zwiefalten (49,8 Prozent), Pfronstetten (47,7 Prozent) und Römerstein (40,6 Prozent) solche Orte. Für die SPD fällt es freilich schwerer, solche Strohhalme zu finden: 15,5 Prozent in Reutlingen oder 13,6 Prozent in Bad Urach und Eningen. Das ist weniger als die AfD in Pfronstetten (17,0 Prozent) schafft. Dass sich die FDP aufs Ermstal und die Alb traditionell verlassen kann, zeigen einige Beispiele: In Gomadingen holen die Liberalen fast 20 Prozent, in Grabenstetten fast 15, in Metzingen immerhin zehn.

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