Gespräch Interview: Katrin Albsteiger über Veränderungen

Entspannt im hier und jetzt: Katrin Albsteiger ist froh, inzwischen mehr Zeit für ihre Familie zu haben.
Entspannt im hier und jetzt: Katrin Albsteiger ist froh, inzwischen mehr Zeit für ihre Familie zu haben. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Neu-Ulm / Christine Liebhardt 15.09.2018
Vor einem Jahr ist Katrin Albsteiger aus dem Bundestag ausgeschieden. Noch bis November ist sie stellvertretende Vorsitzende der Jungen Union.

Ihr Vater war selbstständig, ihre Mutter Angestellte. Katrin Albsteiger kannte also schon immer beide Seiten des Berufslebens – auch, bevor sie aus dem Bundestag ausgeschieden ist. Das war vor einem Jahr. Seitdem hat sich einiges verändert im Leben der 34-Jährigen: Ihre zweite Tochter ist zur Welt gekommen, seit März arbeitet sie wieder bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm. Sport, Familie – das sind Dinge, für die sie inzwischen wieder etwas mehr Zeit hat.

Frau Albsteiger, ist Ihnen langweilig?

Katrin Albsteiger: Ganz im Gegenteil! Ich frage mich manchmal, wie ich das früher eigentlich geschafft habe. Ich habe mittlerweile das zweite Kind und das ist nochmal eine ganz andere Nummer als „nur“ das eine. Beruf, Familie, das ehrenamtliche und politische Engagement unter einen Hut zu bringen – das ist schon herausfordernd.

Vor fast genau einem Jahr sind Sie aus dem Bundestag ausgeschieden. Wie ging es Ihnen damit?

Dass ich nicht erneut gewählt werden würde, war für mich sehr wahrscheinlich. Ich konnte mich also innerlich darauf vorbereiten. Und trotzdem ist es in dem Moment, wo man aus den Räumen des Bundestags ausziehen muss, die Mitarbeiter verabschieden und einfach sein Leben neu organisieren muss, komisch. Man geht wehmütig, auch wenn man positiv in die Zukunft blickt.

Kamen Sie sich abgewickelt vor?

Das ist vielleicht nicht das richtige Wort. Man hat sechs Wochen, bis man aus dem Amt draußen ist. Das ist ein gewisser Druck. Für mich war das auch schwierig, weil ich zu dem Zeitpunkt hochschwanger war. Das war eine Sondersituation. Allen Leuten Rückmeldung geben, mich von den Kollegen verabschieden... das ist extrem viel zu tun. Das hat eine gewisse Endgültigkeit.

Was fehlt Ihnen?

Ich hab so viel mehr gekriegt, dass ich unterm Strich nicht sagen würde: In meinem Leben fehlt etwas. Aber es gibt zwei, drei Dinge, wo ich merke: Da ist etwas verloren gegangen, was mich emotional berührt.

Und zwar?

Wenn man politisch aktiv ist, dann liebt man ja dieses Einsetzen für die Sache, für Anliegen von Menschen. Das ist eine ganz besondere, nicht alltägliche Tätigkeit. Das ist etwas, was einem schon fehlen kann.

Also vermissen Sie die Macht?

Die Möglichkeiten fehlen. Politik hat immer auch mit Macht zu tun, von dem her ja. Die Handhabe fehlt.

Was noch?

Die unglaubliche Abwechslung dieses Jobs. Und was mir wirklich ernsthaft fehlt, sind Freundschaften. Nicht irgendwelche, sondern ganz bestimmte. Meine engsten Freunde sind nach wie vor im Bundestag. Ich weiß, dass die nicht einfach so mal aus Rheinland-Pfalz nach Neu-Ulm kommen können. Und die erleben einen ganz anderen Bundestag als den, den wir gemeinsam erlebt haben. Da möchten die sich auch mal drüber unterhalten.

Was hat sich in Ihrem Leben positiv verändert?

Mehr Zeit für die Familie. Das ist eigentlich der Dreh- und Angelpunkt der Zufriedenheit. Als ich erfahren habe, dass es nicht mehr klappt, war das erste, was ich gedacht habe: Das Ergebnis für die CSU ist dramatisch, und das hat mich durchaus betroffen gemacht.

Und der zweite Gedanke?

Ein bisschen Erleichterung. Weil ich den Anspruch, den ich an mich als Mutter habe, jetzt anders erfüllen kann. Obwohl ich immer überzeugt war, dass ich wieder arbeiten gehe. Aber es ist was anderes, sein drei Monate altes Kind fünf Tage am Stück nicht zu sehen.

Sie sind immer noch viel unterwegs und sehen Ihre Töchter nicht unbedingt jeden Tag.

Und trotzdem kann ich spät abends nach dem Heimkommen in ihr Zimmer reingehen und ihnen noch einen Kuss geben, und dann bin ich beruhigt und glücklich. Das gibt mir so viel, das wiegt alles andere auf.

Was ist noch neu in Ihrem Leben?

Ich mache wieder viel mehr Sport, das ist ganz wichtig. In Berlin gab es Zeiten, da arbeitet man sieben Tage die Woche, da ist man 14, 16 Stunden am Tag unterwegs. Das ist wie auf Montage gehen. Dadurch, dass ich jetzt wieder in Ulm arbeite, bin ich bei gutem Wetter fast jeden Tag mit dem Fahrrad im Büro. Und ich habe noch Kraft, um regelmäßig joggen zu gehen.

Sie sind auf Instagram aktiv. Was posten Sie und warum?

Aktuell viel Lifestyle, persönliches. Ein bisschen was aus meinem Leben. Es macht Spaß, und deshalb mache ich das. Auch, um als Stadträtin Präsenz zu zeigen, um was vom Menschen zu zeigen. Aber ich bin nicht der Typ, der Familienfotos postet.

Als Bundestagsabgeordnete waren Sie selbstständig tätig. Welche Vorteile hat das Angestelltendasein?

Ich war letztens eine ganze Woche richtig krank, und davon lag ich drei Tage komplett im Bett. Früher war es so: Die Termine macht kein anderer. Man ist ständig am Handy, beantwortet Mails, ist mit den Büromitarbeitern in Kontakt. Als Angestellte war ich unerreichbar krank. Zeit zur Regeneration ist wichtig, dann hat man wieder Kraft zum Arbeiten. Und wenn ich Urlaub hab’, hab’ ich Urlaub. Das ist schon schön.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich stehe morgens auf und geh mit dem Hund raus. Manchmal geh ich joggen. Dann gehe ich ins Büro. In der Mittagspause mache ich meistens etwas Politisches: Ich telefoniere, lese, bereite mich auf Stadtratssitzungen vor, organisiere Veranstaltungen, beantworte E-Mails. Nach der Arbeit gehe ich selten direkt nach Hause: Ich habe Fraktionssitzungen, Kreistag, Stadtrat...

Im November werden Sie 35. Damit scheiden Sie nach 15 Jahren aus der Jungen Union aus.

Die JU ist die Organisation, der ich politisch alles zu verdanken habe. Zu gehen, fällt mir nicht leicht. Aber alles hat seine Zeit im Leben. Da sind 16-Jährige dabei, die natürlich eine ganz andere Vorstellung von ihrem Leben haben wie eine zweifache Mutter, die schon mal im Bundestag war und als Hauptverdienerin eine Familie ernähren muss. Jetzt haben die anderen, jüngeren ihre Zeit.

Aber politische Ambitionen haben Sie weiterhin?

Ich habe das Ausscheiden aus dem Bundestag nicht gewählt, um mich aus der Politik zu verabschieden. Ich bin gerne Stadträtin, ich bin gerne Kreisrätin. Ich diskutiere gerne. Seine Meinung sagen, eine Position vertreten: Das sind Dinge, die kann ich im Stadtrat genau so wie im Bundestag. Deshalb habe ich auch vor, 2020 bei den Kommunalwahlen wieder zu kandidieren.

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Zur Person

Biographie Katrin Albsteiger (CSU) war von 2013 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestags. Sie ist Stadt- und Kreisrätin. Seit März dieses Jahres arbeitet sie wie vor ihrem Mandat bei den Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm als Kommunalkunden-Betreuerin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern (zweieinhalb Jahre und acht Monate alt) und ihrem Hund in Burlafingen.

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