Die Fakten, die Kohlbergs Bürgermeister Rainer Taigel aus dem Landratsamt Esslingen erreichen, lassen ihn längst nicht mehr zur Ruhe kommen. Immer mehr bestätigt sich: In der gerade 2300 Einwohner zählenden Gemeinde unter dem Jusi schlägt die Corona-Pandemie schlimm zu. Im großen Landkreis Esslingen sind aktuell insgesamt 23 Tote zu beklagen – allein fünf der Verstorbenen kommen aus Kohlberg.  

14 Kohlberger sind mit dem Virus infiziert

Daneben haben sich in dem kleinen Ort derzeit 14 weitere Patienten mit dem neuartigen Virus infiziert. Und fast 22 Menschen stehen in Kohlberg momentan unter Quarantäne. 54 Quarantänen sind seit Beginn der Krise angeordnet worden, gut die Hälfte ist wieder abgelaufen.

Kurz, die Situation ist dramatisch, gemessen an der Zahl der Einwohner. Daraus macht der Bürgermeister keinen Hehl. „Wir arbeiten im Krisenmodus. Städte wie Plochingen mit rund 14 000 Einwohnern liegen deutlich unter unseren Zahlen. Meines Wissens nach ist dort noch kein Toter zu beklagen“, sagt Rainer Taigel.

Vermutlich haben sich einige bei einer privaten Veranstaltung angesteckt

Warum Kohlberg so schwer betroffen ist, lässt sich nicht en detail aufschlüsseln. Nicht immer sind die Infektionsketten nachvollziehbar. Einen Verdacht hegen die Behörden allerdings: „Vermutlich haben sich einige Menschen bei einer privaten Veranstaltung angesteckt“, so der Rathauschef. Taigel betont aber: Diese wurde vor der allgemeinen Kontaktsperre begangen. „Es ging alles legal und mit rechten Dingen zu.“

Was der kleine Ort aber jetzt zu spüren bekommt, sind die Tücken, mit denen das Corona-Virus unser Leben lahmlegt: Infizierte bewegen sich teilweise zehn, vierzehn Tage ohne Symptome in der Gesellschaft, erst dann stehen die Zeichen auf Alarm. Die Zahlen, mit denen Kohlberg nun hadert, seien auf die Zeit vor der Corona-Verordnung zurückzuführen, erklärt Rainer Taigel. „Und vielleicht auch auf eine gewisse Unbedarftheit, weil mancher das Virus doch unterschätzt hat.“

Bei der Veranstaltung ist alles mit rechten Dingen zugegangen

Um die  Kohlberger sachlich zu informieren, geht Bürgermeister Rainer Taigel mit seinem Krisenstab in die Offensive: Auf der Homepage der Gemeinde wendet sich der Verwaltungschef in einem offenen Brief direkt an die Bürger. Er nennt (unter Rücksicht auf den Datenschutz) die Zahl der Infizierten im Ort, der Menschen die unter Quarantäne stehen, die Anzahl der Verstorbenen.

Bewusst setze er dieser Tage auf Offenheit und Transparenz, betont Taigel. Denn: „Nichtwissen produziert Angst und schürt Gerüchte. Das brauchen wir gerade am allerwenigsten.“

Nichtwissen produziert Angst und schürt Gerüchte

Vielmehr müsse die Verwaltung eine Gratwanderung schaffen. Einerseits Panik in der Bevölkerung vermeiden, andererseits der Betroffenheit Raum bieten. Gerade das drückt er in seinem offenen Brief aus: „Wertvolle Menschen sind von uns gegangen. Meine Gedanken und mein Mitgefühl sind bei den trauernden Angehörigen und Freunden. Viele von Ihnen sind nun selbst durch Quarantänen betroffen und können nicht im Kreis der Familie und den Freunde Abschied nehmen. Das fällt schwer und ist kaum auszuhalten. Das verstehe ich.“

Der Bürgermeister bittet darum, dass sich alle an die Corona-Verordnung halten

Gleichzeitig bittet der Rathauschef eindringlich darum, dass sich die Kohlberger an die Corona-Verordnung halten und wichtige Sicherheitsmaßnahmen beachten: Die vom Gesundheitsamt ausgesprochenen Quarantänen müssten eingehalten, Kontaktperson gemeldet und Ausgangbeschränkungen beachtet werden. „Das kann lebenswichtig sein.“

Die Verwaltung hat ebenfalls nochmals auf die aktuelle Situation reagiert. Ab sofort sperrt Kohlberg alle Wanderparkplätze rund um den Hausberg Jusi, samt der Grillstelle, die noch diese Woche ganze Gruppen anlockte. Auch der Gemeinderat setzt seine nächsten beiden Sitzungen aus. Entschieden hat das ein Krisenstab, bestehend aus Rainer Taigel selbst, Mitarbeitern der Verwaltung, Pfarrer Harald Geyer, dem örtlichen Mediziner und Vertretern der Feuerwehr. Die Verantwortlichen sind mehrmals täglich im Kontakt, um bei Bedarf schnell entscheiden zu können. Außerdem werden im Rathaus Hilfsangebote gesammelt und an die Betroffenen weiter gereicht. Kohlberg hofft auf bessere Zeiten.