Nach aktueller Lageeinschätzung eher nicht. Denn die AfD hat eine ursprünglich angemeldete neuerliche Kundgebung „gegen den Muezzin-Ruf“ beim Hechinger Ordnungsamt wieder abgesagt. Weder – wie vor Wochenfrist – in der Gammertinger Straße noch – wie am Dienstag geplant – auf dem Kirchplatz wollen die Rechtspopulisten gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes protestieren.

Hörner (AfD): „Wir fürchten um Leib und Leben“

Das geschah „aus Sicherheitsgründen“, wie AfD-Kreis- und -Ortssprecher Hans-Peter Hörner gegenüber der HZ sagte. „Wir fürchten um Leib und Leben.“

„Alboffensive“ rief zum Gegenprotest auf

Hinfällig dürfte damit auch der am Donnerstag verbreitete Aufruf der antifaschistischen „Alboffensive“ sein, am Freitag ab 12.30 Uhr auf dem Kirchplatz „an einem kreativen und kontaktlosen Gegenprotest“ teilzunehmen, um die AfD „gerade am 8. Mai“, dem 75. Jahrestag der Kapitulation Nazi-Deutschlands, „in die Schranken zu weisen“.

Freitagsgebet findet statt

Was stattfinden wird, ist dagegen das zweite öffentliche Freitagsgebet der Hechinger Muslimgemeinde mit Muezzin-Ruf von der Moschee in der Gammertinger Straße.

Offener Brief für Religionsfreiheit

Und was ebenfalls als starkes Zeichen bleibt, ist der „Offene Brief für Religionsfreiheit und interreligiöse Solidarität anlässlich des Protests gegen die Ausrufung des Freitaggebets durch den Imam der Süleymaniye-Moschee in Hechingen“.

Den Brief, den etliche Repräsentanten des öffentlichen Lebens in Hechingen und Umgebung angeschlossen haben, drucken wir nachfolgenden im Wortlaut ab:

„Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hechingen,

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

und

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

So lauten die ersten beiden Absätze des Artikels 4 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Wir, die Unterzeichner dieses offenen Briefs, sehen uns der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet und fühlen uns daher aufgerufen, in der aktuellen Situation Stellung zu beziehen.

Hierbei geht es uns nicht darum, Partei für oder wider die eine oder andere Seite zu beziehen, sondern darum, uns insbesondere in diesen Zeiten der Pandemie für die im Grundgesetz festgeschriebene Religionsfreiheit einzusetzen.

„Ruf zum Freitagsgebet ist für Muslime Trost und Stärkung wie die Kirchenglocken für Christen“

Der Ruf zum Freitagsgebet durch den Imam auf dem Dach der Süleymaniye-Moschee stellt für muslimische Bürgerinnen und Bürger in Hechingen genauso Trost und Stärkung in den Zeiten von Einschränkung und Sorge um Gesundheit und wirtschaftliches Auskommen dar, wie die Kirchenglocken für Christen.

Wir begrüßen ausdrücklich die Entscheidung der Stadt Hechingen, in dieser besonderen Zeit der Moscheegemeinde zu erlauben, dies zu ermöglichen. Es ist seitens der Stadt ein starkes Zeichen der Solidarität, Offenheit und Vielfältigkeit für das religiöse Leben in Hechingen.

Ebenso demokratisch ist es, Bürgern das Recht auf kritische Stellungnahme zu dieser Aktion durch eine Demonstration einzuräumen. Gleichwohl sehen wir hier die Vermischung von Politik und Religion kritisch und sehen mit Sorge auf die kommenden zwei Freitage, da ein sachlicher, friedfertiger und faktenbasierter Dialog in der Sache eher unwahrscheinlich ist.

Wegen Corona: Offener Brief statt Demonstration für Religionsfreiheit

Um die Situation nicht zusätzlich zu erschweren oder den Konflikt zu verschärfen und um das noch immer vorhandene  Ansteckungsrisiko in der Corona-Pandemie zu vermeiden, sehen wir von einem Aufruf zu einer Demonstration für die Religionsfreiheit ab. Wir hoffen sehr, es gelingt auch mit einem offenen Brief daran zu erinnern, dass für ein gutes und buntes Miteinander ein Besinnen auf die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger der Bundesrepublik Deutschland gerade auch in Krisenzeiten wichtig und entscheidend ist.

Für ein friedliches und respektvolles Miteinander.“

Das sind die Unterzeichner:

● Cord Dette, Leitung Fachbereich Jugendarbeit Mariaberger Ausbildung & Service (A&S) gGmbH

● Michael Knaus, Leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit und Kirchengemeinde Hechingen St. Luzius

● Christine Scheel, Geschäftsführerin Mariaberger A&S gGmbH

● Bruno Oberlander, Prokurist Mariaberger A&S gGmbH

● André Guzzardo, Vorstandsvorsitzender Diasporahaus Bietenhausen e.V.

● Francesco Staibano, Fachbereichsleiter Wohnen Jugendhilfe, Mariaberger A&S gGmbH

● Thomas Fischer, Fachbereichsleiter Wohnen Jugendhilfe, Mariaberger A&S gGmbH

● Konrad Flegr, Netzwerk für Vielfalt und Akzeptanz

● Almut Petersen, Fraktionsvorsitzende der Hechinger Bunten Liste und Vorsitzende des Arbeitskreis Asyl Hechingen e.V.

● Leonie Schneider-Loye, Stellvertretende Schulleiterin Berufliches Schulzentrum Hechingen

● Rainer Brandner, Burladingen ist bunt – Bündnis für Offenheit und Menschlichkeit

● Dr. Roland Plehn, Schulleiter Berufliches Schulzentrum Hechingen

● Karl-Heinz Rauch, ehemaliger Schulleiter Alice-Salomon-Schule, Migrationsbeirat Zollernalbkreis

● Hannes Reis, Ortschaftsrat Hechingen- Stetten, Stadtrat Hechinger Bunte Liste, Vorsitzender: Förderverein Klosterkirche St. Johannes e.V. Stetten; Hohenzollerische Jakobusgesellschaft e.V.

● Erwin Feucht, Kreisvorstand B‘ 90 Die Grünen Zollernalb, Stadtrat Balingen und Sprecher Arbeitskreis Asyl Balingen

● Uwe Jetter, Kreisvorstand B‘ 90 Die Grünen Zollernalb, Kreisrat und Stadtrat Balingen

● Dr. Ulrich Kohaupt, Kreisvorstand  B‘ 90 Die Grünen Zollernalb und Kreisrat

Was bisher geschah:

Auflauf vor der Moschee in Hechingen Ein bisschen Kampf der Kulturen am 1. Mai

Hechingen