Ich komme aus dem Altersheim und bin hergelaufen“. „Ich habe Lust gehabt, andere Menschen zu treffen“. „Ich war noch nie hier“. Solche Sätze hörte man bei der ersten Ehinger Vesperkirche, die am Wochenende im evangelischen Jugendheim viele Menschen anzog. Im Saal und den angrenzenden Räumen herrschte reges Treiben.

Die Leute kamen miteinander ins Gespräch und mancher blieb länger, als er eigentlich wollte. Man hatte den Eindruck, dass jeder gesättigt an Leib und Seele wieder heimging, egal ob Hilfebedürftiger, Helfer oder Gast. „Es sind Leute eingeladen, die sich ein teures Essen in einem Restaurant leisten können“, sagte der Schirmherr Heinz Seiffert bei der Eröffnung in der Kirche am Samstagvormittag. „Aber auch Menschen, die das nicht können“.

Er habe sich vor zehn Jahren bei der Einrichtung des Ehinger Tafelladens gefragt „Ja, braucht‘s denn so was in Ehingen?“. Mittlerweile habe sich bestätigt, dass es einen Tafelladen mit mehr als 200 berechtigten Kunden durchaus braucht. Diese Kunden bekamen einen Gutschein fürs Essen. Und wer für die 1,50 Euro lange im Geldbeutel kramen musste, bekam an der Kasse von den Damen einfach einen weiteren Gutschein in die Hand gedrückt. „Ist schon bezahlt“, hieß es dann.

Im Hintergrund hatte eine große Anzahl genannter und ungenannter Sponsoren dafür gesorgt, dass der Tisch reich gedeckt und liebevoll geschmückt war. Blumen und bunte Servietten stimmten frühlingshaft, die Sonne schien durch die große Glasfront des Saals und auch im Außenzelt konnte man sich aufhalten.

Lilli Schneider aus dem Seniorenzentrum in der Hopfenhausstraße kam an beiden Tagen. „Ich war zum Mittagessen da, mache dann einen Spaziergang zum Friedhof und komme zum Kaffeetrinken wieder“, erzählte die Seniorin. „Es ist so schön hier, ich habe auch mit der Frau Seiffert gesprochen, das hat mich sehr gefreut“, sagte sie. Alissa Abir kam mit zwei ihrer vier Kinder und saß bald ohne Kinder am Tisch. Denn die Mädchen zog es nach dem Essen an den Spieltisch des Kinderschutzbundes, an dem sie malten und bastelten.

Andere Gäste meldeten sich für die Nackenmassage von Monika Walker-Steinchen an oder ließen sich für Bewerbungsfotos fotografieren. „Ich hatte alle Termine voll und hätte noch mehr massieren können“, sagte die Masseurin. 22 Personen ließen sich ablichten. Die Schuldnerberatung war ebenso vor Ort wie die Friseure der Organisation „barber angels brotherhood“, die Bedürftigen einen Haarschnitt schenken.

Auch Spaß kommt nicht zu kurz

Im Gang der Kirche saßen gestern die jungen und älteren Anwärter in einer Reihe hintereinander und ließen sich von den vier Friseurinnen und Friseuren umsorgen. „Am liebsten alles“, gab ein Mann an, als er nach seinem Frisurwunsch gefragt wurde. Die Schere glitt bei ihm über die langen Haare, den struppigen Bart und die vorwitzigen Augenbrauen. Rund 260 Mitglieder hat die europaweit karitativ tätige Organisation. Beim Haareschneiden kam auch der Spaß nicht zu kurz, weil mancher über die Veränderung sehr erstaunt war und es an bewundernden Zuschauerkommentaren nicht mangelte.

„Unsere Ehinger Vesperkirche trägt die Handschrift von Marlis Ratzinger und Dorothee Brinkschmidt-Haase“, hatte Pfarrerin Susanne Richter bei der Eröffnung gesagt. Das Motto „Gemeinsam an einem Tisch“ zeige sich in dem kreisrunden Logo, erläuterte  Richter. Rund 50 Helfer aus den unterschiedlichsten Organisationen wie Tafelladen, DRK, Bruderhaus Diakonie, der Arche und der Kirchengemeinde hatten die Vesperkirche vorbereitet, bedienten und räumten wieder auf.

Am Samstag wurden rund 120 Essen ausgegeben, am Sonntag waren es 200. Dazu gab es Getränke, Kaffee, Kuchen und Vespertüten zum Mitnehmen. „Unsere Erwartungen haben sich voll erfüllt“, sagte Pfarrerin Richter am Sonntag. Die Erwartungen der Gäste sogar noch mehr.